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Kolumne „Bild der Woche“ : Please return

  • -Aktualisiert am

Ein Fund aus dem Schuhkarton von Kandry: Julian Rust mit seiner Tochter Helen, vermutlich Mussoorie, Indien Bild: Anastasia Markelova Collection

Eine Fotografin hebt einen unheimlichen Schatz in einem Antiquariat in Sri Lanka: Hunderte von Fotos einer europäischen Familie aus den Jahren zwischen 1880 und den 1930. Es gibt keine Erben. Auf wen haben diese Bilder gewartet?

          Einladend öffnet sich ein märchenhafter Weg durch den Wald oder durch einen Park. Die schweren Pfoten der Bäume, mit üppigem Schnee bedeckt, kontrastieren mit zwei Figuren, Vater und Tochter, und einer dritten, einer Kamera auf einem Stativ. Alle drei sind schwarz und flach, als wären sie Silhouetten, ausgeschnitten aus Papier und in die Landschaft gestellt.

          Ein kleiner technischer Fehler, eine Schwierigkeit bei der Belichtung genügt, und aus dem Wintermärchen strömt etwas Unheimliches, als wäre die Welt des Schnees real, die Menschen mit ihren Apparaten dagegen unwirklich, als wären sie schwarze Löcher im Bild, in der Natur, Sogstellen. Der Fotograf hat das detaillierte Weiß dem detaillierten Schwarz vorgezogen. Das Foto ist leicht beschädigt, und durch den vergilbten Schnee sickert das Weiß des Papiers - die weiße Vergänglichkeit des Stoffs im Kontrast zur schwarzen Vergänglichkeit des Gedächtnisses.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Dieses Bild stammt aus einem Familienarchiv, das zufällig gefunden wurde. Man weiß nicht, ob dieses Foto ein willkürliches Fragment ist oder ob es exemplarisch für die ganze Geschichte stehen darf, die hier erzählt werden könnte. Die Perspektive des Bildes verlockt uns dazu, den Schneeweg zu betreten und in die Richtung der beiden Figuren zu bewegen (auch bei uns wird es Winter), hin zu Julian Rust und seiner Tochter Helen.

          Sie wurden, wie viele andere, von einer jungen Moskauer Fotografin entdeckt, in einem Antiquariat in Kandy, der ehemaligen Hauptstadt Sri Lankas. Ein Schuhkarton stand auf der Vitrine in der Mitte des kolonialen Allerlei, und die junge Frau, die schon in vielen Ländern in Antiquariaten und auf Flohmärkten nach Familienfotos gestöbert hatte, wusste sofort: Sie hielt einen Schatz in ihren Händen.

          Hunderte von Fotos einer europäischen Familie, zwischen den 1880er und den 1930er Jahren. Porträts, Tanz- und Badeszenen, inszenierte Fotos, Collagen, Fotos im Stil von Postkarten. Sie reisten mit Schiffen, in Zügen, Autos, Jachten, ritten auf Elefanten, Pferden und Kamelen durch Afrika, Amerika, Europa. Die Kinder wurden erwachsen, bekamen selbst Kinder, die ebenfalls groß wurden.

          Anastasia, so heißt die Moskauer Fotografin, wählte dreihundert Fotos aus der Kiste aus und fuhr in der Überzeugung nach Moskau, mit ihrem Leben sei etwas passiert. Sie recherchierte, fand den Namen der Familie heraus, kehrte wieder nach Sri Lanka zurück, kaufte weitere Fotos aus der Kiste, die immer noch auf sie warteten. Julian Rust war ein englischer Aristokrat - der Familie gehörten Handelsschiffe, Tee- und Kautschukplantagen, Immobilien auf allen Kontinenten. Ein indischer Prinz bestellte ihnen einen Zug, wenn sie ihn besuchten, auf einem Foto schenkt Helen dem zukünftigen König Edward VIII. Blumen, und dann besteigen sie noch den Kilimandscharo. Julians Vater hatte schon 1860 ein Fotogeschäft in London, Julian selbst war Fotograf, er hat die 16-jährige Indira Gandhi fotografiert.

          Anastasia fand unendlich viele Fotos von der jungen, immer tanzenden Helen, auf denen sie oft mit ihrem Hund posiert. Sie hat sogar den Diener von Helen (sie ist 1914 geboren worden), die auf dem Foto vielleicht acht Jahre alt war, gefunden und erfuhr, dass Helen erst 2004 in Kandy gestorben ist. Helen hat ihr Haus dem Diener geschenkt, der sie fünfzig Jahre lang begleitet hatte, und den Schuhkarton hat sie einige Jahre vor ihrem Tod verkauft, als sie die Arztrechnungen nicht mehr bezahlen konnte.

          Ihr Schatz ist Anastasia unheimlich: Warum hat der Schuhkarton auf sie gewartet? Sie stellt fest, dass die drei Kinder von Julian - Violet, Cecil und Helen - keine Kinder hatten. Somit gibt es keine Nachkommen. Das schwarze Mädchen auf dem Foto war die letzte. Anastasia ist somit die einzige Erbin dieses Schuhkartons und der ganzen verschollenen Familiengeschichte.

          Auf der Rückseite eines Fotos findet Anastasia die Aufforderung „Please return“ und fühlt sich angesprochen. Dabei ist unklar, was „zurückgeben“ hier bedeutet und wer wem was zurückgeben soll. Anastasia sucht nach einer Form. Sie eröffnet ein „Internet-Portal ins Totenreich“ - für die Geschichte der Familie Rust im Netz -, sie findet Verwandte dritten Grades, schreibt eine Diplomarbeit darüber und bereitet ein Buch vor, in dem zwei Märchen sich kreuzen: eines über das immer tanzende Mädchen und ihren Zauberhund, das andere über ihr eigenes Auffinden des Schatzes.

          Die Stärke dieses Sujets liegt außerdem darin, dass die Fotografin in voller Entschlossenheit, auf beinahe archaische Weise naiv, den Fund zu ihrem Schicksal erklärt, ihrer Berufung folgt, nicht ahnend, dass schon ihr Name Anastasia „die ins Leben Zurückkehrende“ bedeutet. Damit entfaltet sich die Vergangenheit der verschwundenen Familie in ihrer Zukunft und blickt auf uns zurück. Hier auf diesem Bild fotografiert ein Amateur einen Fotografen, der bereit ist, in seine Richtung zurückzuschießen. Stehen auch wir im Fokus?

          Quelle: F.A.S.

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