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Katastrophen Wo ich war, soll Eis werden

03.05.2004 ·  Es wird kälter: Roland Emmerich dreht einen Brüller übers Klimadesaster, und die Nasa weist ihre Mitarbeiter an, dazu zu schweigen. Für die Bush-Regierung sind Katastrophen nur Werke der Natur, nie der Politik.

Von Dietmar Dath
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Wer sich damals über die reißzahnscharfe Zukunft nicht aus der Zeitung, sondern lieber aus dem Kaffeesatz der Science-fiction zu informieren pflegte, hatte beim Regierungsantritt von George W. Bush Gelegenheit, sich düstere Szenarien von der Internierung, dem Hausarrest oder sonstigen Maulsperren auszumalen, mittels deren das neue Regime einige der führenden futuristischen Köpfe des Landes aus dem Verkehr würde ziehen müssen. Denn die jedermann vorab zugänglich gemachten technik- und umweltpolitischen Programmpunkte des Projekts "Bush II" waren von einer so treuherzigen Ungeschlachtheit, daß Science-fiction-Autoren wie William Gibson, Bruce Sterling oder Kim Stanley Robinson, allesamt eifrige Propheten sowohl der militärischen Weltinstabilität und der Klimaverschlechterung als auch des World Wide Web, vor allem aber: glamouröse öffentliche Intellektuelle der Clinton-Ära, daran zu Dissidenten werden mußten. Sie wurden's wirklich; es interessiert bloß keinen.

Gibson und Sterling sagen, was sie gegen den Flurschaden, den die Regierung anrichtet, zu sagen haben, vermehrt im Netz, in Zeitschriften und auf anderen eiligen Foren, wo es sich rasch versendet. Robinsons neuester, wie schon die richtungweisende ökologisch-prophetische "Kalifornien"-Trilogie (1984-1988) vorzüglich recherchierter Klima-Roman "Forty Signs of Rain" wird als literarisches Kunstwerk gelobt, als Zeitdiagnose aber ignoriert. Seit dem 11. September, Afghanistan und dem Irak-Debakel hat man drüben nämlich andere Sorgen als die Welt.

Direktive an die Mitarbeiter

So weit, so blöd, so Basis, so Überbau - und dann kommt ausgerechnet der alte notorische "Die Welt geht flöten und das mit viel Radau"-Filmer Roland Emmerich, dreht einen holzhammergroben Brüller übers künftige Komplett-Klimadesaster namens "The Day after Tomorrow", und auf einmal gibt die Nasa eine Direktive an ihre Mitarbeiter aus, zu etwaigen Fragen von Journalisten betreffs die Wahrscheinlichkeit des im Film gezeigten Polschmelze-Flut-und-Gefriertruhe-Szenarios so fromm zu schweigen wie sonst nur kluge Kleriker zu Mel Gibsons Jesus-Film.

Um zu verstehen, was da los ist, muß man tiefer in die Kiste mit den Relikten enttäuschter Zukunftshoffnungen greifen als in letzter Zeit üblich. Das garstig Lied geht folgendermaßen: Zweck und Ziel technischer Forschung und Entwicklung ist, seit und soweit man davon überhaupt als von einem tendenziell die ganze Menschheit betreffenden Unternehmen reden kann, das Erreichen eines irdischen Zustands, in dem es buchstäblich keine Naturkatastrophen mehr gibt. Alles, was die Leute dann noch leiden werden, haben andere ihresgleichen verschuldet, sei's direkt, sei's aufgrund unterlassener akuter oder vorbeugender Hilfeleistung.

Die Geschichte schlägt Purzelbäume

Die Geschichte scheint sich für den Weg dahin allerdings in jüngster Zeit spürbar weniger zu interessieren als im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Sie schlägt lieber einen ihrer patentierten Purzelbäume: Anstatt nach dem vergleichsweise geräuscharmen Sieg im Kalten Krieg durch gegnerischen Bankrott auch die scheinbar gottgegebenen Probleme von Wetter, Seuchen und Altersstarrsinn als aufgrund des Standes der Technik längst gesellschaftlich vermittelte zu begreifen und also auch mit flächendeckender "großer Politik" (Nietzsche) zu attackieren, hat sich das Mutterland der technizistischen Utopien unter seinem Präsidenten Bush mit Eifer darauf geworfen, alle pragmatisch-verwissenschaftlichten Begriffe, die man vom Fortschritt haben kann, von allen sozialen und politischen gründlich zu entkoppeln.

Der größte Freund des möglichst gesamtplanetarischen Freihandels, Wiederbeleber steiler Weltraum-Raketenabwehrsystempläne aus der technophilen reaganschen Urzeit und tragische Befreier von Bagdad sieht einfach nicht ein, daß Erkenntnis und Machbarkeit sozial zu irgend etwas verpflichten sollen - und so läßt er ankündigen, die Antarktis-Abkommen der Weltgemeinschaft im Rohstoffbedarfsfall nach der Fetzen-Papier-Doktrin behandeln zu wollen, erlaubt seinen Finanzverwaltern, dezent Druck auszuüben, damit Verhütungsinformationen wegen andernfalls bedrohter Familienwerte von staatlich geförderten Jugend-Beratungs-Websites gelöscht werden, stellt sich taub, wenn von neumodischem Kram Marke Klimaschutz geredet wird, schert sich erstaunlich wenig um Studien des National Research Council, der National Academy of Sciences, der National Oceanic and Atmospheric Administration und der Nasa betreffend die großräumige und langfristige Weltgroßwetterlage, muß sich von Wissenschaftlern wie Maciej F. Boni vom Department of Biological Sciences in Stanford für all das vorwerfen lassen, seine Regierung demonstriere einen "Hang zur Manipulation von wissenschaftlicher Information und zur Untergrabung der Forschung" - und gilt doch in Kreisen der Luft- und Raumfahrtindustrie als Mann nicht des Mittelalters, sondern der Zukunft.

Dinge auf dem Kopf

Denn anders als sich das die oben erwähnte Vision "wo Natur war, soll Gesellschaft werden" gewünscht hat, stehen die Dinge inzwischen dermaßen auf dem Kopf, daß selbst eindeutig in gesellschaftlichen Zusammenhängen sich abspielende böse Entwicklungen als unsteuerbare, eigengesetzliche, eben naturwüchsige Dinge betrachtet werden - Treibhausgas, hört man da etwa, sei Schicksal, denn selbst wenn die Amerikaner den Ausstoß drosseln würden, hätten bis 2020 die Chinesen denselben weltrelativen Anteil an dieser Giftproduktion, der heute den Vereinigten Staaten zukommt; Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur, hört man ferner, hängen einzig an lebensverlängernden medizinischen Fortschritten und keineswegs am Wirtschaftsgeschehen oder am Gesundheitswesen; Seuchen sind nur durch Dämme gegen Flüchtlinge zu bekämpfen; und so weiter und so fort - wie im Mittelalter.

Das Naturphänomen, das die Sterblichkeit durch Erfrieren bei alten Leuten in den harten englischen Wintern der achtziger Jahre stark gefördert hat, hieß aber Thatcher. Vielleicht wird man nach George W. Bush ja mal einen dieser faszinierenden Treibhaus-Wirbelstürme benennen, die in wenigen Stunden die Behausungen der Bewohner ganzer Küstenlandstriche vernichten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2004, Nr. 103 / Seite 33
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