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Kolumne „Bild der Woche“ : Wenn der Farn blüht

  • -Aktualisiert am

Das Foto hat Taras Kuscynskyj gemacht, das Design stammt von Stanislav Dvorský. Aber wer ist das Mädchen? Bild: Supraphon

Vor kurzem habe ich meine Plattensammlung wiedererhalten. Und fand ein Album, dessen Coverfoto mich als Kind verzaubert hatte. Jetzt weiß ich, wer es gemacht hat – und wen es zeigt.

          An diese Schallplatte erinnere ich mich, seit ich ein Kind war. Wir hatten eine große Sammlung, und das war eine der schönsten, vom tschechischen „Supraphon“. Ich hatte damals noch keine Fotos von nackten Menschen gesehen. In unserer Welt gehörte Nacktheit der Antike, aber nicht ins Reich der Fotografie.

          Als ich zwölf war, ging ich monatelang nicht in die Schule, ich blieb zu Hause, las und hörte diese Platte, unaufhörlich. Ich weiß nun nicht mehr, ob es erst die Musik von Schubert war, die mich alarmierte und für immer mitnahm, oder die Hände dieser Frau, die dort im Wald saß, in der Dunkelheit, eine fremde, für mich damals eine erwachsene Frau, ja, ich war von ihren Händen erschüttert. Niemals zuvor hatte ich Hände gesehen, die meinen so ähnlich waren. Ich dachte sogar: Was macht diese Frau mit meinen Händen im dunklen Wald, nackt und ruhig? Und was soll dieser „Tod und das Mädchen“, wenn ich schon so krank bin?

          Ich habe Stunden vor diesem Bild gesessen, in die Dunkelheit gestarrt, auf den Fleck ihres Giraffen-Nackens, auf die beleuchteten und die dunklen Stellen ihres Körpers, die merkwürdige Dreiecke formten, zwischen Kinn und der Hand, zwischen den Knien, zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihre Pose, ihr Körper konstruierte ein rätselhaftes Ornament, ein Labyrinth, ich drehte den quadratischen Umschlag in meinen Händen, während die Schallplatte sich drehte, im Versuch, eine Lösung, eine Erklärung für diese Linien, diese Biegungen und Ecken zu finden.

          Sie leuchtete, diese Wald-Nymphe

          Wo bleibt das Leben? Wo steckt der Tod? Ihr Körper war da, ihre Ganzheit, die in meinem Kopf ein Puzzle bildete, das ich selbst noch zusammenlegen sollte, und ich zog auch meine Knie an, um dem Geheimnis näher zu kommen. Trotzdem sah ich kein Mädchen, sondern eine Frau, die sich in der Natur auflöst, ich sah hier keinen Tod. Sie war eine Frau, das Mädchen war ich.

          Vor kurzem habe ich meine Plattensammlung wiedererhalten, die merkwürdigen Reste. Aber sie war da, nach dreißig Jahren Trennung saß sie wieder vor mir, lebend. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Sie leuchtete, diese Wald-Nymphe, ich war froh, sie wieder zu sehen, sie war nun viel jünger als ich: neue Begegnung über die Erinnerung hinaus.

          Ein Farnblatt streichelt ihren Nacken, das andere überdeckt die Stirn, die Hände legen sich an ihren Körper wie die Fächer des Farns um sie herum, auch ihre sich leicht auflösenden Finger wiederholen den zarten Blätterschnitt des Farns. Nur einmal pro Jahr – einer Legende nach – blüht der Farn, in der Nacht vor der Sommersonnenwende, zum Iwan-Kupala-Fest, wenn Mädchen und Jungen über das Feuer springen, nackt baden und dann in die Wälder ziehen, auf der Suche nach einer Farnblume.

          Ich hörte die sehr zerkratzte Platte „Der Tod und das Mädchen“, und die Frau saß wie ein frischer noch nicht ausgerollter Farnwedel, ihre Nacktheit wirkte nicht nackt, denn wie können Pflanzen nackt sein? Sie ist durch ihren eigenen Körper behütet. Leicht zusammengepresste Knie, gekreuzte Hände, in dieser Beugung ist sie dreifach umarmt, einmal von sich selbst, dann von der Natur und dann noch einmal durch den Blick des Betrachters. Sie ist geschlossen, aber mit einem offenen Ohr.

          Das Gesicht der tschechischen Mode

          Zum ersten Mal drehte ich den Umschlag um und las der Namen des Fotografen: Taras Kuščynskyj. Ein ukrainisch klingender Name. Es war nicht schwierig, ihn im Netz zu finden, er war einer der bedeutendsten tschechischen Fotografen. Zahlreiche Fotos und Artikel kamen zum Vorschein. Er hat für Illustrierte gearbeitet, aber meistens hatte er Akte unter freiem Himmel fotografiert. Er starb 1983 mit fünfzig Jahren. Ich fand eine Kuščynskyj-Fan-Seite auf Facebook und hoffte, dass diese Frau, die auf dem Umschlag von 1979 abgebildet ist, doch bitte noch leben solle, und fragte in die Runde, wer die Frau auf dem Bild sei, und eine sagte: „ich“. Dana Pitchon, damals Vašátková, langjährige Muse von Taras.

          Zehntausende Bilder haben sie zusammen gemacht. Er sah sie zum ersten Mal, als sie fünfzehn war und sich am Fenster im fünften Stock eines Prager Wohnblocks sonnte. Er war Planer in einem Architektur-Büro gegenüber und begann, sie zu fotografieren. Sie wurde zu seinem Lieblingsmodel, durch sie fand er sein Genre. Er kaufte ein Haus auf dem Land und hat sie meistens dort fotografiert.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Sie wurde zu einem Top-Model der sechziger und siebziger Jahre, zum Gesicht der tschechischen Mode, und emigrierte Anfang der Achtziger in die Vereinigten Staaten. Das Foto, das für die Hülle benutzt wurde, hieß „Schoulena“ (die Gebeugte, 1972) und wurde mehrfach prämiert und reproduziert. Als ich Dana nach La Honda in Kalifornien schrieb und meine Geschichte erzählte, sagte sie, dass sie nach Prag eingeladen sei: Dieses Foto erscheine im November als Briefmarke. „Aber diese Hände habe ich nicht mehr“, fügte sie hinzu.

          Eine Briefmarke für mich. Ich werde mitfahren, die Briefmarke kaufen, einen Brief an meine Eltern schicken, die meine Schallplatten so lange aufbewahrt haben, dass ich ihnen nun das Foto mit Dana von Taras Kuščynskyj zurückschicken kann. Damit schließt sich der Kreis um diese Arabeske der weiblichen Natur.

          Quelle: F.A.S.

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