Deutschland ist Stabilitätsanker und Wachstumsmotor. Das ist das Mantra der Bundeskanzlerin. Das sagt sie im Deutschen Bundestag und bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Klingt nicht falsch und beruhigt: Schwerer Anker und kraftvoller Motor, das sind in einem Industrieland mit Küstenstreifen wirksame Metaphern. Sie gehen bloß nicht zusammen: Wenn der stabilisierende Anker ausgeworfen wurde, sollte der Motor nicht volle Kraft voraus geben, sonst dreht sich das Schiff im Kreis. Oder bricht auseinander. Es ergeht den Zuhörern von Merkel-Reden genau so, wie ihrem einstigen Kollegen Edmund Stoiber: Man möchte zurückrufen um zu fragen, was sie gerade gesagt hat.
Hierzulande stört das viele, aber man hört auch oft darüber hinweg, sie hat ja andere Qualitäten. Peer Steinbrück hat andere Schwächen als Merkel - von denen die wesentlichste seine momentan fehlende Mehrheit sein dürfte -, aber doch immerhin diese Stärke: Wenn er etwas sagt, weiß der Zuhörer, was ihm mitgeteilt wurde. Das gilt für ausländische Regierungschefs und Banker aller Länder genau so wie für versprengte Autonome. Als ihn in Berlin mal ein nervöser Junge im schwarzen Kapuzenpulli als Kriegsverbrecher und Mörderkapitalisten beschimpfte, replizierte Steinbrück fröhlich mit einer Duellforderung: „Morgen zu Sonnenaufgang im Grunewald!“ Ihm ist jeder satisfaktionsfähig.
„Wir müssen reden“
Wichtig sind klare Worte in einer Demokratie immer, aber in der Krise werden sie lebenswichtig. Die leidenden Europäer in Spanien, Italien und Griechenland haben immerhin ein Recht darauf, erklärt zu bekommen, warum ihr Leben immer mieser wird, während sich der Finanzsektor nach teurer Päppelung erholt. Man wüsste schon gern, warum die EZB Kredite zum Minimalsatz an Banken vergibt, die diese wiederum schwächelnden Staaten weiterleiten, dann aber zu einem ordentlichen Zins.
Haben wir vielleicht ein Europahilfsprogramm „Rettet die Banker“? Seltsam ist doch auch, dass Europa noch so viele Steuer- und Rechtsnischen bietet, dass man, wie der Unternehmer Bernard Tapie, in Frankreich insolvent sein kann, in Belgien aber Multimillionär. Unsere Situation ist absurd und wir müssen reden. Stabilitätsmotor und Wachstumsanker oder Motorenanker und Wachstumsstabilität, das kann ja kein Mensch mehr hören. So viele Fragen sind offen, nun auch der Vorhang. Es wird wieder spannend in Deutschland.
Hallo, Herr Minkmar,
Carsten Berg (Carberg)
- 29.09.2012, 16:17 Uhr