http://www.faz.net/-gqz-734ly

Karl Heinz Bohrer : Wider die Einspießerung des Intellektuellen

Kein Tag vergeht ohne neue Zeitdiagnose. Muss man Autor solcher Texte sein, um Intellektueller genannt werden zu können? Der Polemiker Karl Heinz Bohrer ist das Gegenbeispiel.

          Intellektuelle?“, meinte Michel Foucault einmal gesprächsweise, er habe noch nie welche getroffen. Leute, die Romane schreiben, ja, solche, die ökonomische Analysen anfertigen oder elektronische Musik komponieren, an der Universität lehren, und solche, bei denen er nie recht verstanden habe, ob sie überhaupt etwas machen.

          Dass Karl Heinz Bohrer, der heute achtzig Jahre alt wird, überhaupt irgendetwas gemacht hat, liegt auf der Hand. Er war Literaturkritiker, London-Korrespondent mit völkerkundlichem Schwerpunkt, Professor für Literaturwissenschaft an der Fernuniversität Bielefeld – er lebte physisch wie mental in Paris – sowie Herausgeber des „Merkur“ und hat zwanzig Bücher geschrieben. Von Bohrer stammt die Redewendung, Netzer komme „aus der Tiefe des Raums“, und die Charakterisierung der Deutschen als Leute hinterm Jägerzaun. Er hat das „Selbstverständnis“ der Bundesrepublik in zahllosen Essays attackiert. Und er hat mehr als dreißig Jahre lang versucht, in diesem Land eine große ästhetische Kontroverse auszulösen, was aber nicht gelang.

          Erstens, weil Jürgen Habermas, den man brauchte, um in diesem Land eine große Kontroverse zu bekommen, weder negativ auf Bohrer noch positiv auf Ästhetik ansprang. Und zweitens, weil niemand vor der Kunst, gar der Literatur, mehr die Knie beugt. Als Bohrer in beispiellos engagierten Kommentaren die Figur des modernen Schriftstellers umriss, des Fechters mit seinen Passionen, dem etwas Unabsehbares gelingt, weil er nichts beitragen möchte – Kleist, E.T.A. Hoffmann, Baudelaire –, da ereilte diese Figur gerade das Schicksal ihrer Einspießerung in den Seminarbetrieb. Eine Zeit der ästhetischen Spannungen, in der an Kunst etwas ausgetragen wurde, was nicht nur Kunst betraf, ging zu Ende.

          Gegen die politische Kultur Deutschlands

          Darin steckte für Bohrer mehr als ein objektives Dilemma, nämlich auch ein subjektives. „Unser Interesse ist kein philosophisches, kein historisches, sondern ein künstlerisches.“ Mit diesem Satz beginnt sein großes Buch über „Das Tragische“, eine Studie zu Baudelaire und der griechischen Tragödie, die er 2009 vorgelegt hat. Der Satz hätte jedes seiner Bücher einleiten können, Bohrer hat ihn oft variiert, aber es bleibt ein bemerkenswerter Satz.

          Bemerkenswert für einen Mann, der sich so oft mit Philosophen, „Systemdenkern“ und anderen, dem ungeliebten Hegel, dem verehrten Nietzsche, dem dauernden Anstoß Adorno, auseinandergesetzt hat. Weit über die Literaturwissenschaft hinaus, unter deren Flagge der von Arthur Henkel – über romantische Geschichtsprophetie gewiss nicht unphilosophisch – promovierte Germanist von 1982 bis 1997 lehrte, entstand so eine eigene Ästhetik und Moralistik. Wenn Karl Heinz Bohrers Einsprüche gegen die Begründung des modernen Denkens aus dem Vernunftbegriff nicht philosophisch sind, was dann? Sein Ceterum censeo, die Reflexionen der Frühromantiker als Schlüssel zur ästhetischen Situation der Gegenwart zu begreifen, nicht philosophisch?

          Sein und ihr Programm war, die Kunst als Kunst zu verstehen und nicht als Erziehungsanstalt, Kirche, moralischen Bilderbogen, Tageskommentar, Arena nationalen Präzeptorentums. Ebendas aber sollte die Angegriffenheit durch Literatur nicht herabsetzen, den Einsatz nicht mindern, sondern erhöhen! Das subjektive Dilemma Bohrers bestand insofern darin, dass die Zeitläufte das „L’art pour l’art“ und die ästhetische Autonomieemphase gewissermaßen entspannt interpretierten: als institutionalisierte Freizeit- und Sonntagsverwendung neben anderen.

          Na gut, mag sich Bohrer gesagt haben, wenn sie es nicht begreifen, versuchen wir es andersherum. „Die Tiger des Zornes sind weiser als die Rosse der Belehrung“, zitiert er William Blake und polemisierte ästhetisch gegen die politische Kultur Deutschlands und die schlechte Figur, die seinem Eindruck nach die Bundesrepublik als Nation macht.

          Weitere Themen

          Entsetzen nach Ermordung von Journalistin Video-Seite öffnen

          Malta : Entsetzen nach Ermordung von Journalistin

          Nach dem Tod der investigativen Bloggerin Daphne Caruana Galizia durch eine Autobombe in Malta vermutet ihre Familie das Motiv für den Anschlag in ihren Recherchen gegen Korruption in dem EU-Land. In der Nacht zu Dienstag versammelten sich auf Malta etwa 3000 Menschen, um der getöteten Journalistin zu gedenken.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.