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Kafkas Sätze (57) Kassensturz der Mythen

10.09.2008 ·  Kafka hat gegenüber den griechischen Mythen seine eigene Form der Ironie. Ihre Erhabenheit trocknet er mit nüchterner Verwaltungssprache aus, er zieht sie in den Kreis von Inventur und Kassensturz. Poseidon darf nicht mehr die Meere durchstreifen. Er muss rechnen.

Von Durs Grünbein
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Poseidon war überdrüssig seiner Meere.

Wie alles, was ihn im Schreiben je intensiver beschäftigte (Religion, Sexualität, Judentum, Ernährungsfragen usw.), werden von Franz Kafka auch die griechischen Mythen auf den Prüfstand einer trügerischen Rationalität gehoben. Man könnte sagen, sie werden bürokratisiert. Dieser Prager Skeptiker behandelte die griechischen Götterfabeln nicht anders als ein Großstädter die Meldungen, die seine Morgenzeitung ihm vorsetzt. Ob es sich um Odysseus bei den Sirenen handelt oder um den Kondukteur einer Prager Straßenbahn, es ist ein und dieselbe Perspektive, ein Blick aus starker Verkürzung, der die Proportionen aushebelt, die Zeitordnungen durcheinanderwirft.

„Poseidon saß an seinem Arbeitstisch und rechnete“, heißt es in einem anderen Probestück aus dem Tagebuch. Dieser Meeresgott wird von seinen Verwaltungsaufgaben förmlich erdrückt. Es ärgert ihn die Vorstellung der Menschen, „wie er etwa immerfort mit dem Dreizack durch die Fluten kutschiere“. Er ist ein Buchhalter der Ozeane, mürrisch in seine Arbeit vertieft, und die Sprache umkreist ihn dabei in Sätzen von einer eigentümlich ernsten Komik. Gerade hier, an der Behandlung des Erhabenen, überhaupt jeder Archaik, springt Kafkas unendliche Trockenheit ins Auge. Seine Mythenkorrektur kommt auf leisen Sohlen daher, scheinbar umstandslos. Umso eindrücklicher ist der Effekt einer Revision.

Die landläufige Vorstellung von Ironie greift hier zu kurz. Etwas Unangemessenes und doch unheimlich Plausibles liegt in dieser absichtsvollen Profanation. Es ist der Geist von Inventur und Kassensturz, Max Webers Soziologie des Berufsbeamtentums näher als den Heldengesängen Homers. Ein größerer Kontrast lässt sich kaum denken: hier die trockene Verwaltungssprache und dort das Phänomen der Weltmeere, der Wasserkreisläufe, die Naturunendlichkeit. Man mache sich klar, welche Riesenbereiche der Imagination da in wenigen Worten umgepflügt werden. Ein Maler müsste seine Freude haben an den kleinen stilistischen Attentaten auf Mythos und Allegorie, wenn es von der in Rente gegangenen Gottheit nach Jahrtausenden der Schufterei heißt: „Poseidon war überdrüssig seiner Meere. Der Dreizack entfiel ihm. Still saß er an felsiger Küste, und eine von seiner Gegenwart betäubte Möwe zog schwankende Kreise um sein Haupt.“

Der Lyriker und Essayist Durs Grünbein, Jahrgang 1962, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen der Gedichtband „Strophen für übermorgen“ sowie der Essayband „Der cartesische Taucher“.

Quelle: F.A.Z.
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