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Karikaturen-Ausstellung : Wunderwerke der Wortwandlung

„PGH Glühende Zukunft“ hieß die Leipziger Zeichnergruppe, in der alles begann. Beck wollte aber lieber „Witzeblattzeichner“ werden. Bild: BECK

Diese Bilder bilden ungemein: Das Caricatura-Museum für Komische Kunst zeigt die Cartoons des Leipziger Zeichners Beck.

          Der moderne Meister unter Deutschlands Cartoonisten trägt den Namen Beck. Seinen Vornamen hat er schon vor mehr als zwanzig Jahren geopfert, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als er jene Umkreise verließ, in denen er es zu erster Bekanntheit gebracht hatte. Das war im Berlin der frühen neunziger Jahre. Beck gehörte damals einer Künstlergruppe ostdeutscher Zeichner an, die sich im Wendejahr den augenzwinkernden Titel „PGH Glühende Zukunft“ gegeben hatte. Mit dabei waren auch Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth, Holger Fickelscherer und Atak.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Drei von ihnen haben heute Kunstprofessuren inne und sind immens erfolgreich mit ihren Comics, Buchillustrationen und Plakaten, von Fickelscherer hat sich jede Spur verloren, nur Beck ist dem ironischen Grundzug treu geblieben, obwohl er die Gruppe als Erster verlassen hatte. Denn der 1958 in Leipzig geborene, heute dort wieder lebende Künstler wollte etwas werden, wofür er kein Verständnis bei den Kollegen fand: Witzblattzeichner.

          Sprache so zeigen, wie sie nicht gemeint war

          Karikaturist war er durch die politischen Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 geworden, doch Beck sah sein Ideal nicht im verzerrenden Cartoon, sondern im verzaubernden und nicht selten auch verhexenden, wie er ihn im französischen Kulturinstitut von Ost-Berlin durch Sempé, Claire Bretécher oder die Zeichner von „Charlie Hebdo“ kennengelernt hatte. Und dazu gehörte vor allem Wortwitz. Was Beck mit der Sprache anstellt, hat in Deutschland nicht seinesgleichen, und dabei wählt er als Mittel nicht einmal vorrangig Wortspielerei (wobei es auch die reichlich in seinen Bildtexten gibt), sondern vor allem eine Visualisierung von Begriffen und Redensarten in Bildern, die Sprache wörtlich nehmen, sie umkehren, korrigieren, verwandeln – sie in jedem Fall so verstehen, wie sie nicht gemeint war.

          En Mann von erstaunlicher Produktivität: Beck, Karikaturist ohne Vornamen. Bilderstrecke

          Dazu hat der Zeichner sich die passende Linie zurechtgelegt: eine federleichte, die aber meist voluminöse Figuren aufs Papier bringt. Becks Protagonisten sind Allerweltsgestalten, die allerdings sehr konkreten Kontexten entstammen: Hausfrauen, Machos, Urlauber, Eltern, Leipziger. Es ist schwer, sich von einer Beck-Zeichnung nicht selbst gespiegelt zu sehen.

          Aus einem Geistesblitz ein Feuerwerk machen

          Im Frankfurter Caricatura-Museum für Komische Kunst hängen jetzt mehr als vierhundert solcher Spiegel, zu drei Vierteln Drucke, und Beck hätte gerne noch mehr gezeigt. Seine Produktivität ist gigantisch, er nutzt alle Inspirationsquellen und Publikationsforen, und so ist er auch einer der eifrigsten Nutzer von Twitter, dessen Kurzbotschaften ihm zuverlässig Texte ins Haus spülen, die er in Illustrationen umsetzt. Manche Kollegen, erzählt er, hielten das für wenig einfallsreich, doch was Beck hier vorführt, ist die hohe Kunst des Cartoons: aus einem fremden Geistesblitz ein Feuerwerk zu machen. Im „New Yorker“, dem Publikationsmekka der internationalen Zeichnerzunft des Komischen, ist das Prinzip meist umgekehrt: Zu fertigen Zeichnungen werden witzige Texte ersonnen. Darüber hat sich niemand beschwert.

          Beck hat selbst schon Cartoons an den „New Yorker“ eingesandt – erfolglos. Cartoons sind tiefer als andere Formen der bildenden Kunst in den jeweiligen Sprachkulturen verankert, weil ihr Prinzip die wechselseitige Unterminierung von Gewissheiten durch Bild und Wort ist. Deshalb ist es bemerkenswert, dass Beck regelmäßig britische Publikationen beliefert und einige der in Frankfurt gezeigten Witzzeichnungen somit englische Texte aufweisen. Da die Caricatura neuerdings die Texte der gezeigten Zeichnungen ins Englische übersetzen lässt, um dem wachsenden internationalen Publikumsinteresse Rechnung zu tragen, gibt es hier auch deutsche Versionen von Becks englischen Cartoons.

          Der angesichts von deren Wortwandlungswundern kniffligen Übersetzungsaufgabe hat sich in beiden Sprachrichtungen der ehemalige „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer meisterhaft gestellt. Einmal allerdings macht er aus Leipzig die amerikanische Stadt Houston. Warum? Wir erfahren es nicht. Aber Houston ist immerhin Leipzigs Partnerstadt. Bildung kann nicht schaden, wenn man Becks Bilder betrachtet. Schlauer machen sie alle. Freude machen sie sowieso.

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