30.05.2009 · Später, wenn er einmal tot ist, wird man ihm eine Straße widmen. Das auf jeden Fall. Einstweilen weiß die Heimatgemeinde des neuen Büchner-Preisträgers Walter Kappacher jedoch nichts von ihrem ausgezeichneten Sohn.
Von Hannes HintermeierAktuell, was heißt denn bitte schön aktuell? „Straßensperre ab Ortsteil Mühlbach bis Ortsteil Wald, Anthering. Umleitung über Gauesed - von Antheringer Seite ist die Zufahrt bis zum Sägewerk frei!“ Wer in diesen Tagen die Heimatgemeinde des neuen Büchner-Preisträgers Walter Kappacher im Internet besichtigt, erfährt so einiges, was in Obertrum am gleichnamigen See derzeit alles nicht los ist. Badeseetemperaturen und Hinweise zur Europawahl etwa. Aber einen Hinweis auf den fortan berühmtesten Mitbewohner sucht man vergeblich.
„Eine Einträge gefunden“ bescheidet das kommunale Suchmaschinderl, aber es handelt sich mitnichten um den Schriftsteller, sondern um die Firma Glaskunst Peter Kappacher. Möglicherweise verwandt, aber im Nachbarort Mattsee ansässig und spezialisiert auf Trink- und Jubiläumsgläser, Pokale, Zinnteller sowie Vereinskrüge - wobei diese dazu dienen, Kameradschafts- und Gemeinschaftssinn zu vermitteln. Gerade Letzterer scheint in der Marktgemeinde mit ihren viereinhalbtausend Einwohnern jetzt dringend gebraucht zu werden. Nona, man freut sich eben still hier, unweit der Landeshauptstadt Salzburg, wo Kappacher vor siebzig Jahren geboren wurde.
Wann wirst endlich ein berühmter Schriftsteller, Walter?
Das landschaftlich reizvolle Seengebiet wird indes - die Kapitale wuchert hinaus ins Land - Jahr für Jahr weiter zugeschandelt mit grellstmöglichen Eigenheimallmachtsphantasien, die mit Voralpenland nichts zu tun haben. Der bauliche Gestus, den die hier wahllos in die Landschaft verstreuten Paläste (Motto: Zu klein ist das Haus gleich!) ausdrücken, atmet keine Heimatliebe. Unvermeidlich kommen einem die beiden früheren Henndorfer Nachbarn, Carl Zuckmayer und Thomas Bernhard, in den Sinn - die sanfte Zuneigung des Ersten wird heute übertönt von der Tiradenseligkeit des Zweiten.
Hier also lebt Kappacher, lange Zeit unbemerkt von der literarischen Öffentlichkeit des großen Nachbarn Deutschland, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. So wie er selbst auf seiner Homepage den Büchnerpreis noch nicht verdaut hat, so wissen auch die Schnellspanner von Wikipedia nichts von der seit dreizehn Jahren währenden Obertrumer Existenz Kappachers. Nur dass die Stockschützen auf Asphalt und auf Eis zu den erfolgreichsten Mannschaften Österreichs gehören. Wahrscheinlich fragen sie ihn jetzt am Stammtisch: Wann wirst endlich ein berühmter Schriftsteller, Walter? Und er wird fein lächeln und weiter schweigen. Später, wenn er einmal tot ist, werden sie ihm eine Straße widmen. Das auf jeden Fall.