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Kalifornische Ideologie : Verändert die Welt, und macht sie flach!

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Hier wird die Welt verändert, und zwar von jedem: Blick auf das Silicon Valley Bild: Röth, Frank

Im Silicon Valley behauptet jeder, die Welt verbessern zu wollen. Gemeint ist damit aber nur die optimale Vermarktung einer ewig jugendlichen, regressiven Kultur.

          In der neuen HBO-Comedyserie „Silicon Valley“ beendet nahezu jeder Vertreter eines Start-up-Unternehmens seinen Vortrag mit den Worten „und das wird die Welt zu einem besseren Ort machen“.

          Schon im Jahr 1983 gelang es Steve Jobs, den damaligen Pepsi-Geschäftsführer John Sculley mit einer unwiderstehlichen Frage zum Übertritt zu Apple zu überreden: „Wollen Sie den Rest Ihres Lebens Zuckerwasser verkaufen, oder wollen Sie eine Chance, die Welt zu verändern?“ Und gerade als ich beginnen wollte, diesen Artikel zu schreiben, entdeckte ich in der „New York Times“ eine ganzseitige Werbeanzeige für Blackberry. Das Foto einer lächelnden Arianna Huffington war überschrieben mit dem übergroßen Zitat: „Nimm nicht nur deinen Platz an der Spitze der Welt ein. Verändere die Welt.“ Einen Tag zuvor hatte Bill Gates die Abschlussklasse in Stanford animiert, durch Optimismus und Empathie „die Welt zu verändern“. Es ist kaum zu glauben, dass dieses abgedroschene Mantra immer noch mit solcher Begeisterung verkündet wird.

          In unserem Siliziumzeitalter, in dem immer nur Veränderung und Diskontinuität glorifiziert werden, niemals Instandhaltung, ist es schwer nachzuvollziehen, dass früher die Weltveränderer mit Misstrauen und Schrecken beäugt wurden. Wer die Welt liebte, sie als sein irdisches Heim betrachtete, wem bewusst war, wie viel Mühe und Weitsicht es die eigenen Vorfahren gekostet hatte, ihr Fundament zu sichern, ihre Institutionen zu gründen und ihre Kultur zu gestalten, wer die Welt als den Ort seines säkularen Nachlebens betrachtete, der hatte guten Grund, all denen unheilvolle Neigungen zu unterstellen, die die Strukturen dieser Welt verändern, sie einem womöglich sogar entfremden wollten. Den Preis der unendlichen Umwälzungen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, dieser „finsteren Zeiten“ mit ihren „politischen Katastrophen, moralischen Desastern und einer erstaunlichen Entwicklung von Kunst und Wissenschaft“, hat Hannah Arendt beschrieben: Wenn man die Welt in permanente Umwälzung zwingt, wenn es gar keine Beständigkeit mehr gibt – dann wird sie unmenschlich.

          Alles so schön bunt hier: mit dem Google-Bike auf dem Weg zum Google-Campus im kalifornischen Mountain View
          Alles so schön bunt hier: mit dem Google-Bike auf dem Weg zum Google-Campus im kalifornischen Mountain View : Bild: dpa

          Im einundzwanzigsten Jahrhundert haben sich die politischen, moralischen, sozialen und ökologischen Erschütterungen des zwanzigsten nur verschärft. Applaudieren dürfte man den Möchtegern-Weltveränderern und Start-up-Unternehmen des Silicon Valley, wenn sie versuchten, diesem Prozess planetarischen Umbruchs zu widerstehen oder ihn rückgängig zu machen, so wie Umweltschützer die Wunden versorgen, die wir der Natur zugefügt haben. Leider fehlt es ihnen sowohl an Kampfgeist wie an Besonnenheit. Mit ein paar wenigen Ausnahmen nimmt sich unsere technologische Avantgarde kaum die Zeit, ihr Handeln zu überdenken. Wenn doch, dann entstehen bevorzugt solche Ideen, die Chaos und Unruhe nur befeuern.

          Tatsächlich hat das Silicon Valley und all das, wofür es in unserer Kultur metonymisch steht, das Leben von Milliarden beeinflusst. Seine Innovationen verwandelten die vergangenen vier Jahrzehnte in eine Abfolge von „Vorher/nachher“- Momenten: vor dem Personal Computer und danach, vor Google und danach, vor Facebook, iPhones, Twitter und danach und so weiter. „Die Welt verändern“ – im Siliziumzeitalter bedeutet das, neue, immer raffiniertere Wege zu finden, den Computer oder das Smartphone zum primären und letztendlich zum einzigen Zugang der Menschen zur Realität werden zu lassen.

          Philipp was here: Der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler macht Bekanntschaft mit dem Kommunikationsstil von Silicon Valley
          Philipp was here: Der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler macht Bekanntschaft mit dem Kommunikationsstil von Silicon Valley : Bild: dpa

          In Wahrheit verändert das Silicon Valley die Welt nicht so sehr – wohl aber verändert diese Technologie meine Art, in der Welt zu sein. Es verändert meine Art, zu denken und Gefühle auszudrücken, meine Interaktion mit anderen. Die Borg-Kultur des Internets, das unaufhörliche Surren seiner Stimmen, ist ebenso wenig eine Welt, wie die sozialen Medien eine menschliche Gesellschaft konstituieren; diejenigen, die den Unterschied nicht erkennen, sind bereits assimiliert. Silicon Valley hat sich dank einer ganz eigentümlichen menschlichen Sehnsucht die Taschen gefüllt – unserem Verlangen, die Realität gegen den Miniaturbildschirm des Mobiltelefons einzutauschen.

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