Intellektuelle?“, meinte Michel Foucault einmal gesprächsweise, er habe noch nie welche getroffen. Leute, die Romane schreiben, ja, solche, die ökonomische Analysen anfertigen oder elektronische Musik komponieren, an der Universität lehren, und solche, bei denen er nie recht verstanden habe, ob sie überhaupt etwas machen.
Dass Karl Heinz Bohrer, der heute achtzig Jahre alt wird, überhaupt irgendetwas gemacht hat, liegt auf der Hand. Er war Literaturkritiker, London-Korrespondent mit völkerkundlichem Schwerpunkt, Professor für Literaturwissenschaft an der Fernuniversität Bielefeld – er lebte physisch wie mental in Paris – sowie Herausgeber des „Merkur“ und hat zwanzig Bücher geschrieben. Von Bohrer stammt die Redewendung, Netzer komme „aus der Tiefe des Raums“, und die Charakterisierung der Deutschen als Leute hinterm Jägerzaun. Er hat das „Selbstverständnis“ der Bundesrepublik in zahllosen Essays attackiert. Und er hat mehr als dreißig Jahre lang versucht, in diesem Land eine große ästhetische Kontroverse auszulösen, was aber nicht gelang.
Erstens, weil Jürgen Habermas, den man brauchte, um in diesem Land eine große Kontroverse zu bekommen, weder negativ auf Bohrer noch positiv auf Ästhetik ansprang. Und zweitens, weil niemand vor der Kunst, gar der Literatur, mehr die Knie beugt. Als Bohrer in beispiellos engagierten Kommentaren die Figur des modernen Schriftstellers umriss, des Fechters mit seinen Passionen, dem etwas Unabsehbares gelingt, weil er nichts beitragen möchte – Kleist, E.T.A. Hoffmann, Baudelaire –, da ereilte diese Figur gerade das Schicksal ihrer Einspießerung in den Seminarbetrieb. Eine Zeit der ästhetischen Spannungen, in der an Kunst etwas ausgetragen wurde, was nicht nur Kunst betraf, ging zu Ende.
Gegen die politische Kultur Deutschlands
Darin steckte für Bohrer mehr als ein objektives Dilemma, nämlich auch ein subjektives. „Unser Interesse ist kein philosophisches, kein historisches, sondern ein künstlerisches.“ Mit diesem Satz beginnt sein großes Buch über „Das Tragische“, eine Studie zu Baudelaire und der griechischen Tragödie, die er 2009 vorgelegt hat. Der Satz hätte jedes seiner Bücher einleiten können, Bohrer hat ihn oft variiert, aber es bleibt ein bemerkenswerter Satz.
Bemerkenswert für einen Mann, der sich so oft mit Philosophen, „Systemdenkern“ und anderen, dem ungeliebten Hegel, dem verehrten Nietzsche, dem dauernden Anstoß Adorno, auseinandergesetzt hat. Weit über die Literaturwissenschaft hinaus, unter deren Flagge der von Arthur Henkel – über romantische Geschichtsprophetie gewiss nicht unphilosophisch – promovierte Germanist von 1982 bis 1997 lehrte, entstand so eine eigene Ästhetik und Moralistik. Wenn Karl Heinz Bohrers Einsprüche gegen die Begründung des modernen Denkens aus dem Vernunftbegriff nicht philosophisch sind, was dann? Sein Ceterum censeo, die Reflexionen der Frühromantiker als Schlüssel zur ästhetischen Situation der Gegenwart zu begreifen, nicht philosophisch?
Sein und ihr Programm war, die Kunst als Kunst zu verstehen und nicht als Erziehungsanstalt, Kirche, moralischen Bilderbogen, Tageskommentar, Arena nationalen Präzeptorentums. Ebendas aber sollte die Angegriffenheit durch Literatur nicht herabsetzen, den Einsatz nicht mindern, sondern erhöhen! Das subjektive Dilemma Bohrers bestand insofern darin, dass die Zeitläufte das „L’art pour l’art“ und die ästhetische Autonomieemphase gewissermaßen entspannt interpretierten: als institutionalisierte Freizeit- und Sonntagsverwendung neben anderen.
Na gut, mag sich Bohrer gesagt haben, wenn sie es nicht begreifen, versuchen wir es andersherum. „Die Tiger des Zornes sind weiser als die Rosse der Belehrung“, zitiert er William Blake und polemisierte ästhetisch gegen die politische Kultur Deutschlands und die schlechte Figur, die seinem Eindruck nach die Bundesrepublik als Nation macht.
Sollte sich die Mentalitätengeschichte je mit den siebziger Jahren und dem, was auf sie folgte, beschäftigen, wird sie um Bohrers Beiträge über die Westdeutschen als neue Phönizier, eine fettprangende Händlernation, deren Ultima ratio die ökonomische ist, so wenig herumkommen wie um die Diagnose des wohligen Provinzialismus der Kohl, Blüm, Lafontaine, der am liebsten sowieso alles in einem Europa oder einer Menschheit aufgehen lasse, von denen die Provinzlermeinung annehme, man werde dort erwartet. Wenig hat Bohrer in den achtziger Jahren mehr aufgebracht als die Formel, von Deutschland werde „nur Frieden ausgehen“.
Kritik der „Stadtschreiber“-Kultur
Literaturhistorisch gewendet, führen diese Motive zu Bohrers Einspruch dagegen, Kafkas „Strafkolonie“ als Text gegen Gewalt zu deuten und mittels der Stücke Becketts die Vereinsamung des modernen Menschen zu beklagen. Zeithistorisch lief seine Diagnose verschwindender Geschichtstiefe im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen auf dieselbe Kritik hinaus: an Akademikern, für die Geschichte wie Kunst nur ein Vorrat an Motiven ist, sich über die Tatsache zu trösten, dass man im zwanzigsten Jahrhundert leben muss, während man es sich darin zugleich recht gut gehen lässt. Wenn Karl Heinz Bohrer an etwas verzweifeln könnte, dann wäre es die Feigheit, die aus Phantasielosigkeit kommt.
Kein Wunder, dass es Bohrer stets nach England zog – angesichts der deutschen Unfähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstdarstellung, einer politischen Formlosigkeit, die sich beispielsweise vorstellen konnte, weiter von Bonn aus regiert zu werden, einer Konfliktscheu, die über Streiks und Ungleichheit und Radikalismen und Außenhandelsbilanzdefizite sofort außer sich gerät und darum ständig erpressbar ist. In seinem Essay über und für den Falklandkrieg, 1982 in dieser Zeitung erschienen, deren Korrespondent für Großbritannien er war, nachdem er von 1968 an ihre Literaturredaktion geleitet hatte, finden sich all diese Motive wieder. Seine englischen Ansichten „Ein bisschen Lust am Untergang“ von 1979 waren dazu das glänzende, positive Präludium.
Dem gegenüber stand für ihn die Kultur der „Stadtschreiber“ und des betulichen Erzählens, die Manie, für alles einen „Beauftragten“ zu etablieren, die Pädagogisierung aller Probleme, standen Fußgängerzone und Lichterkette, das Gekeckere der Mainzelmännchen, die er zur unfreiwilligen Allegorie der Deutschen steigerte, und die Pointenlosigkeit der hiesigen Reklame, deren beabsichtigter Reflex das „Schmunzeln“ ist. All das ging ihm auf die ästhetischen wie staatsbürgerlichen Nerven. Gegen die Legende vom Aufbruch nach 1968 setzte er die These, die bundesdeutschen fünfziger Jahre hätten Momente experimenteller Erwartung enthalten, die sich aber nicht erfüllte.
Eine Kunst ohne Geschichte
Was er damit meinte? Es steht in seinem jüngsten, seinem wunderbarsten Buch, „Granatsplitter“, der Erzählung der Jugend eines deutschen Tom Sawyer am Ende des Zweiten Weltkriegs: die Offenheit einer Situation, in der alles in Trümmern lag und alles erstmals anzueignen, Intellektualität zu entdecken war. Dem Buben schreibt er den Wunsch zu, „in einer Zeit zu leben, die etwas Mythisches hatte“, was nichts mit Illusionen über den gerade durchstandenen Mythos zu tun hatte, sondern mit dem Gefühl, Avantgarde sei nicht nur ein Verfahren, sondern der Versuch, die Geschichte an der Gegenwart zu messen.
Genau hier liegt das künstlerische Interesse, das Bohrer an allem nimmt: an Kunst, die im strikten Sinne keine Geschichte hat, weil in ihr nichts schon dadurch inaktuell wird, dass es länger zurückliegt. „Mich interessieren keine allgemeinen Örter“, hat Bohrer einmal geschrieben, er sei nicht bereit, irgendetwas außerhalb seiner „Gegenwart“ zu denken. Foucault hätte in dieser Formulierung und in Karl Heinz Bohrer einen Intellektuellen treffen können.
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