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Katalog-Klassiker Die Quelle unserer besten Jahre ist versiegt

21.06.2009 ·  Dieser Bestseller war Bestandteil der deutschen Literatur, seit Enzensberger ihm seinen berühmten Essay in den „Einzelheiten“ widmete. Die aktuelle Auflage des Warenversandhauskatalogs, der Bibel des Wirtschaftswunders, wird nun doch gedruckt - mit Zuschuss.

Von Hubert Spiegel
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Es wird kalt in der Kleinbürgerhölle. Vor fast einem halben Jahrhundert hat Hans Magnus Enzensberger die Kataloge der großen deutschen Versandhäuser als Resultat einer unsichtbaren Volksabstimmung beschrieben. Der Versandhauskatalog dokumentiere exakt jene Lebenswelt, für die sich die Mehrheit der Deutschen entschieden habe: ein kleinbürgerliches Fegefeuer, aus dem es kein Entrinnen gebe. „Diese Welt ist vollkommen geschlossen und gegen jede Störung abgedichtet.“ Nichts ist heute weniger geeignet, die aktuelle Situation zu beschreiben als dieser Satz. Längst sind alle Dichtungen spröde und durchlässig geworden. Es pfeift ein gnadenloser Wind durchs Reihenhäuschen, aus allen Richtungen und durch jede Ritze. Und mancher wünscht sich heute die Hölle von damals zurück.

Ein Ethnologe aus dem Jahr 3000, so glaubte Enzensberger im Jahr 1960, könnte aus dem Katalog „genauere und fruchtbarere Schlüsse auf unsere Zustände ziehen als aus unserer ganzen erzählenden Literatur“. Enzensberger unterzog damals den Neckermann-Katalog, seine Sprache, die Waren und ihre Präsentation, einer polemischen Analyse. Heute muss man das Warenbilderbuch gar nicht mehr zur Hand nehmen, um zum wichtigsten Befund zu gelangen. Wenn das Fürther Großversandhaus Quelle jetzt staatliche Unterstützung erhält, um den Katalog für die kommende Herbst- und Wintersaison drucken zu können, sagt das ebensoviel über den Zustand der auf mehr als tausend Seiten illustrierten Lebenswelt aus wie über das Medium seiner Darstellung.

Lieber erst auf Papier

Im Jahr 2004 wollte Quelle den seit 1954 mit immer größerem Aufwand hergestellten Hauptkatalog einstellen. Man musste sparen, und im Vertrauen auf Zuwächse im Internetgeschäft schien das unhandliche, bis zu 1400 Seiten dicke und fünf Pfund schwere Werk entbehrlich (). Heute, nur fünf Jahre später, erklärt das Unternehmen, es sei ohne den Katalog, der das Weihnachtsgeschäft garantieren soll, nicht mehr überlebensfähig. Dabei ist der Anteil des Umsatzes, den das Versandhaus im Internet macht, keineswegs gering. Aber es hat sich gezeigt, dass die Kunden lieber erst auf Papier betrachten, was sie anschließend online bestellen. Jeder Quelle-Kunde kann sich den Katalog im Internet ansehen und Seite für Seite umblättern. Aber offenbar genügt das vielen bei weitem nicht. Deshalb gibt Quelle nicht nur zweimal im Jahr den Hauptkatalog heraus, sondern auch noch Monatskataloge und mehr als zwanzig Spezialkataloge. Die Auflagen sind gigantisch: neun Millionen Hauptkataloge werden zweimal im Jahr verschickt, die übrigen Auflagen liegen bei fünfzig und achtzig Millionen. Insgesamt versorgt Quelle seine deutschen Kunden mit 150 verschiedenen Katalogen im Jahr, für ganz Europa beträgt ihre Zahl fast siebenhundert.

Abschied vom Katalog: Die Quelle unserer besten Jahre ist versiegt

Das setzt zwar Heerscharen von Druckern in Lohn und Brot, aber offenbar vermag keiner dieser Kataloge mehr das zu leisten, was seine Vorgänger aus der Wirtschaftswunderzeit so erfolgreich machte und einen Hans Magnus Enzensberger zur kalten Weißglut trieb.

„In diesen Tagen, da mein Katalog die Reise zu Millionen Kunden antritt, ist mir ein wenig weh zumute, denn es heißt Abschied nehmen von dem alten Versandgebäude“, hieß es 1960 im Katalogvorwort von Josef Neckermann. Zum Quelle-Jubiläum 2003, als der hundertste Katalog erschien, übernahm Fernsehprominenz die Begrüßung: Günther Jauch schrieb, dass „so ein hundertster Katalog nicht nur besonders schön, sondern auch voller besonderer Angebote ist“. Aber das Besonderangebot allein konnte den immer schwächer werdenden Umsatz nicht beflügeln. Nur ein Jahr danach rügte der Bundesverband des Deutschen Versandhandels: „Es reicht heute nicht mehr, einen Katalog zur Verfügung zu stellen. Produkte werden über Emotionen und Lebensgefühl verkauft.“

Nach heutigen Maßstäben bescheiden

Enzensberger verdammte das geschlossene Weltbild, das aus dem Katalog zu ihm sprach. Was wir heute mit Nostalgie betrachten, die Kittelschürzen und die Plattenspieler mit Monolautsprecher, die erste elektrische Eisenbahn mit Trafo, die Quelle stolz den „Kindern aus dem Volk“ präsentierte, der Warenstrom, der in den „Quelle-Weihnachts-Nachrichten“ als „Strom der Freude“ angekündigt wird, vermag uns zu rühren, weil all dies nach nach unseren heutigen Maßstäben bescheiden erscheint. Enzensberger wollte darin nichts anderes erkennen als Verdummung durch Konsum und Materialismus: „Das deutsche Proletariat und das deutsche Kleinbürgertum lebt heute, 1960, in einem Zustand, der der Idiotie näher ist denn je zuvor.“ Härter konnte man den privaten Konsum der Wirtschaftswunderzeit nicht geißeln. Das Ende von Hitlers Regime lag damals fünfzehn Jahre zurück.

Man muss sich nur einmal ansehen, mit welch sarkastischem Furor Enzensberger das literarische Angebot des Versandhauses geißelte: „Die letzten Tage von Pompeji, Friedemann Bach, Quo Vadis, Der Graf von Monte Christo, Soll und Haben, Ben Hur, Der Glöckner von Notre-Dame. Unversehrt, unerschüttert durch Weltkriege steht der Kanon des Kleinbürgers da, in den, freilich aus Versehen, auch der eine oder andere Roman von Tolstoj, Dostojewski und Fontane eingegangen ist.“ Dann wettert Enzensberger weiter - gegen „reaktionären Unrat“.

Generationen von Kindern erlebten mit dem Quelle-Katalog die erste Reise in die weite Welt der Waren. Ihren Eltern erlaubte Ratenzahlung die Erfüllung ihrer Konsumwünsche. Mit dem Katalog holte man sich eine ganze Welt ins Haus. Was es dort nicht gab, durfte zu Recht als überflüssig gelten. Im Vergleich zu der Allverfügbarkeit, mit der das Internet auftrumpft, sind die Versprechen des Versandhauskatalogs von einem menschlichen Maß.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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