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Angiolo Mazzonis Architektur : Vom Futurismus zum Faschismus

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Das soll faschistische Architektur sein? Angiolo Mazzonis Postamt in Sabaudia entfachte eine Parlamentsdebatte. Bild: Reimer Verlag/Katrin Albrecht

Der italienische Architekt Angiolo Mazzoni entwarf vor allem Bahnhöfe und Postämter. Die Ideologie seiner Auftraggeber kümmerte ihn dabei nur bedingt.

          Das Wahrzeichen von Asmara, der Hauptstadt Eritreas, ist eine Tankstelle, „Fiat Tagliero“, und die sieht aus wie ein Flugzeug. „L’aeroplano“ wurde das Gebäude gleich nach der Fertigstellung 1938 genannt. Dreißig Meter Spannweite haben die „Flügel“, unter denen die Zapfsäulen waren, freitragend, ohne Stützen, und Architekt Giuseppe Pettazzi hatte seine Arbeiter mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen, die Gerüste darunter zu entfernen, denn die Leute fürchteten den sofortigen Einsturz dieser Dächer. Sie halten bis heute. Der faszinierende Bau eines Architekten, der sich als Vertreter des Futurismus verstand. Hatte doch 1934 der „Manifesto futurista dell’architettura aerea“ eine eben „fliegende“ Architektur verlangt.

          Unterschrieben hatten dieses Manifest neben dem Futurismus-Erfinder Filippo Tommaso Marinetti der Herausgeber der Zeitschrift „Futurismo“, Mino Somenzi, und der Architekt Angiolo Mazzoni. Marinetti hatte 1932 Mazzoni als „wahrhaft futuristischen“ Architekten bezeichnet, als er bei der Einweihung der auf den trockengelegten Pontinischen Sümpfen errichteten neuen Stadt Littoria (heute: Latina) Mazzonis Bahnhof und Postamt sah. Mazzoni entwarf sein Leben lang vor allem Bahnhöfe und Postämter. Der Moderne waren die fast alle verpflichtet, aber dem Futurismus nur bedingt.

          Die jungen Wilden bauten in der Kolonie

          Das alles und noch mehr erfährt man in Katrin Albrechts aufschlussreicher Monographie, die zugleich eine ausführliche und detaillierte Beschreibung der Arbeitsumstände für Architekten im faschistischen Staat liefert. Entstanden ist das Buch ursprünglich als Dissertation an der ETH in Zürich. Das erklärt auch die Zahl der Fußnoten – es sind knapp neunhundert.

          In den gut zwei Jahrzehnten des italienischen Faschismus, von 1922 bis 1943, ließ man die jungen Wilden in der fernen ostafrikanischen Kolonie Eritrea bauen. Allein in Asmara entstanden um die vierhundert Gebäude – beileibe nicht alle dem „futurismo“ sondern auch dem „razionalismo“ und dem „funzionalismo“ verpflichtet – aber in der Nähe, in der libyschen Kolonie, auf den besetzten Dodekanes-Inseln, im besetzten Albanien und auf der italienischen Halbinsel selbst sollte die Moderne doch gemäßigter ausfallen.

          Der 1894 geborene Angiolo Mazzoni war zudem „Staatsarchitekt“, nämlich Angestellter des riesigen Ministeriums für Kommunikation, das die Eisenbahnen, die Post und Telegraphie, die Handelsmarine und den Straßenbau zu seinen Agenden zählte. Als Leiter des „ufficio 5“, das für Post- und Bahnbauten zuständig war, wurden ihm Aufträge zugesprochen, um die freischaffende Architekten mühsam kämpfen mussten.

          Und dann hielt das Dach doch: Das Fiat Tagliero-Gebäude in Asmara, Eritrea, gebaut von Giuseppe Pettazzi. Bilderstrecke
          Und dann hielt das Dach doch: Das Fiat Tagliero-Gebäude in Asmara, Eritrea, gebaut von Giuseppe Pettazzi. :

          Andererseits hatten Entwürfe eines staatlichen Architekten für staatliche Bauten natürlich einen dem Faschismus angemessenen Ausdruck zu haben – was immer der sein sollte: der italienischen Tradition und der römischen Antike verpflichtet, aber gleichzeitig modern, vorwärts strebende Avantgarde, doch auch wirkungsvolle Selbstinszenierung des kompetitiven Staates. Das war so schwer unter einen Hut zu bringen, dass man guten Gewissens sagen kann, dass es etwas wie „faschistische Architektur“ gar nicht geben konnte – vielleicht abgesehen von der Macht-Architektur einiger Ministerien oder der Bauten für die nicht mehr zustande gekommene römische Weltausstellung EUR.

          Das ist ja bolschewikisch!

          Mazzonis vielgestaltige Bahnhöfe und Postämter wurden bald als futuristisch, rationalistisch oder metaphysisch, bald als traditionalistisch oder neoklassizistisch charakterisiert. Wie schwer man sich mit Zuschreibungen tat, zeigt die damalige Debatte um das neue Städtchen Sabaudia, für welches Mazzoni ein reizvolles Postamt beisteuerte: das sei doch keine faschistische Architektur, das sei internationalistisch, ja bolschewikisch! Bis ins römische Parlament schwappte der Streit, wo Abgeordnete riefen, sie wollten nicht noch mehr Sabaudias in Italien. Erst Mussolini erstickte den Aufruhr, indem er sich hinter die Architekten der Stadt stellte.

          Mazzoni, der bewies, dass Architektur auch unter diktatorischen Bedingungen Qualität haben kann, entkam freilich einem nicht, dem faschistischen Staatsemblem des Liktorenbündels, das laut Gesetz an allen öffentlichen Bauten zu sehen sein sollte. Mazzoni gestaltete es hier als an die Fassade appliziertes Relief, dort als Leuchtkörper oder Sockel der Fahnenstange oder gar grotesk überhöht als richtigen Turm. In seinem sehr modernen Entwurf für den Bahnhof von Foggia versuchte er, seine Vorgesetzten mit der Steigerung des Emblems ins Monumentale zu beeindrucken. Doch Kommunikationsminister Ciano (der Vater des gleichnamigen Außenministers) kommentierte: „Ihr glaubt, mich mit dem Liktorenturm hinters Licht führen zu können, aber dieser rettet ähnliche Schweinereien nicht.“ Der Auftrag für den Bahnhof wurde zurückgezogen.

          Heute sind nicht mehr viele von Mazzonis Bahnhöfen im Original zu besichtigen: Montecatini, Latina, Reggio Calabria und Messina. In Venedig S.Lucia stammen noch die Bahnsteig-Dächer und -Möblierungen von ihm, in Florenz (S.M.Novella) die Wassertürme, Stellwerk und Heizzentrale, in Roma Termini die Seitentrakte. Die Stationen Brenner, Trient, Reggio Emilia und Siena wurden durch Bombenangriffe zerstört. Von seinen Postämtern sollte man sich die von Agrigent, La Spezia, Palermo, Sabaudia und Latina ansehen, nicht bloß von außen, denn auch die Inneneinrichtung ist oft gediegen. Nach dem Krieg verlor Mazzoni seine Stellung im Ministerium, er folgte einem Ruf der Universität Bogotá nach Kolumbien, wo er fünfzehn Jahre lang Architektur und Städtebau lehrte und das Ministerium für öffentliche Bauten beriet. Er starb 1979 in Rom.

          Quelle: F.A.Z.

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