03.02.2003 · Der Erfolg des russischen, vermeintlich lesbischen Teenie-Duos Tatu hat die Musikindustrie völlig überrascht. Die erste Single war in den Charts, bevor sie in die Läden kam.
Von Sabine MagerlDies ist die seltene Geschichte, wie die Musikindustrie vom eigenen Erfolg überrascht wurde. Da war doch alles so gut geplant gewesen mit jener Neuentdeckung aus Moskau, genannt Tatu. In den Vereinigten Staaten und in England bereits erfolgreich, sollten die beiden jungen Frauen auch hier einen Hit bringen. In knapp zwei Monaten wollte man das Album bei Universal Deutschland ganz groß herausbringen.
Da wäre genug Zeit gewesen, um die 18jährige Yulia Volkova und die 17jährige Elena Katina nach allen Regeln der Kunst aufzubauen - also beispielsweise Gerüchte über deren lesbische Teenagerliebe zu verbreiten. Oder warum klammerten sich die Sängerinnen vor Kameras aneinander wie verschreckte Tierchen? Tatu sei die russische Antwort auf die Amerikanerin Britney Spears im Schulmädchenkostüm, hätte man der Musikpresse erklärt.
Der heißeste Import aus Rußland seit . . . Aber wann hat es zuletzt erfolgreiche Popmusik aus Moskau gegeben? Da kommt selbst ein routinierter Promoter von Universal ins Stocken, der nun in Echtzeit den Hype erfinden muß, der sich verselbständigt hat. Im Grunde seit Ivan Rebroff, sagt er, und der ist nicht mal in Moskau geboren, sondern in Berlin.
In den Charts - nicht in den Läden
Dank MTV und Viva lief das Video, bevor es die Single gab, was noch im Rahmen der üblichen Vermarktung lag. Radiostationen spielten Tatu, lobten sie als CD der Woche aus, obwohl sie in Deutschland noch gar nicht erschienen war. Die Plattenfirma brachte schnell eine begrenzte importierte Auflage in die Läden, die war gleich ausverkauft - und spätestens da hatte die Firma ein Problem. Während weder Single noch Album hierzulande verlegt waren, kletterte Tatu in den Trendcharts der Musikindustrie auf Platz zwei. Weshalb nun die CD im Februar erscheinen muß, eineinhalb Monate früher als geplant. Sonst könnte der dumme Fall eintreten, bei der begrenzten Haltbarkeit so eines Hits, daß das Album bereits aus den Charts fällt, bevor es überhaupt in die Läden kam.
Das Video zu "All The Things She Said" ließ viele Fragen offen, was gut war, denn die konnten dann von "Bravo" beantwortet und auf Pausenhöfen besprochen werden. Warum küssen sich die beiden im Video? Spielt es auf einem Schulhof, in der Psychiatrie, aber warum regnet es dann durchs Dach, oder doch in einem sibirischen Gefängnis, aber wieso tragen die beiden dann Schuluniformen? Weshalb heißen sie Tatu, wo sie doch offensichtlich, denn soviel Nacktheit muß sein, gar keine Tätowierung haben? Bei "Bravo" blätterte man im Wörterbuch und fand Rat: Tatu heißt umgangssprachlich im Russischen "Sie liebt sie".
Skandalfaktor
Als Marke ist der Name wie das Duo selbst jedenfalls die raffinierte Erfindung eines Moskauer Werbefilmproduzenten und ehemaligen Kinderpsychologen - daher vielleicht auch die düstere Anstalt-Optik des Videos. Lange bevor die Musik von Tatu über Moskau, Bulgarien, Italien auf verschlungenen Wegen in die Vereinigten Staaten kam, um dort von dem Produzenten Trevor Horn, der einst für Frankie Goes to Hollywood und die Pet Shop Boys gearbeitet hatte, mit englischen Texten zu gefälligem Elektropop verarbeitet zu werden, hatte besagter Ivan Shapovalov 500 Mädchen zum Casting geladen. Der ersten russischen Variante des Popprodukts, das damals noch Taty hieß, fehlte vielleicht noch die professionelle, elektronische Unterstützung - aber nicht der Skandalfaktor. Entsetzte Mütter berichteten der "Pravda" von ihren Töchtern, die Eminem-Poster abhängten und nun für Mädchen schwärmten.
Wann heiraten sie?
Aber um die Musik geht es auch jetzt nicht wirklich. Tatu klingt, wie Elektropop eben klingt. Eingängige Synthesizerklänge werden von zarten Stimmen begleitet, ein Echo wie von einem bulgarischen Volkschor wird von Beats zurechtgestampft. Und in einer Cover-Version eines melancholischen Stücks von The Smiths, die zum Titelsong der Geister- und Hexenserie "Charmed" wurde, kommt die kindliche Heiterkeit so unpassend wie in eine Gruft hineingehopst. Deshalb wird auf den vielen Internet-Fanseiten viel wichtigeres besprochen: Will Elton John die beiden adoptieren? Was sagen die Ärzte zu Yulias angekratzten Stimmbändern? Wann heiraten sie?
Das britische Magazin "The Face" fotografierte "the hottest popstars in the world" in der Januarausgabe - natürlich in Schuluniformen. "The Guardian" fühlte sich bei Yulia an eine Winona Ryder beim Kartoffelklau erinnert, und Elena sehe aus wie eine Tori Amos aus der Mini-Playback-Show. Während also der Popvergleich zwischen Ost und West auf Hochtouren läuft, angeheizt von neuen Gerüchten, soll Ivan Shapovalov von Moskau aus Großes vorhaben. Da die westliche Musikindustrie Taty zu Tatu gemacht hat, will er nun eine Nachfolgeband des Originals gründen.