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Kolumne „Bild der Woche“ : Kafkas Verlobung mit dem Text

  • -Aktualisiert am

Die Ausstellung „Franz Kafka. Der ganze Prozess“ im Berliner Gropius-Bau widmet sich dem Manuskript des Romans. Und zeigt Fotos aus dem Leben des Autors, die den Atem stocken lassen.

          Es war verboten, in der Ausstellung zu fotografieren. Ich stand vor dem winzig kleinen Foto im weißen Passepartout in einer fast unerlaubten, aber von mir bestimmten Nähe, es hätte schon Alarm ausgelöst werden sollen, die Wärter hätten kommen sollen, ich hätte mich rechtfertigen müssen vor einem Aufseher.

          Es blieb aber still. Ich war allein in dem sehr hellen Saal. Auf dem Foto war ein Haus, ein einfaches dreistöckiges Haus, das den Rahmen des Bildes zu sprengen schien, es war aus einer solchen Nähe fotografiert, dass es kaum Platz für den Raum um sich herum ließ, als wollte es das Bild komplett besetzen. Mir stockte der Atem, als wäre er in meiner Brust eingesperrt und drückte von innen, wie das Haus gegen den Rahmen des Fotos drückt. Die Fenster klaffen schwarz, wie zahnlose Münder: Sie hatten jemanden verschluckt und wollen mehr.

          Ob ich zuerst die knappe Beschriftung gelesen hatte oder ob es eine Vorahnung war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Das Haus in Kierling bei Wien war der letzte Ort, in dem Kafka wohnte – das Sanatorium Hoffmann. In diesem Haus ist er gestorben. Ich wollte das Foto fotografieren, niemand war da, doch ich fühlte mich beobachtet, oder eher den Regeln unterworfen, dem ungeschriebenen Vertrag des Museumsbesuchers mit einem unsichtbaren Jemand.

          Ich hätte keine großen Schwierigkeiten gehabt, das Foto aus der Sammlung Klaus Wagenbach zu finden, habe mich aber dafür entschieden, es bleibenzulassen, es war mir lieber, mich danach zu sehnen, als wäre es tatsächlich unerreichbar, als wäre es so richtiger, als herrschte ein Verbot, Kafkas letzten Aufenthalt zu verraten und darüber öffentlich zu urteilen. Ich meinte später, das Haus im Internet wiedergesehen zu haben. Drei winzige Figuren standen davor und schauten in die Kamera.

          Als ich diese erste Seite des Romans „Der Prozess“ sah, dachte ich sofort an das Haus, denn die Seite mit dem berühmten Anfang „Jemand musste Josef K. verleumdet haben“ ist dicht beschrieben (wie auch die anderen Seiten in dem Manuskript). Es gibt zwar Abstände zwischen den Zeilen, aber keine freien Ränder, als wollten diese Schrift und dieser Text nicht nur die Seite erobern, sondern die ganze Welt. Sehe ich hier das Verhängnis eines Schreibenden? Josef K. ist verhaftet, und alles gehört zu seiner Verurteilung.

          Ich schaue dieses Blatt lange an, im Versuch zu verstehen, wie die Totalität des Textes entsteht, was für eine optische Verwirrung aus den linearen Zeilen den Trichter des Leseprozesses erschafft. Die Blätter von „Der Prozess“ schimmern in der Dunkelheit des Saals wie beleuchtete Fenster, vom grauen Hintergrund der Vitrinen unterteilt wie von den Gitterstäben eines Gefängnisses.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Die Ausstellung „Franz Kafka. Der ganze Prozess“ im Berliner Martin-Gropius-Bau ist dem Manuskript des Romans gewidmet, von seiner Entstehung bis zum Erwerb. Die Ausstellung scheint sich selbst nach den Gesetzen von Kafkas Texten zu entfalten, sie folgt klaren Regeln, im Bewusstsein der Zwänge von Topographie und Geschichte.

          Fast direkt gegenüber des Ausstellungsorts und fast direkt auf dem späteren Mauer-Streifen, im Hotel „Askanischer Hof“, hat Franz Kafka im Juli 1914 seine zugleich erstrebte und gefürchtete Verlobung mit Felice Bauer im Beisein ihrer Schwester Erna und Grete Bloch, einer Freundin von Felice, gelöst.

          Das Gewünschte ist zur Bedrohung geworden, zu einem Mittel der Repression. Das Gespräch mit den drei Damen (denke nur ich an das Urteil des Paris?) hat Kafka im Tagebuch als „Gericht im Hotel“ bezeichnet, und fast sofort danach hat er, parallel zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als wäre auch der Krieg Teil der Verurteilung, angefangen, den „Prozess“ zu schreiben, in zehn Heften (denke nur ich an die Zehn Gebote Gottes?), nicht linear, sondern zugleich.

          Was folgte, ist legendär: Kafka schenkt den nie beendeten Roman seinem Freund Max Brod, mit der Aufforderung, ihn zu verbrennen. Brod ordnet den Text und publiziert ihn 1925, ein Jahr nach Kafkas Tod. Einen Tag vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, am 15. März 1939, verlässt Max Brod Prag und geht nach Palästina, das Manuskript hat er dabei. Er schenkt es Esther Hoffe, die fünfzig Jahre später, ein Jahr vor dem Mauerfall, den „Prozess“ für eine astronomische Summe nach Deutschland verkauft. War nicht nur das Schreiben, sondern das Nicht-Vollenden, die Täuschung der Ordnung, die Schenkung an den Freund, die Hoffnung auf eine Verbrennung – war all das ein Versuch, der Endgültigkeit zu entgehen?

          Ich erinnere mich wieder an die drei Figuren auf dem geheim gehaltenen Foto und denke an den Tagebuch-Eintrag, den Franz Kafka ein paar Tage nach dem „Gericht im Hotel“ schreibt, wie er stur einen unreifen Pfirsich mit Messer und Gabel isst und dabei beobachtet wird.

          Die Ausstellung im Berliner Gropius-Bau läuft noch bis zum 28. August.

          Quelle: F.A.S.

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