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Veröffentlicht: 02.11.2015, 12:27 Uhr

Akif Pirinçcis Pegida-Rede Eine Geschichte von Fehlern, Exzessen und Scheinheiligkeit

Der Ausschluss des Hetzredners Akif Pirinçci aus dem öffentlichen Diskurs ist kein Verlust. Doch dass seine Aussagen bei Pegida von  Medien im falschen Zusammenhang zitiert wurden, ist verheerend.

von Stefan Niggemeier
© DAVIDS Akif Pirinçci spricht in Dresden bei der Pegida-Demonstration am 19. Oktober 2015

Er hat „Jehova“ gesagt. In „Monty Pythons“ Film „Das Leben des Brian“ genügt das Aussprechen dieses einen Wortes, um von einer besinnungslosen Menge gesteinigt zu werden.

Akif Pirinçci hat „KZ“ gesagt. Und allein mit der Verwendung dieses Wortes, so scheint es, hat er sich um seine Satisfaktionsfähigkeit und seine Existenz gebracht. Händler wollen seine Bücher nicht mehr verkaufen, Verlage haben seine alten Romane aus dem Verkehr gezogen, Mitstreiter distanzieren sich. Er ist nicht mehr der umstrittene Autor, sondern der indiskutable.

Sein Ausschluss aus dem öffentlichen Diskurs ist kein Verlust. Er ist ein notwendiges Signal, dass es in einer Auseinandersetzung Grenzen gibt. Aber die Art, wie dieser Rauswurf vollzogen wird, wirft Fragen auf. Die Geschichte der modernen Steinigung des Akif Pirinçci ist eine Geschichte von Fehlern, Exzessen und Scheinheiligkeiten.

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Das beginnt bei der Frage, was der Schriftsteller Anfang vergangener Woche gesagt hat in seiner mühsam vorgelesenen Pegida-Rede, die zur „KZ-Rede“ geworden ist. Die überall zitierten Skandalsätze lauten: „Es gäbe natürlich andere Alternativen, aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Sie beziehen sich nicht, was angesichts des Umfeldes naheläge, auf den Umgang mit Flüchtlingen. Sie beziehen sich auf den Umgang mit Gegnern der deutschen Flüchtlingspolitik. Deutsche Politiker, behauptet Pirinçci, agierten „zunehmend als Gauleiter gegen das eigene Volk“. Aus ihrer Sicht sei es bedauerlich, dass es keine Konzentrationslager mehr gebe, in die man Kritiker stecken könnte.

Es ist schwer zu sagen, wie viele der Demonstranten auf dem Theaterplatz in Dresden das so verstanden haben. Pirinçcis Text war für eine solche Rede völlig ungeeignet; seine Unfähigkeit, sie vorzutragen, tat ein Übriges. Aber für jeden, der darüber berichtete, war es unmittelbar danach möglich, im Netz nachzusehen, was Pirinçci genau gesagt hatte.

Formulierungen in die Irre

Dennoch haben es große Teile der Medien nicht geschafft, den Kontext richtig wiederzugeben. Die evangelische Nachrichtenagentur epd formulierte in die Irre: „Auf der ,Pegida‘-Demonstration hatte er im Zusammenhang mit der Errichtung von Asylbewerberheimen gesagt: ,Es gäbe natürlich andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.‘“ „Zeit Online“, „Bild“, „Handelsblatt“, Deutschlandfunk, „Berliner Zeitung“, sie alle verfälschten Pirinçcis Aussage, indem sie den Zusammenhang wegließen oder einen anderen suggerierten. Der „Tagesspiegel“ schrieb: „Letzte Woche dann bedauerte der Pegida-Redner Akif Pirinçci, dass die KZs ,derzeit außer Betrieb‘ seien, ,leider‘.“ Markus Lanz behauptete im ZDF: „Da geht dann jemand wie der Schriftsteller Pirinçci auf die Bühne und sagt einen Satz wie: Es gäbe natürlich auch andere Alternativen – mit Blick auf Ausländer generell – aber, und jetzt Zitat: ,Die KZs sind ja derzeit leider außer Betrieb‘.“ In der „Tagesschau“ sagte Justizminister Heiko Maas: „Zumindest die, die auf der Bühne standen und bedauerten, dass die KZ nicht mehr in Betrieb sind, das sind Nazis.“

Nicht alle Medien informierten falsch; manche, wie die „Berliner Morgenpost“ und gelegentlich dpa, wiesen explizit darauf hin, dass sich Pirinçcis KZ-Satz nicht auf Flüchtlinge bezog. Aber die irreführende Darstellung fand größte Verbreitung.

Es ist an sich schon beunruhigend, dass es die Mehrheit der großen deutschen Medien nicht schafft, eine entscheidende, leicht überprüfbare Tatsache richtig wiederzugeben. Es ist aber ganz besonders brisant angesichts des Misstrauens, mit dem nicht nur AfD-Sympathisanten ihrer Berichterstattung begegnen. Journalisten wehren sich gegen den „Lügenpresse“-Vorwurf gerne aus einer Position der Überlegenheit: Denen, die das rufen, passten nur die berichteten Tatsachen nicht. Hier zumindest finden die Kritiker ein Beispiel dafür, dass es die Journalisten sind, die sich weigern, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Dass dieser Fehler die Berichterstattung über alle Mediengattungen hinweg dominiert, ist umso verheerender.

Was denken sie? Denken sie was?

Am vergangenen Wochenende ließ die „Frankfurter Rundschau“ „Andersdenkende“ zu Wort kommen, Kritiker der Asylpolitik und der Berichterstattung. Die Zeitung fragte: „Was denken sie? Denken sie was?“ Sie berichtete über eine Leserbriefschreiberin, die den „FR“-Demonstrationsartikel bemängelte: „Die Pegida-Kundgebung vom 19. Oktober hat sie nicht besucht. Über die Dresdener Rede von Akif Pirinçci ließ sie sich berichten und zog daraus die Information, dass der Satz ,die KZs sind ja leider außer Betrieb‘ in der Berichterstattung aus dem Zusammenhang gerissen worden sei.“ Die „FR“ legte nahe, dass die Frau keine Ahnung hat.

Dabei ist das, was Pirinçci wirklich gesagt hat, kaum weniger skandalös. Er vergleicht sich und seinesgleichen mit den Juden im Dritten Reich. Die Fremdenfeinde als verfolgtes Volk, das die Herrschenden am liebsten in Konzentrationslager schicken würden, wenn die nicht, „leider“, geschlossen wären – das ist ein unerträgliches Bild. Die Zahl der tatsächlichen „Denk- und Sprechverbote“ in Deutschland steht zwar im umgekehrten Verhältnis zur Inflation der öffentlichen Klage über ihre angebliche Existenz, aber der Nazi- und KZ-Vergleich ist tatsächlich ein Tabu.

36994675 © Thomas Rabsch/laif Vergrößern Akif Pirinçci

Pirinçci hat diese Grenze überschritten, und er tat es bewusst – er hatte es vorher in seinem Blog angedeutet. Man kann nur ahnen, dass er, angetrieben von der Begeisterung seiner Fans über seine verbalen Ausfälle, immer noch drastischer und provokanter zu formulieren versuchte, das Hetzpotential aber leider schon so weit ausgeschöpft hatte, dass da nicht mehr viel blieb als ein KZ-Vergleich.

Daraufhin also beschloss der Online-Händler Amazon, der sonst ungefähr alles verkauft, dass es eine gute Idee wäre, die Bücher von Pirinçci nicht mehr zu verkaufen. Und die Verlage Diana, Goldmann und Heyne mochten plötzlich Pirinçcis Katzenromane nicht mehr anbieten, als wären die, mit ihrem Verfasser, nachträglich böser geworden. „Was können denn die armen Katzen dafür“, fragte der Autor, was eine ebenso doofe wie berechtigte Frage ist.

Die Begründung der Bertelsmann-Verlage für den drastischen Schritt ist vage. Sie formulierten „große Bestürzung und Unverständnis“ über die „inakzeptablen Äußerungen“ ihres früheren Autors – ohne zu sagen, welche genau sie meinen: Den KZ-Satz? In der kolportierten oder in der tatsächlichen Form? Oder die ganzen Hetztiraden gegen Politiker, Muslime, Minderheiten?

Wenn es den Verlagen ernst wäre mit ihrer Behauptung, der Schutz von Menschenrechten, der Respekt vor Traditionen und der Wunsch nach kultureller Vielfalt sei ein „zentraler Bestandteil“ ihres Schaffens – sie hätten sich lange vorher von Pirinçci distanzieren müssen. Die von Fäkalien durchsetzten Versatzstücke seiner Rede konnten Fans vermutlich teilweise auswendig mitsprechen, so sehr sind sie Routine für ihn. Selbst das für seinen laschen Umgang mit Hetzreden berühmte Facebook hatte Pirinçci zwischenzeitlich gesperrt.

Pirinçcis unbändige Menschenverachtung

Sein Buch „Deutschland von Sinnen“ ist nicht nur eine Kampfschrift für eine Rückkehr Deutschlands in die sechziger Jahre. Es ist geprägt und getrieben von einer unbändigen Menschenverachtung. Pirinçci verachtet Muslime, Linke, Grüne, Schwule und Lesben, und er lebt diese Verachtung aus, extrem wie in einem Splatter-Film. Sie ist nicht nur eine etwas übelriechende Begleiterscheinung seiner Wortmeldungen, sie ist ihr Kern, sein Markenzeichen. Schon der Text, der seinen neuen Ruhm begründete, den er 2013 auf Henryk M. Broders „Achse des Guten“ veröffentlichte und in dem er behauptete, Banden junger Muslime zögen durchs Land, um die deutschen Männer auszurotten und die deutschen Frauen zu vergewaltigen, schon dieser Text war so jenseitig, dass Tobias Kaufmann, der ebenfalls in diesem rustikalen Umfeld bloggte, sich „zutiefst erschüttert“ über die Veröffentlichung zeigte: Pirinçci habe Standardrhetorik von Neonazis benutzt.

Seine Katzenroman-Verleger scheint das nicht gestört zu haben. Sie verdienten weiter mit an Pirinçci. Erst jetzt erschien es ihnen geschäftsfördernder, sich öffentlichkeitswirksam von seinem Werk zu trennen.

Einzelne Medien, die sich jetzt so angewidert von Pirinçci abwenden, sind ähnlich scheinheilig. „Bild.de“ warb mit einer Leseprobe für „Deutschland von Sinnen“; die „Bild am Sonntag“-Autorin Anja Hardenberg fragte ihn allen Ernstes: „Kann man eine solche Wutschrift nur schreiben, wenn man Deutschland wirklich liebt?“ Das ZDF lud Pirinçci zu einem netten PR-Geplauder auf sein „Mittagsmagazin“-Sofa ein. Der „Focus“ bot ihm eine Bühne und prahlte: „Gegen ihn ist selbst Sarrazin zahm.“

Die rechte Zeitung „Junge Freiheit“ hat in dieser Woche Stimmen von Publizisten zusammengetragen, die den Boykott von Pirinçci und seinen Werken als undemokratische Überreaktion brandmarken. Zur Meinungsfreiheit gehöre es, ihn und seine Wutreden auszuhalten. Sie mögen recht haben, was die Überreaktion angeht, aber immer wieder findet sich in ihren Stellungnahmen der Gedanke: Pirinçcis Formulierungen seien zwar geschmacklos, aber...

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Das ist ein Problem. Denn es geht beim Umgang mit Pirinçci nicht um Fragen des Geschmacks, ob man es mag, wie oft er „ficken“ schreibt. Es geht darum, dass Texte, die sich einen Sport daraus machen, so verachtend und verletzend wie möglich über Minderheiten zu schreiben, keine zulässigen Debattenbeiträge sind. Und dass sich jemand, der solche Hetzschriften verfasst, damit für den gesellschaftlichen Diskurs disqualifiziert. Darüber sollte es einen Konsens geben – ganz ohne klammheimliche Freude, wie lustig und erfrischend sein Hass doch ist.

Glosse

Zurechtgerüttelte Menschenleiber

Von Hannes Hintermeier

Wer es pünktlich zur Leipziger Buchmesse schaffen will, der muss so einiges mitmachen – diesmal in der S-Bahn statt in der Straßenbahn. Mehr 0

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