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Kafkas Sätze (18) „Der Reisende redete leiser“

24.07.2008 ·  Wer glaubt heute noch allen Ernstes daran, dass es den Schriftsteller Franz Kafka tatsächlich gegeben hat? Unser Autor Dietmar Dath jedenfalls nicht.

Von Dietmar Dath
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Dass ein Geschöpf aus Fleisch und Blut namens Franz Kafka nie gelebt hat, darüber herrscht inzwischen Einigkeit, den paar Nachzüglern aus der Mystifikationsbranche zum Trotz, die immer noch mit biographischen Skizzen und Monumenten zu Ehren des fiktiven Prager Schutzheiligen aller druckreif vor sich hin blutenden Briefwechsel auffällig werden zu müssen glauben. Um so heftiger aber tobt unter den Philologen nun, da kein ernsthafter Mensch mehr an die irdische Existenz des Phantoms glaubt, der erbitterte Streit darüber, wem man eigentlich die Erfindung der unwahrscheinlichen Figur gutschreiben darf.

Die Canetti-Hypothese ist aus Wortschatzgründen wacklig, Karl Kraus hat ein wasserdichtes (wenn auch leicht spukhaftes, vom flackernden Licht der Ölfunzel nur schummrig erleuchtetes) Alibi, Broch war zu schwer, Musil zu breit, Thomas Mann zu durchgeknallt, Freud zu phantasielos, Brecht zu links, Proust und Joyce hatten Besseres zu tun und dem armen Arno Schmidt stand seine legendäre Faulheit im Wege. Die Detektive quälen sich; nur genaues Lesen wird wohl weiterhelfen – und da deutet denn ein Satz wie „Der Reisende redete leiser“ aus den „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ doch eindeutig in Richtung Lyrikprofi.

Reißt ihm die Maske weg!

Wo der Erzählton so sinnflüchtig murmelndes Bächlein wird, wo Endreimandeutung (Reise/leise), Assonanz und Vokalharmonie (im heiklen Klangregisterbereich zwischen „e“ und „ei“!) dermaßen fehlerlos sitzen, kommen nur mehr zwei Möglichkeiten in Betracht: Entweder hat Max Brod den ganzen modernen Kram einfach in ein paar Second-Hand-Hölderlinmanuskripte gezwängt oder aber Hercule Poirot zerreißt den Schleier, indem er den Täter mit seinem berühmten mitleidlosen Durchblick fixiert und streng ermahnt: „Es hat keinen Zweck mehr, die Maske zu tragen – geben Sie sich zu erkennen und gestehen Sie, Joachim Ringelnatz!“

Der Reisende redete leiser.

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