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Kanzlerbegräbnisse : In der Republik der Toten

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Gräber von Domkapitularen des Kaiserdoms in Speyer – hier, am Adenauerpark, wird Helmut Kohl seine letzte Ruhestätte finden. Bild: dpa

Kiesinger bekam eine Ausnahmegenehmigung, Adenauer ein schlichtes Familiengrab und Kohl sucht Kirchennähe: Was die Wahl der letzten Ruhestätte eines bundesdeutschen Kanzlers bedeutet.

          Als Helmut Kohl am 1. Oktober 1982 zum Bundeskanzler gewählt wurde, lebte nur noch ein Altkanzler der CDU, nämlich Kurt Georg Kiesinger, der bis dahin letzte christdemokratische Kanzler. Als er am 9. März 1988 in seiner Wahlheimat Tübingen starb, gab es einen Staatsakt im etwas unscheinbaren Stuttgarter Eberhardsdom, kirchenrechtlich nur eine Konkathedrale, und eine anschließende Beisetzung im kleinen Kreis auf dem Tübinger Stadtfriedhof. Dort ruht der dritte Bundeskanzler neben seiner 1990 verstorbenen Ehefrau Marie Luise unter einem Stein aus Tessiner Quarz-Gneis. Nebenan befindet sich das Grab seines einstigen Ministers, des Sozialdemokraten Carlo Schmid, Hölderlins Grab liegt in Sichtweite, nicht viel weiter auch das von Walter Jens.

          Kiesingers Kanzlergrab war bis vor kurzem die größte Extravaganz, die einem Bundeskanzler postum zuteil wurde: Es brauchte eine Ausnahmegenehmigung. Der Tübinger Stadtfriedhof, seit seiner Einweihung 1829 öffentlich und überkonfessionell, war 1968 für Neubelegungen, wie die Beisetzung des Altkanzlers formaljuristisch eine war, geschlossen worden; dort beerdigt werden durften nur noch Tübinger Bürger, die ein Familiengrab auf dem Friedhof besaßen. Carlo Schmid hatte rechtzeitig eine Grabstätte beantragt; bei Kiesinger, geboren 1904 in Ebingen auf der Schwäbischen Alb, musste eine Ausnahme gemacht werden. Der in Tübingen lehrende Philosoph Ernst Bloch, der mit Helmut Kohl den Geburtsort Ludwigshafen teilte, wurde dagegen 1977 auf dem weniger zentralen 1950 eröffneten Bergfriedhof beigesetzt.

          Schlichtes Familiengrab auf dem Waldfriedhof

          Mittlerweile ist die Republik der Toten aber wiederhergestellt. Seit 2003 sind Neubelegungen auf dem Stadtfriedhof wieder möglich, der trotz seiner zahlreichen Künstler- und Gelehrtengräber ein zutiefst demokratischer Ort geblieben war; die Professoren liegen neben Handwerkern und kleinen Beamten. Insofern fügte sich Kiesingers letzte Ruhestätte in die Repräsentation der Bundesrepublik und die Ruhestätten seiner Vorgänger und Nachfolger bislang nahtlos ein. Die Kanzler wurden auf öffentlichen Friedhöfen in unmittelbarer Nachbarschaft gewöhnlicher Bürger beigesetzt; die relative Bescheidenheit der Grabstätten fand ihre Entsprechung im schmucklosen Staatszeremoniell. Auch Konrad Adenauer, der 1967 den bis heute größten Staatsakt und ein Pontifikalrequiem im Kölner Dom erhalten hatte, wurde anschließend im schlichten Familiengrab auf dem kommunalen Rhöndorfer Waldfriedhof beigesetzt. Vor ihm hatten dort seine beiden Ehefrauen und der 1920 als Säugling verstorbene Sohn Ferdinand ihre letzte Ruhestätte gefunden.

          Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard war 1977 in Bonn verstorben, hatte für die letzte Ruhe aber die größtmögliche Distanz zu der damaligen Bundeshauptstadt gewählt: Der gebürtige Fürther liegt auf dem Bergfriedhof in Gmund am Tegernsee; in dieser Gemeinde hatte Sep Ruf ihm den berühmten Kanzlerbungalow errichtet. Bereits 1975 hatte Erhard seine Ehefrau Luise in Gmund begraben lassen. Das evangelische Kanzlerpaar liegt auf einem katholischen Friedhof, der jedoch als kommunaler „Monopolfriedhof“ auch Nichtkatholiken offensteht.

          In europäischer Tradition

          Auch Willy Brandt, der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik, hatte noch zu Lebzeiten seine letzte Ruhestätte bestimmt. Er wollte nicht an seinem letzten Wohnort Unkel, sondern in Berlin begraben werden, wo er Regierender Bürgermeister war und bis zuletzt seine politische Heimat hatte. Er wurde 1992 auf dem bezirkseigenen Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt, in dessen Nähe er am Marinesteig in Schlachtensee lange gewohnt hatte. Das Grab grenzt an das Familiengrab von Ernst Reuter, auch Brandts zweite Frau Rut, mit der er drei Kinder hatte, liegt seit 2006 in der Nähe begraben. Helmut Schmidt, wie Adenauer und Erhard als Witwer verstorben, folgte in gewisser Weise Adenauer. Er wurde 2015 wie seine 2010 verstorbene Ehefrau Loki im „Familiengrab Koch und Schmidt“ auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf seiner Heimtatstadt Hamburg beigesetzt.

          Helmut Kohl, der Willy Brandt einen respektablen Staatsakt ausrichtete und auf dem städtischen Friedhof in Ludwigshafen-Friesenheim seine Eltern und seine erste Ehefrau Hannelore in einem Familiengrab beisetzen ließ, ist der erste Bundekanzler, der nicht auf einem öffentliche Friedhof begraben wird. Das Kanzlergrab auf dem Klerikern vorbehaltenen Friedhof des Domkapitels seiner Heimatdiözese Speyer ist aber noch in anderer Hinsicht ein Novum: Kein Kanzler oder anderer Spitzenpolitiker der Bundesrepublik wurde bislang in so offenkundiger Nähe zu einer Kirche beigesetzt.

          Politikergräber in Kirchen sind in Deutschland unüblich. Erst im europäischen Vergleich findet sich Kohls Referenzrahmen. Nicht die französischen Staatspräsidenten, deren Familiengräber in der Provinz den Kanzlergräbern durchaus entsprechen, sondern zwei als Gründerväter Europas apostrophierte katholische Politiker fanden vergleichbare Gräber. Alcide De Gasperi, der italienische Christdemokrat aus dem Trentino, wurde 1954 in Rom in der Eingangshalle der im fünften Jahrhundert geweihten päpstlichen Basilika San Lorenzo fuori le mura beigesetzt, was auch nach italienischen Maßstäben ungewöhnlich war. Und der Franzose Robert Schuman wurde aller staatlichen Laizität zum Trotz im lothringischen Scy-Chazelles in der mittelalterlichen Kirche Saint Quentin begraben. Insofern stellte sich der Historiker Helmut Kohl mit der Wahl seiner letzten Ruhestätte in eine europäische Tradition, die ohne die katholische Kirche nicht möglich ist. Bei Alcide De Gasperi und Robert Schuman sind Seligsprechungsverfahren anhängig. Zu einer um den unspektakulären Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim zentrierten bundesrepublikanischen Kanzlerschaft scheinen die Gräber von Kohls Amtsvorgängern, so verschieden sie waren, besser zu passen.

          Quelle: F.A.Z.

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