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Kampagne gegen „Shoah“-Autor : Rufmord an Claude Lanzmann

Der Autor von „Shoah”: Hat sich Claude Lanzmann selbststilisiert? Bild: AFP

Hat der weltberühmte Autor von „Shoah“ in seinen Memoiren die Geschichte gefälscht? Der deutscher Kunsthistoriker Christian Welzbacher wirft ihm Desinformation und Selbststilisierung vor. Es geht um eine Berliner Episode der Nachkriegszeit.

          Aus Deutschland kommt es gegenwärtig knüppelhart über Claude Lanzmann. In Hamburg wurde Ende vergangenen Jahres die Vorführung seines Films „Warum Israel“ verhindert. Und jetzt veröffentlichte die „Zeit“ in ihrer jüngsten Ausgabe „Eine kleine Warnung an den Rowohlt-Verlag“, der sich anschickt, Lanzmanns Memoiren in deutscher Übersetzung zu veröffentlichen. „Le lièvre de Patagonie“, bei Gallimard erschienen, wurde in Frankreich mehrfach als Buch des Jahres 2009 ausgezeichnet. Vor diesem Werk warnt die Hamburger Wochenzeitung die deutsche Öffentlichkeit. Vom Verlag fordert sie eine „kommentierte Ausgabe“. Wahlweise schlägt sie eine Revision „unter Rücksprache mit Historikern“ mvor.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Autor des Appells ist der Kunsthistoriker Christian Welzbacher. Er hat 2009 ein Buch über Edwin Redslob („Biographie eines unverbesserlichen Idealisten“, Matthes & Seitz) veröffentlicht, um den es in seiner Polemik gegen Lanzmann geht. Redslob war in der Weimarer Republik Reichskunstwart und gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin zu den Begründern der „Tagesspiegels“ und der Freien Universität. In seinen Memoiren berichtet Lanzmann, dass Redslob 1949 als Rektor der FU entlassen worden sei nach der Veröffentlichung eines Artikels von Lanzmann in der „Berliner Zeitung“. Das stimmt nicht: Redslob schied sechs Monate später aus Altersgründen aus dem Amt. Welzbacher wirft Lanzmann vor, sich als Rächer der Juden zu stilisieren und sich mit einer Trophäe zu schmücken, die ihm nicht zustehe. Dafür gibt es in den Memoiren keine Belege.

          Ein Gedicht für Emmy Göring?

          Was der Ankläger verschweigt: Claude Lanzmann, junger Lektor an der Universität, hatte auf Wunsch seiner Studenten ein Seminar über Antisemitismus organisiert. Das wurde ihm vom französischen Stadtkommandanten in Berlin verboten: keine Politik. Deshalb schrieb Lanzmann den Artikel, in dem er gegen die Widersprüche zwischen der Entnazifizierung und den Ereignissen an der FU protestierte. Die Zeitungen im amerikanischen, englischen und französischen Sektor verweigerten den Abdruck, es blieb nur die „Berliner Zeitung“ im Osten. Sie stellte dem Artikel - ohne Lanzmanns Wissen - ein Gedicht zur Seite, das Edwin Redslob Görings Frau Emmy gewidmet hatte. Unsicher in der Grammatik, schreibt Welzbacher zunächst von einem Gedicht, „das aus Redslobs Feder gekommen sein sollte“. Soll das heißen, dass er die Autorschaft anzweifelt? Später teilt er mit, das Gedicht habe Redslob nicht „direkt“ für Emmy Göring geschrieben, „sondern für ein Service der Kopenhagener Porzellanmanufaktur, die Emmy Göring mit einer Geschirrgarnitur beschenkte“. Dann sieht die Sache natürlich ganz anders aus!

          Lanzmann äußert sich gar nicht speziell über Redslob und dessen Vergangenheit - weder 1949 noch 2009. Nach dem Krieg hatte Redslob behauptet, in Kontakt mit dem Widerstand gegen Hitler gestanden und zugesagt zu haben, das Kulturministerium zu übernehmen. „Dreist und nicht überprüfbar“ nennt Johannes Willms in der Besprechung von Welzbachers Biographie in der „Süddeutschen Zeitung“ diese Darstellung. Über Edwin Redslob schreibt Willms: „Kein ,Täter', aber ein publizistisch umtriebiger Mitläufer des Nazismus. Das Geschick jedoch, mit dem er es verstand, die drei großen Epochenbrüche der Deutschen Geschichte, die sein Leben wie das vieler anderer kennzeichneten, so überaus erfolgreich wie auffällig unauffällig mit der eigenen Biographie zu vermitteln, macht ihn als Phänotyp exemplarisch.“

          Welzbacher bedient sich eines Generalverdachts

          Nichts Schlimmeres unterstellt Claude Lanzmann in seinen Memoiren der FU. Und Edwin Redslob tut er in keiner Weise unrecht. Vor einem Jahr hat er bei Veranstaltungen in Berlin seine Schilderung der Ereignisse wiederholt. Welzbacher tut nun so, als hätte Lanzmann damit eine unerhörte Unwahrheit in die Welt gesetzt, auf Grund deren auch noch der „dürre“ Wikipedia-Eintrag über Redslob verändert wurde. „Vehementer Zuspruch, revidierte Geschichte - verhallte Widerrede“, so fasst er in der „Zeit“ den Verlauf zusammen: „Kritiklos machten sich die Journalisten in Deutschland Lanzmanns Erzählung zu eigen und ersparten sich die Recherchen.“

          Halten wir also nochmals fest: Edwin Redslob wurde nicht wegen Lanzmanns Artikel in der „Berliner Zeitung“ entlassen, voilà! Ehrlich gesagt, schmälert der Fehler in keiner Weise unsere Begeisterung für dieses Buch. „Mit sprachlicher Wucht“ (Welzbacher) erzählt Lanzmann sein Leben und präsentiert seine besten Anekdoten. Er ist eitel, manchmal unausstehlich, schwierig, cholerisch, schwerhörig, von sich eingenommen. Aber Memoiren sind keine quellenselbstkritische Gattung, und dass Lanzmann flunkert, überhöht, stilisiert, dramatisiert, gehört zum Charme seiner Erzählungen. Und ist jedem Leser bewusst.

          Rowohlt bringt das Buch unverändert

          Da seine Trouvaille doch eher dürftig ist, setzt Welzbacher Lanzmanns Memoiren einem Generalverdacht aus: „Dabei lässt schon der flüchtige Blick in das französische Manuskript erahnen, dass die Redslob-Episode nicht die einzige sein dürfte, in der Lanzmanns ,Interpretation' die Wahrheit überlagert." Es kommt noch üppiger: „Lanzmann, das Mensch gewordene Monument der historischen Verantwortung, verändert die Geschichte - nach seinem Interesse.“ Mit dem Irrtum der Entlassung stellt der Warner Lanzmanns Lebens- und Meisterwerk „Shoah“ in Frage - und scheut sich nicht, „Shoah“ mit Tarantinos „Inglourious Basterds“ zu vergleichen. „Dürfen Kunstwerke mit historischen Fakten ,spielen'?“ Spielt „Shoah“ mit den Fakten? Immerhin hat Welzbacher die Gänsefüßchen nicht bei den Fakten gesetzt. Lanzmann aber ist bei ihm sehr wohl als Fälscher „überführt“. Zu allem Übel hat Rowohlt Christian Welzbacher auch noch beschieden, dass die Memoiren „unverändert erscheinen“ sollen. Wehret den Anfängen.

          Quelle: F.A.Z.

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