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Kannibalismus Das wird ein guter Bissen für mich sein

29.01.2004 ·  Seit den Anfängen unserer europäischen Zivilisation wird Kannibalismus als ungeheure Grenzüberschreitung verurteilt. Jene Grenzgänger, die ihresgleichen verspeisen, werden zu Riesen, Hexen und Exoten deformiert.

Von Theo Stemmler
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Seit den Anfängen unserer europäischen Zivilisation wird Kannibalismus als ungeheure Grenzüberschreitung verurteilt. Jene Grenzgänger, die ihresgleichen verspeisen, werden zu Riesen, Hexen und Exoten deformiert - zu gänzlich anderen, zu Fremden schlechthin, die in gehöriger örtlicher oder zeitlicher Entfernung von der gesitteten Gesellschaft ihr Unwesen treiben. Das kulturelle Gedächtnis Europas hat sie in Mythen und Märchen, aber auch in Reiseberichten aufbewahrt. Daß ihr verbotenes und geächtetes Tun (ähnlich dem tabuisierten Inzest) zwar fast jeden von uns schaudern läßt, aber auch auf einige andere einen sinistren Reiz ausübt, ist den Psychologen bekannt und nutzt den Dichtern und Filmemachern, denen bekanntlich alles zuzutrauen ist. Tabus und Tabubrüche können "faszinieren" - im ursprünglichen, auch sexuell konnotierten Sinne von "behexen".

Mythischer Prototyp des ungesitteten, im ethischen Abseits hausenden Anthropophagen ist Polyphem, der immerhin dreimal zwei Gefährten des Odysseus verschlingt: Zum Abendessen, Frühstück und nochmals zum Abendessen "tischt er die Stücke zum Schmaus auf". Homer hat diesen riesigen Kyklopen im Neunten Gesang der "Odyssee" als einsam auf einer Insel in einer Höhle lebenden Barbaren dargestellt: "grausam und ungerecht und durch keine Gesetze gebändigt". Der menschenfressende Polyphem: ein den Griechen durch und durch fremdes, rohes, "gräßlich gestaltetes Ungeheuer", auch wenn er ein Sohn des Poseidon ist.

Ab ins ferne Ausland

In ähnlicher Weise entledigen sich viele antike Historiker und Geographen - Herodot, Strabo oder Plinius d. Ä. zum Beispiel - der anthropophagen Verlockung, indem sie diese ins ferne, unzivilisierte Ausland verlagern: zu den Äthiopiern, Skythen oder Indern. Wenn sich dennoch im Mythos Anthropophagie in heimischen Gefilden ereignet, geschieht dies in grauer Vorzeit, und die Täter - etwa Lykaon oder Tantalos, bisweilen auch der "Fresser" wie Thyestes - werden als Verbrecher bestraft. Zu Polyphem gesellt sich eintausendsiebenhundert Jahre später und zweitausend Kilometer weiter nördlich der menschenfressende Grendel, in einem völlig anderen Kulturkreis angesiedelt und doch dem Kyklopen frappierend ähnlich. Er verschlingt im angelsächsischen Epos "Beowulf" aus dem achten bis neunten Jahrhundert nicht weniger als dreißig Gefährten des Helden. Auch dieser Riese verkörpert den Gesetzlosen, den außerhalb der Zivilisation Stehenden. Er haust weitab in einer Höhle und attackiert die in gesellschaftlicher Ordnung Lebenden, allerdings in christlicher Tönung: Der "Nachfahre Kains" wird von luziferischem Neid auf die Gesitteten zu seinen Untaten angetrieben.

Genauso sind in der deutschsprachigen Folklore Menschenfresser off limits. Eigentlich gibt es sie gar nicht, weil es sie nicht geben darf: Sie begegnen uns nur als Riesen oder Hexen, die zur Erhöhung unser aller Sicherheit, zur Abwehr urtümlicher Neigungen und zur Beschwichtigung unserer Urängste oft in Einöden oder in die Wildnis verbannt sind. So im Märchen von Hänsel und Gretel, die auf die menschenfressende Hexe tief im Wald treffen, "wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren". Die Hexe gehört übrigens - wie schon Grendel und Polyphem, der den "Schmaus" mit "lauterem Milchtrunk" hinunterspült, oder später der Chianti bevorzugende Hannibal Lecter - der Richtung des kulinarischen Kannibalismus an: Wenn ein Kind in ihre Gewalt kam, "machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag". Daher ihre Vorfreude ("das wird ein guter Bissen für mich sein") und ihr Versuch, den armen Hänsel im Stall wie ein Schwein zu mästen: "Wenn er fett ist, dann will ich ihn essen." Daß sie "eine feine Witterung" hat, "wie die Tiere", verstärkt ihre Bestialisierung. Diese tierische Fähigkeit, Menschenfleisch zu riechen, wird übrigens vielen menschenfressenden Riesen zugeschrieben, wie etwa im Märchen vom "Kleinen Däumling".

Anthropophagen als Exoten

Die Tradition, Menschenfresser als völlig fremdartige Wesen darzustellen, setzt sich im hohen und späten Mittelalter meist in der Art jener antiken Berichte fort, wo Anthropophagen als Exoten erscheinen - außerhalb des eigenen Landes lebend. Doch werden auch gesellschaftlich Fremde im eigenen Land als Menschenfresser diffamiert, Juden und Ketzer vor allem: eine Art innerer Verbannung. In den bekanntesten und wichtigsten aller mittelalterlichen Reiseberichte, Marco Polos "Divisament dou monde" (Beschreibung der Welt) vom Ende des dreizehnten Jahrhunderts und John Mandevilles sieben Jahrzehnte später verfaßten "Voyages", wimmelt es von Menschenfressern, die im fernen Asien ihr Unwesen treiben. Auch in diesen Berichten ist die Menschenfresserei vorwiegend eine kulinarische Angelegenheit. So weiß Marco Polo von den Bewohnern der chinesischen Provinz Fukien zu erzählen: "Sie essen Menschenfleisch, das sie für schmackhafter als jedes andere halten." Und Mandeville berichtet über Riesen in Indien, die "Menschenfleisch lieber denn das Fleisch von Tieren" essen und dazu die Milch ihrer Tiere trinken - Polyphem grüßt aus weiter Ferne.

Die Bestialisierung der Anthropophagen wird im Mittelalter ebenfalls fortgesetzt. Die Bewohner einer Bergregion aus Sumatra "leben in viehischer Art: Sie essen Menschenfleisch ebenso wie anderes Fleisch", so heißt es bei Marco Polo. In monströser, zoomorpher Überspitzung erscheinen in diesen Reiseberichten Menschenfresser als hundsköpfige Wesen. Solch "viehisches Geschlecht" (Marco Polo) lebt etwa auf den Andamanen. Mandevilles hundsköpfige Bewohner der Nikobaren fressen übrigens nur ihre besiegten Feinde auf, offenbar nicht aus kulinarischem, sondern magischem Antrieb: um sich (wie Kopfjäger) die Lebenskraft des Toten einzuverleiben.

Menschenfressende Fabelwesen

Noch zwei Jahrhunderte nach Marco Polo und hundertdreißig Jahre nach John Mandeville berichtet ausgerechnet der auf handfeste nautische und geographische Beobachtungen angewiesene Seefahrer und Entdecker Christoph Kolumbus von solchen menschenfressenden Fabelwesen. Diese beiden mittelalterlichen Reiseberichte kannte er gut: Je ein Exemplar fand sich in seinem Besitz. Am 4. November 1492 trägt Kolumbus in sein Bordbuch ein: "Ich hörte auch, daß es fern von hier Leute mit einem Auge gäbe und andere mit Hundeschnauzen, welche Menschen fräßen und alle, die sie fingen, köpften und ihr Blut söffen und ihnen das Geschlecht abschnitten." Da hat der Genueser, gewollt oder ungewollt, einiges durcheinandergebracht. Daß seine indianischen, auf einer der karibischen Inseln lebenden Informanten von einäugigen oder hundeschnäuzigen Menschenfressern geredet haben, ist so gut wie ausgeschlossen.

Hier hat Kolumbus Fabulöses aus den Reiseberichten Mandevilles, Marco Polos und letztlich Homers eingebracht, in denen ebensolche Monster beschrieben werden. Bezeichnend und nicht überraschend: Wie so oft in der Antike und im Mittelalter sind die Menschenfresser Fremde; sie leben "lejos de allí", wie es im spanischen Original heißt. Immer wieder spricht Kolumbus in seinem Bordbuch - unmittelbar an Marco Polo und Mandeville anknüpfend - vom Reich des Großen Khan (das heißt den Mongolenherrschern), von Kathay (China) und von den Tataren, da er bis zu seinem Tod annahm, er habe den westlichen Seeweg zu diesen asiatischen Reichen entdeckt - und nicht die zu Amerika gehörigen Inseln der Karibik. Zur Ehrenrettung des Kolumbus sei vermerkt, daß er sich an einigen Stellen seines Bordbuchs skeptisch über solche Fabelberichte äußert. Immerhin hat er uns in diesen Einträgen eine neue Bezeichnung für Anthropophagen - "Kannibalen" - geliefert, die heute mit den "Menschenfressern" konkurriert - einer wörtlichen, seit dem siebzehnten Jahrhundert verbreiteten Übersetzung des alten griechisch-lateinischen Begriffs.

„Kannibalen“ seit 1492

Das neue Wort "caníbales" taucht erstmals im Bordbucheintrag vom 23. November 1492 auf. Damit bezeichnet Kolumbus die angeblich menschenfresserischen Leute aus "Caniba", "Canima", "Cariba" oder "Carib", wie es in weiteren Einträgen heißt. Gemeint ist der kriegerische Stamm der Kariben, die offenbar über die friedlicheren Tainos, mit denen Kolumbus auf seiner ersten Reise Umgang hatte, herfielen und von jenen daher prompt, zu Recht oder Unrecht, für Menschenfresser gehalten wurden. Ein vertrautes Muster: der Fremde, der Feind, der andere als Kannibale.

Daß sich das Wort "caníbales" durchsetzte und nicht eine andere, auch im Bordbuch zu findende Variante wie etwa "caribes", ist wohl wiederum auf den Nachhall der alten Reiseberichte zurückzuführen. Zum einen passen die "Kannibalen" - aufgrund des spanischen "can" (Hund) - gut zu den hundsköpfigen Monstern. Zum anderen werden sie von Kolumbus selbst (11. Dezember 1492) als Untertanen des Großen Khan beschrieben: "Caniba no es otra cosa sino la gente del Gran Can."

Kanibalismus funktionalisieren

Schon vor Kolumbus hatte die - aus eurozentrischer Sicht - so genannte Zeit der Entdeckungen begonnen und den Anfang der Kolonialzeit eingeläutet. Nunmehr wird der Kannibalismus funktionalisiert: Er dient bis ins zwanzigste Jahrhundert als willkommener Vorwand, die (tatsächlich oder angeblich) menschenfresserischen Wilden zu missionieren, zu unterwerfen und auszuplündern - und dies, obwohl seit längerem (William Arens: "The Man-Eating Myth", 1979) der Vorwurf des Kannibalismus vielen Forschern als üble Nachrede erscheint.

Wie immer legten sich bereits im sechzehnten Jahrhundert einige Intellektuelle quer. So zeigt etwa Montaigne in seinem Essay "Des cannibales" (circa 1580) ein gewisses Verständnis für den Kannibalismus in der Neuen Welt und relativiert dessen Horror durch den Vergleich mit den Schrecken der Inquisition: "Es ist barbarischer, einen Menschen lebendig zu verbrennen, als ihn tot zu verspeisen." Doch auch ihm und noch vielen späteren Autoren bleibt der Kannibale exotisch fremd.

Der Kannibale in der Nachbarschaft

Erst in unserer Zeit kehrt er aus der Verbannung zurück und taucht mitten unter uns auf, nicht mehr in geographische, mythische, magische, soziale oder märchenhafte Ferne entrückt, sondern ganz real als der Nachbar von nebenan mit bürgerlichem Beruf. Sein Erscheinen in unserem Alltag wird weidlich ausgeschlachtet. Der Kannibale wird nicht mehr bewertet, sondern begafft; das kulturelle Gedächtnis weicht der Souvenir-Industrie.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2004, Nr. 24 / Seite 42
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