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Kalkulationsmethoden Zahlen zum Schönrechnen

 ·  Zahlen über wirtschaftliche Wertverluste an der Börse und die Strahlenbelastung Fukushimas wurden jüngst höchst unterschiedlich aufgenommen. Welche Ausdrucksfähigkeit haben nackte Zahlen?

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Am beschädigten Atomkraftwerk Fukushima wurde jüngst eine Strahlenbelastung von zehn Sievert gemessen – als würde man mehrere erlaubte Jahresdosen in einer Sekunde aufnehmen. Und an den Börsen wurde ein Wertverlust von 2,5 Billionen Dollar registriert – das entspricht ungefähr der Wirtschaftsleistung Frankreichs. Die Zahlen und ihre illustrierenden Vergleiche stimmen, und sie „signalisieren Unbestreitbarkeit und Objektivität“. So schreibt es die Soziologin Bettina Heintz im Buch „Zahlenwerke“. Doch das, was für den Journalismus Grundlage für eine abschließende Darstellung ist, ist für die Wissenschaft eine herausfordernde Problemstellung. Denn Zahlen mit einer standardisierten Maßeinheit auszustatten, ihnen wegen ihrer Eindeutigkeit Objektivität zuzuschreiben und sie als unbestreitbare Fakten zu verbreiten, das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite verweist darauf, dass jede Zahl nicht nur Fakt, sondern auch Artefakt einer Kalkulationsmethode ist. Und es gehört zum Prinzip der Mathemagie, diese zweite Seite zu vergessen.

Die eine Zahl wurde wissenschaftlich ermittelt, die andere wirtschaftlich. Doch was ist über ihre Verbreitung und Kommentierung zu sagen? Muss der Strahlungshöchststand erschrecken und eine dramatische Börsenwoche Aufregung verursachen? Oder könnte man derartige Sachlagen nicht auch „schönrechnen“? Der neue Strahlungshöchststand in Fukushima führte zu einem merkwürdigen Zustand. Die Meldung stieß auf Desinteresse, als hätte man diese Eskalation erwartet und die neuen Zahlen schon in die anhaltende Debatte zum Thema Kernkraft eingepreist. Was gäbe es auch darüber hinaus zu berichten? Das Gebiet um die Atomanlage ist bereits weiträumig entvölkert, die Experten sprechen seit Monaten davon, dass die Strahlenwerte kaum durch menschliches Zutun verändert werden können. Der Unfall ist passiert, die Versorgung wurde geleistet, alles Weitere scheint aussichtslos. Die Strahlung ist so stark, dass graduelle Unterschiede nichts Substantielles bedeuten, sie beeinflussen die bereits gezogenen Konsequenzen nicht.

Alternative Kalkulationsmethode

Könnte man nun das Vorzeichen umkehren und behaupten, der Zustand in Fukushima führt zu neuer Gelassenheit, weil er zu einer Gewissheit führt, die schrecklich, aber auch unhintergehbar ist? In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Anstrengungen gemacht, um Undenkbares denkbar zu machen. Das zahlt sich jetzt aus. Der Zustand der Atomanlage in Fukushima ist nicht erschreckend, sondern erklärend. Japan steigt aus der Atomkraft aus, es bedurfte kaum einer weiteren Diskussion.

Eine ebenso streitbare Vorzeichenverkehrung gelingt auch beim Thema Wertvernichtung an den Weltbörsen. In der vergangenen Woche wurden 2,5 Billionen Dollar Vermögenswerte vernichtet. Nach drei Jahren Turbulenzen auf den Weltfinanzmärkten weiß jeder Beobachter, dass es für solche, obendrein kurzfristigen Marktbewegungen kaum strukturelle Entsprechungen gibt. Börsenwerte steigen und fallen, die Fabrikhallen und Bankentürme bleiben erst einmal unbeeindruckt stehen. Es handelt sich erst einmal um nichts anderes als Buchungen. Und auch für die Meldung dieser Zahlen bietet sich eine alternative Kalkulationsmethode an. Denn jedem Vermögenswert steht in gleicher Größe ein Schuldenwert gegenüber. Wächst auf der einen Seite ein Geldberg, wächst auf der anderen Seite ein Schuldenloch.

Substanzlose Aha-Effekte

Es gibt nicht einmal die Notwendigkeit, sich von den Finanzmärkten wegzubewegen, um eine beruhigende Feststellung zu vermerken: In der vergangenen Börsenwoche sank die Gesamtverschuldung der weltweit agierenden Finanzmarktakteure in der Höhe der Wirtschaftsleistung Frankreichs. Mit Zahlen kann man alles sagen. Aber nackte Zahlen sprechen noch längst nicht für sich. Ihr Potential, so Niklas Luhmann, liegt in ihrem Erzeugen „substanzloser Aha-Effekte“.

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