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Karasek über Ikea : Vermöbelt

Bild: IKEA

Dieses Buch geht uns alle an: Kritiker Hellmuth Karasek knöpft sich eines der Standardwerke in deutschen Wohnzimmern vor. Und findet viele Schwächen zwischen vereinzelten poetischen Momenten.

          Ein Skandal sei es, konstatiert Hellmuth Karasek mit der ganzen Gravität des Literaturkritik-Veteranen, dass dieses wirkmächtige Werk bisher keinen Rezensenten gefunden habe. Und hält, tief im Ohrensessel vor einer Bücherwand versunken, das mutmaßlich meistverbreitete Buch der Welt in die Kamera: den Ikea-Katalog. Klavier spielt auf, und Karasek begibt sich genüsslich an die Exegese.

          „Die kleinen Freuden des Alltags“ lautet der Titel der besprochenen Veröffentlichung. Er könnte auch den Umschlag des nächsten Bestsellers von Anselm Grün oder Richard David Precht zieren, doch solche intertextuellen Seitenhiebe verkneift sich Karasek verständlicherweise im neuen Ikea-Spot, den die Schweizer Dependance des Weltvermöblers in Auftrag gegeben hat. Manche hochkulturellen Naserümpfer wollen in dem Auftritt schon den peinlichen Weg eines Literarischen-Quartett-Mitglieds a.D. in werbekulturelle Niederungen sehen. Als ob man alles so ernst nehmen müsste.

          Natürlich macht sich Karasek zur Werbefigur mit seiner knapp fünfminütigen Selbst- und Rezensions-Persiflage. Warum auch nicht? Doch wie er bei seiner Vorstellung, die an Loriots legendäre Lektüre des Fahrtenbuchs der Deutschen Bundesbahn erinnert, das beworbene Produkt gleich mit persifliert, ist ein Vergnügen. Regelrecht „vollgemüllt“ sei das Ikea-Buch, in dem der Kritiker orientierungslos wie wohl Millionen Leser auf der Suche nach dem Wohnzimmer blättert. Das Werk, dem literarisch „alles“ fehle, erzähle viel und lade „zum Wohlfühlen“ ein, aber die Personen in diesem „möblierten Roman“ müssten sich zwischen Einrichtungsgegenstände drängen, „sie kommen selten zu Wort, sie reden kaum zusammenhängend, trotzdem hat das Buch einen solchen Erfolg“.

          Das sollte einem in der Tat zu denken geben. Karasek gesteht, er liebe Texte nicht, „die sich altmodisch, aufdringlich mit einem Du an den Leser wenden“ und ihm dann auch noch sagen, wie er zu schlafen habe: „Gähn, raus aus den Federn, ein Nest aus sanften Textilien. Der Tag startet mit einem Guten-Morgen-Kuss der Sonne.“ Urteil des Kritikers: zu idyllisch. „Wir blinzeln mit den Augen.“ Karasek fragt: „Mit was auch sonst?“, und zitiert weiter: „Glück ist, wenn Du ein superbequemes Sofabett, ein paar Beistelltische und eine gute Wifi-Verbindung hast.“ Das ist eine so traurige Pointe, dass sie an schwarzen Humor grenzt.

          Mit Freud („Glück ist als Dauerzustand nicht vorgesehen“) und Goethe hält Karasek onkelhaft dagegen. Klaviermusik. Wir haben derweil gegoogelt, dass der Ohrensessel Strandmon heißt, vermuten, dass in den Billy-Regalen im Hintergrund nur hohle Bücher-Dummies stehen, und denken an Loriots wahre Worte: „In Saarbrücken-Hauptbahnhof kann mit Anschluss nicht gerechnet werden.“ Die klügsten Zeitdiagnosen finden sich vielleicht öfter im banalsten Werk. Man muss es nur richtig lesen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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