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Kapitalismuskritik : Notfalls auch mit Brüderle

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Sahra Wagenknecht mit Joseph Vogl, der sich via Skype aus Princeton mit ihr unterhält. Bild: Julia Zimmermann

Muss man den Kapitalismus retten? Oder sich selbst vor dem Kapitalismus? Fragen des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl, Antworten der Politikerin Sahra Wagenknecht

          In Berlin ist es 15Uhr nachmittags, in Princeton 9Uhr morgens. Wir haben Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Linksfraktion, und Joseph Vogl, Professor für Literatur an der Humboldt-Universität, zum Gespräch eingeladen. Joseph Vogl hat zwei aufsehenerregende Bücher zur Analyse der Finanzwirtschaft veröffentlicht: „Das Gespenst des Kapitals“ und „Der Souveränitätseffekt“. Sahra Wagenknecht hat ein neues Buch geschrieben: „Reichtum ohne Gier – Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“ (Campus-Verlag, 292 Seiten, 19,95 Euro). Sie fordert darin eine neue Wirtschaftsordnung, in der Eigentum nur noch durch eigene Arbeit entstehen kann und feudale Strukturen und leistungslose Einkommen der Vergangenheit angehören sollen. Vogl ist gerade Gastprofessor in Princeton, also weit weg. So sprechen die beiden, die sich persönlich bisher nicht begegnet sind, über Skype miteinander.

          Sahra Wagenknecht: Hallo?

          Joseph Vogl: Guten Tag, Frau Wagenknecht! Darf ich gleich einsteigen und Ihnen eine Frage stellen? Sie betrifft den Titel Ihres neuen Buchs. Wer ist eigentlich dieses Wir, das Sie als Kollektiv ansprechen? Sind es die Leser? Die Lohnabhängigen? Die Deutschen? Die Verlierer?

          SW: Die übergroße Mehrheit. Zum einen die lohnabhängig Beschäftigten, aber auch viele Selbständige. Kapitalismus ist ja keine vorteilhafte Wirtschaftsordnung für Menschen, die kein großes Erbe und keine Ersparnisse und doch das Talent haben, ein Unternehmen zu gründen. Sie kommen nicht an Kapital. Der klassische Slogan der Occupy-Bewegung, „Wir sind die 99 Prozent“, war richtig. Das ist ja die Absurdität, dass heute das reichste eine Prozent maximal profitiert, während die Mittelschicht absteigt und Armut wächst.

          JV: Der Kapitalismus ist ja nicht einfach nur ein Wirtschaftssystem. Er hat, trotz aller Desaster, auch ein riesiges Paket an Versprechen mit sich gebracht. Hier in Amerika spürt man es umso deutlicher: Reichtumsversprechen, Aufstiegsversprechen, glitzernde Konsumwelt. Das führt in den Vereinigten Staaten dazu, dass selbst die Leute, die wissen, dass ihre Aufstiegschancen gleich null sind, immer darauf setzen, dass der Kapitalismus eine Traummaschine bleibt. Komischerweise haben es andere Systeme nicht hinbekommen, solche Traummotoren zu werden. Mit diesem Horizont muss man auch kalkulieren, wenn man über den Kapitalismus redet.

          SW: Da stimme ich Ihnen zu. Nur löst der Kapitalismus seine Versprechen schon lange nicht mehr ein. Zum Beispiel das Aufstiegsversprechen: Wer reich ist, zu dem wird mit einem gewissen Respekt aufgesehen, egal welchen Methoden er seinen Reichtum verdankt. Kapitalismuskritik fängt auch damit an, zu zeigen, dass die heutige Wirtschaftsordnung keineswegs in erster Linie die Leistungsträger belohnt. Der eine wird reich geboren und hat so ganz andere Startbedingungen. Der andere hat im Investmentbanking möglicherweise der Allgemeinheit massiv geschadet. Wer dagegen etwa sein Leben lang alte Menschen pflegt, wird nie reich, obwohl er für die Gesellschaft viel mehr leistet.

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