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„Kasimir und Karoline“ in München : Launisch, kantig, rotzig

  • -Aktualisiert am

Nicholas Ofczarek als Kasimir im Münchner Residenztheater mit den Pappkameraden, die sein Regisseur Castorf auf ihn hetzt. Bild: dpa

Es ist eine traurige Geschichte um „Kasimir und Karoline“. Frank Castorf lässt sie im Münchner Residenz Theater übers Oktoberfest toben. Aber auch laut bleiben sie menschlich.

          Was sind schon 118 Ochsen, 4.750 Fundsachen, 58 Maßkrugschlägereien, 487 Festnahmen und 7,5 Millionen versoffene Maß Bier gegen einen Frank Castorf? Und was kümmern umgekehrt einen Frank Castorf die stolzen Fakten des Oktoberfests? Die Münchner jedoch haben ihre letzte Wiesn gut im Kopf, wenn sie in ihrem Residenz Theater Platz nehmen, gespannt auf einen Castorf, der nach fast zwanzig Jahren wieder in München inszeniert, der in München seinen ersten Horváth inszeniert: eben das Oktoberfest-Drama „Kasimir und Karoline“ inszeniert.

          Doch dieser Abend - mit einer starken Tendenz zur Nacht - ist geradezu derart textverliebt in Horváths Volksstück, das noch 1932 in Leipzig uraufgeführt wurde, dass man fast auf der Stelle bereit ist, die 118 Ochsen sich selbst und die bunten Fahrgeschäfte allen anderen Inszenierungen zu überlassen. Wenn man nur weiter Nicholas Ofczarek zusehen kann, dessen Kasimir, der im Oktoberfest-Trubel seiner Verlobten Karoline vorwirft, sie werde ihn nun, da er arbeitslos geworden ist, verlassen (was sich dann prompt erfüllt) abwechselnd Verzweiflung, Trotz und Jähzorn packen. Während den Zuschauer Mitleid, Abscheu, Lachanfälle ergreifen.

          Zuerst wie aus Horváths Musterbuch

          Ofczarek spielt die Rolle wie aus Horváths Musterbuch: nach außen hart, stilisiert und cholerisch, in den Untiefen seiner rot-weißen Strick-Latz-Zwangshose aber weich, ängstlich und manisch panisch. Dazu jongliert er mit Gesichtern, Stimmen, Haltungen, mit den passenden Textbausteinen, manchmal auch mit den passenden Frauen.

          Durch Ernst und Ironie das Bewusstsein zu demaskieren, war Horváths Absicht, und das gelingt Castorf, immer wieder. Das gewaltig sanfte Stück, gerade weil Castorf es in seiner ausführlicheren, radikaleren Erstfassung inszeniert, lässt sich nicht klein kriegen. Etwa im Monolog des Direktors, den Jürgen Stössinger als gebrochener Herr über das Kuriositätenkabinett vor sich hin faselt: "Stössi", spricht er sich an, fragt fiebrig nach seinen "Lippennegerinnen", leiht sich von Kasimir den Pessimismus und die Einsamkeit und staunt gemeinsam mit den anderen in kindlicher Betonung auf der letzten Silbe dem "Zeppeliin!" hinterher, dem unerreichbaren Sehnsuchtsobjekt der Unterschicht.

          Nur keine Ruhe geben!

          Klein und fein sind an sich keine Adjektive, die man spontan mit dem Zerstückelungskünstler, Illusionsräuber, Anti-Kleinbürger, Irritator und Aufschrecker Frank Castorf in Verbindung bringt. Dennoch liegt dieses Mal die Sache anders. Natürlich reagiert, wo bei Horváth „Stille“ gfordert wird, bei Castorf der horror vacui. Doch er inszeniert den Lärm um Horváths „Stille“ herum - das wirkt in diesem Fall genauso gut. Bibiana Beglau jedenfalls, in ihrer androgynen Doppelrolle zwischen Karolines Freundin Erna und Karolines Verehrer Schürzinger, holt noch im Dauerpegel ihrer Repliken soviel zarte Verletzlichkeit aus diesen beiden Charakteren, dass sie für die „naturnotwendig nur ganz wenigen Stellen“ (Horváth) echter Wahrheit sorgt.

          Ebenfalls im Kontrastprogramm hat die Karoline der Birgit Minichmayr nichts Feines, Nachdenkliches, Mädchenhaftes an sich. Sie steht auf ihren dünnen Absätzen, weil sie zwei Beine hat, und trägt die kleinsten Kleidchen, weil sie zwei schöne Beine hat, die Strähnen fallen ihr über den grellroten Schmollmund, aus dem sie die Worte rotzt, wie sie nun mal rausmüssen. Dann sitzt sie in der - Achtung Bildungsjargon! - „Longsch“ oder baut sich mit Kasimir ein „Bangalo“, beschimpft andere als „Kretöngs“ und „kleine Loite“. Komisch, aber facettenarm. Ob die Figuren grob- oder feinmaschiger gestrickt sind, zeigt sich nicht nur, aber eben auch an den Handarbeitskurs-Kostümen von Jana Findeklee und Joki Tewes: Die luftigen Maschen, aus denen Shenja Lachers Unterwäsche gewebt ist, entlarven die Sturm-und-Kampf-Gesten seines Merkl Franz als pure Macho-Masche.

          Nazis, bitte zum Klo!

          Die einzigen Fahr-Geschäfte auf Hartmut Meyers Bühne sind zwei rollbare Toiletten-Kabinen ohne Vierte Wand. Dazu eine Handvoll ausgedienter Türen, zusammengeschustert zu einem Paravent mit der Slapstick-Tendenz umzufallen; Stühle; Tische; randvolle Maßkrüge je nach Bedarf; und einige riesenbabyhafte Köpfe, nationalsozialistische Regime-Pappkameraden.

          Vielleicht ist Castorf aufgefallen, wie gut er zu Horváth passt: launisch, kantig, wandelbar, ein Volksstück für und wider das Volk. Dekonstruktion durch Konstruktion, Demaskierung durch Maskierung. Vielleicht stolpert er deswegen im zweiten Teil auf und davon, während er kichernd lange Textpassagen von Ernst Jünger „über die Gestalt des Arbeiters und den Typus des Schauspielers“ vortragen lässt und sich nach einer Weile gar nicht mehr umblickt, um zu sehen, ob die Zuschauer ihm noch folgen. Also folgen sie ihm nicht mehr und lassen ihn alleine seine verschiedenen Hühnchen - Thai Chicken wie Brathendl - in ihrer ganzen plumpen kunstledernen Vollbusigkeit rupfen.

          Natürlich ist Castorfs Oktober-Fest vor allem auch eines: laut und provokativ. In enervierender Endlosschleife steht in München ein Hofbräuhaus und „das Kreuz, das hakerte“ kommt naturgemäß auch nicht zu kurz. Aber die Buh-Rufe gegen die Regie sind nichts gegen die Erleichterung, dass Horváth schließlich doch das letzte Wort behält. Der schönst-traurige, alles sagende Dialog zwischen Kasimir und Erna, mit dem Castorf, der sich zugleich so ernst und so ironisch nimmt, sich nach diesen langen vier Stunden, ob bewusst oder unterbewusst, selbst demaskiert: „Du Erna -“ „Was?“ - „Nichts.“ Eben.

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