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Kaiser-Wilhelm-Denkmäler : Gruseln am deutschen Größenwahn

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Immer noch da: Kaiser Wilhelm I. an der Porta Westfalica Bild: Picture-Alliance

Was können uns die Kaiser-Wilhelm-Denkmäler in der Provinz heute noch sagen? Gegen die Langeweile vor Ort hilft ein Perspektivwechsel: Man kann sich gruseln. Eine Geisterbahn-Fahrt zu den Wilhelms-Denkmälern von Bruno Schmitz.

          An der Porta Westfalica steht noch der Sympathischste von ihnen. Im kühlen Schatten einer Steinkuppel hebt der alternde Kaiser Wilhelm einsam die Hand, ganz ohne Pferd und andere Schnörkel, und grüßt beinahe lässig ins Weserland herunter. Bei genauem Blick, wenn man mit der Kamera ganz nah heranzoomt, schimmert sogar der Abdruck eines Lächelns durch seinen Vollbart hindurch. Nur eine kleine Szene stört den Eindruck des freundlichen Altkaisers: Auf den Treppenstufen ermahnt eine junge Mutter ihren nervös wackelnden Sohn, dass man die Geste mit dem rechten Arm auf keinen Fall nachspielen darf. Das sei etwas Böses, sagt sie, das macht man nicht in der Öffentlichkeit.

          Hier, am Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der ostwestfälischen Porta Westfalica, kann man als Besucher einen unaufgeregten Sonntagnachmittag verbringen. Vorbei an einer Würstchenbude dauert der Aufstieg vom Parkplatz nur wenige Minuten, und da es neben dem „Willem“ selbst nicht viel zu sehen gibt, genießt man in der Regel die Aussicht. Rund 150.000 Besucher steigen jährlich auf das Denkmal, so der Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Leer ist es hier nie. Abends, wenn man in einer lauen Sommernacht hinauffährt, lassen sich vereinzelt scheu nebeneinander herschleichende Jugendliche beobachten. Es handelt sich um junge Pärchen aus der Region, die wohl am Anfang eines Techtelmechtels stehen, aber noch nicht so recht wissen, was sie in der trauten Zweisamkeit unternehmen sollen. Deshalb verbringen sie ihre ersten Dates oben am Kaiser Wilhelm, wo der romantische Liebesausflug nur an bestimmten Abenden gestört wird. So zum Beispiel am 20. April, da findet am Wilhelm eine Geburtstagsfeier statt, auf der man besser nicht zu Gast sein möchte. Sie gilt einem späteren Herrscher der deutschen Geschichte.

          Der Alptraum einer jeden Schulklasse

          Nicht häufig, aber doch immer wieder mischt sich auf diese Weise eine befremdende Note in den idyllischen Wochenendspaziergang. So auch im Kyffhäuserkreis an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt. Dort steht der gruseligste aller Wilhelms. Am sogenannten Kyffhäuser- oder auch Barbarossa-Denkmal, dem zweiten von drei Kaiser-Monumenten des wohl etwas größenwahnsinnigen Architekten Bruno Schmitz, gelangt man lediglich bis 18 Uhr hinauf bis zur Statue. Mit den begrenzten Öffnungszeiten und dem Eintritt verändert sich auch die Haltung: Statt eines lockeren Ausflugs mit der Familie schlendert man hier bedächtig an den Steinwänden entlang und blickt in alte, in den Stein gemeißelte Fratzen, fast wie in einem Museum. Und man fühlt sich gezwungen, der übermächtigen Szenerie etwas Gehaltvolles abzugewinnen. Der Alptraum einer jeden Schulklasse.

          Muskelspiel nach dem Sieg gegen die Franzosen: Kaiser Wilhelm am Kyffhäuser

          Da schließlich thront er über einer rötlichen Felswand, er schaut von seinem Pferd auf die Landschaft herab: Kaiser Wilhelm I., das war der mit der Reichsgründung. Der unter der Fuchtel von Bismarck. Zwei Götterfiguren hocken bedeutungsschwanger zu seinen Füßen, oder genauer: zu den Hufen seines Pferdes, um anerkennend zu dem heroischen Feldherrn hinaufzublicken. Zu seiner rechten sitzt ein germanischer Krieger, der die Muskeln nach dem Sieg gegen die Franzosen spielen lässt. Zur linken kauert die Historia, die personifizierte Geschichte, die Hammer und Meißel für die Datierung der deutschen Reichsgründung von 1871 schon bereithält.

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