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Karl May Winnetous Erben

29.09.2009 ·  Da die Anziehungskraft des Wildwest-Schriftstellers auf Jugendliche schwindet, will die Karl-May-Gesellschaft seine Romane nun „in modernisierter Fassung“ herausbringen. Der texteditorische Schutz des Werks ist ihr offenbar egal.

Von Tilman Spreckelsen
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„Von den Irrtümern der Liebenden“ nannte Franz Hessel eine Novellensammlung, die seit 1922 immer wieder gern gelesen wird. Das verdankt sie ihrem Titel und der verbreiteten Überzeugung, dass Liebe und Irrtum mitunter so eng zusammenhängen wie der Morgen- mit dem Abendstern. Das gilt nicht nur für Paare: Heftig geliebt wird seit je in literarischen Gesellschaften, wo es nicht um das stille Genießen einer Zweisamkeit geht, sondern wo die Erweiterung des Enthusiastenkreises geradezu Programm ist. Wer seinen Dichter liebt, schafft ihm Leser, und nichts kränkt einen rührigen Verein mehr, als wenn es mit der Massenwirksamkeit seines Idols hapert. Schlimmer noch, wenn man als Liebender tatenlos dem Verschwinden des Geliebten aus der öffentlichen Aufmerksamkeit zusehen muss und sich, der man sich früher eins mit Millionen fühlte, irgendwann in einem verlorenen Leserhäufchen wiederfindet, das auch nicht jünger wird und das sich statt „Morgen erobern wir die Welt für unseren Dichter“ auf die Fahnen schreibt: „Der letzte knipst die Leselampe aus.“

In modernisierter Fassung?

Nicht mit uns, sagt man sich bei der 1969 gegründeten Karl-May-Gesellschaft, die jetzt tagt. Zwar weiß auch ihr Geschäftsführer Hans Grunert, dass unter den 1800 Mitgliedern „kaum junge Leute“ sind, weil Mays „Stil der heutigen Jugend nicht mehr gemäß“ ist – aber das ließe sich ja wieder hinbekommen, wenn man, wie von der Gesellschaft geplant, die Romane um Winnetou und Old Shatterhand „in einer modernisierten Fassung“ herausbringt. Was das genau heißt, kann man nur ahnen, vielleicht nimmt man sich die oft beschriebene Praxis des ehrwürdigen Karl-May-Verlages zum Vorbild, wo man, wie Arno Schmidt schreibt, jahrzehntelang das Werk des Autors ohne falsche Skrupel ad usum delphini bearbeitet und dabei manchem Roman die hochliterarischen Flausen ausgetrieben hat. Der Mühe Lohn wären viele neue Leser für den Autor May, dessen Erfolgsrezept Grunert bereitwillig verrät: „Man hat Helden, mit denen man sich identifizieren kann, und Bösewichter, die bekehrt werden oder sterben“, sagt Grunert. In Brechts Kalendergeschichten verkündet Herr Keuner bekanntlich, dass er, wenn er jemanden liebe, ein Bild von dieser Person entwerfe und anschließend dafür sorge, dass diese Person dem Bild ähnlich werde. Wer so geliebt wird, kann sich dem immerhin entziehen, vielleicht türenknallend und mit deutlichen Abschiedsworten. Ein 1912 gestorbener, urheberrechtsfreier Autor hat diese Möglichkeit nicht.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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