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Kamerad Köhler Bitte wegtreten!

 ·  Er kommt so schnell nicht wieder: Bundespräsident Horst Köhler wollte sich bei den deutschen Soldaten in Afghanistan ganz kameradschaftlich geben. Diese aber beharrten auf ihrer Schweigefreiheit.

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Sich Zeit nehmen für Gespräche - das ist eine gute Sache. Wenn es nun aber der Bundespräsident ist, der sich diese Zeit nimmt, und es also zumindest nicht auszuschließen ist, dass das Gespräch nicht nur ins Stocken gerät, sondern man sich gar nichts zu sagen hat? Dann heißt es auch für Soldaten: Reißt euch zusammen, Männer, so ein Gespräch mit dem Bundespräsidenten kann ja nicht ewig dauern!

Das tat es denn auch nicht, als Horst Köhler neulich in Afghanistan vor Bundeswehrsoldaten trat. Nachdem er dies und das über die Schwierigkeit des Einsatzes, die Verantwortung und den Rückhalt in der Bevölkerung (den es so, wie Köhler es darstellte, ja überhaupt nicht gibt!) dahergefloskelt hatte, wurde er persönlich: „Ich will hören, wie Sie denken, was Sie fühlen.“ Keiner rührte sich. Da machte Köhler Druck: „Ich komme nicht so schnell wieder.“ Seine Hoffnung, dass nun ein Ruck durch die Reihen gehen würde - „Habt ihr gehört, Männer, der Bundespräsident kommt so schnell nicht wieder?!“ -, erfüllte sich nicht.

Gegenfrage erlaubt?

Doch Köhler ließ nicht locker: „Ich ermutige jeden von Ihnen, mit mir zu sprechen, als hätten Sie einen Kameraden vor sich.“ Wenn man sich seine Neigung zu Wutausbrüchen gegenüber Untergebenen im kleinen Kreis - also theoretisch gegenüber allen Deutschen, denn er ist ja wirklich unser Staatsoberhaupt! - vor Augen hält, dann muss man das Nicht-Einknicken im Angesicht einer bundespräsidialen Freundlichkeit, die jeden Moment in ein Donnerwetter umschlagen kann, als ausgesprochen tapfer bewerten: Deutschlands Schweigefreiheit wird am Hindukusch verteidigt!

Womöglich war die Atmosphäre aber schon durch den Lapsus getrübt, den Köhler sich auch geleistet hatte: Nachdem er von einem amerikanischen Presseoffizier die Auskunft bekommen hatte „Ich glaube, wir können das gewinnen“, soll er die deutschen Soldaten einem Zeitungsbericht zufolge allen Ernstes gefragt haben: „Warum höre ich das nicht von Ihnen?“ Es wäre unhöflich gewesen, darauf mit der einzig möglichen Gegenfrage zu antworten: Und warum hören wir zwar viel von Ihnen, können uns dann aber nie merken, was Sie gesagt haben? Womöglich hat den Bundespräsidenten die Tatsache, dass seine Amtsführung nicht kritisiert werden darf, dazu ermutigt, seine verteidigungspolitischen Vorstellungen zu präzisieren: Es gehe in diesem Krieg, sagte Köhler in einem Interview, auch um „freie Handelswege“, um Export also, um Wirtschaft. Die Soldaten können wegtreten, kopfschüttelnd und mit einem Liedchen auf den Lippen: „Ich hatt' einen Präsidenten . . .“

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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