Home
http://www.faz.net/-gqz-74jw7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kafkas Phobien Das geheimabsichtliche Erscheinen eines Briefes

Angst vor der Maus: Franz Kafkas berühmtes Schreiben an seinen Freund Max Brod, in dem er seine ärgste Phobie schildert, wird versteigert.

© dpa Vergrößern Schrieb auch über Zimmer-, Licht- und Mäuseverhältnisse: Franz Kafka

Es geht um Mäuse. „Das was ich gegenüber Mäusen habe, ist platte Angst“, schreibt Franz Kafka im Dezember 1917 an Max Brod. „Gewiss hängt sie wie auch die Ungezieferangst mit dem unerwarteten, ungebetenen, unvermeidbaren, gewissermassen stummen, verbissenen, geheimabsichtlichen Erscheinen dieser Tiere zusammen, mit dem Gefühl, dass sie die Mauern ringsherum hundertfach durchgraben haben und dort lauern, dass sie sowohl durch die ihnen gehörige Nachtzeit als auch durch ihre Winzigkeit so fern uns und damit noch weniger angreifbar sind.“

Lena  Bopp Folgen:

Seine Angst vor Mäusen ist Kafka ganze vier Briefseiten wert. In schönster Handschrift verfasst, berichtet er auf ihnen tatsächlich nahezu ausschließlich von diesen kleinen Tieren; von der Möglichkeit, sich ihrer vielleicht mit Hilfe einer Katze zu erwehren; von der Skepsis, die er gegenüber herkömmlichen Fallen hegt; von angespannter Ruhelosigkeit, von Mäuse- und Katzennächten.

22265393 © Katalog Vergrößern Am 4. Dezember 1917 schreibt Kafka einen vierseitigen Brief und berichtet, wie er in der Nacht einen „Teil der Katzenaufgabe“ selbst übernommen hat.

Von einer „platten Angst“ zu sprechen mag angesichts der Akribie, mit der sich der Schriftsteller seinem Leiden widmet, arg untertrieben sein. Auch Kafka selbst scheint zu ahnen, dass ihm mit seiner Mäusephobie nur schwer zu helfen ist: „Auszuforschen woher sie kommt, ist Sache der Psychoanalytiker, ich bin es nicht.“ Und doch liegt natürlich gerade in der Besessenheit und dem mitunter selbstironischen Umgang mit ihr der große Reiz seines Schreibens. „Du schreibst so wenig von Dir, ich räche mich mit den Mäusen“, heißt es im letzten Teil.

Verschenkte Schönheit

Leider hat Kafkas Brief, der zwar ediert und erschlossen ist, bisher nicht den Weg in jene Institutionen gefunden, welche die wichtigsten Kafka-Bestände aufbewahren, also ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach oder in die Bodleian Library in Oxford. Stattdessen taucht er seit Jahrzehnten immer mal wieder bei Auktionen auf. Nun ist es wieder soweit: Am 7. Dezember wird er im Sulzburger Auktionshaus Kaupp angeboten, für mindestens 42000 Euro.

Erst im vergangenen Jahr war er vom Autographenspezialisten Stargardt in Berlin vermittelt worden. Dort hatte man ihn schon im Jahr 1997 und erstmals 1981 zum Kauf angeboten, seinerzeit war er für die bescheidene Summe von siebentausend Mark zu haben. Viel spricht daher dafür, dass es sich bei dem schönen Schreiben um einen jener Briefe handelt, die Max Brod einst seiner Sekretärin Esther Hoffe schenkte, und von denen diese einzelne Exemplare veräußerte.

Es ist anzunehmen, dass der Brief auch künftig in Privatbesitz bleiben wird. Das Literaturarchiv in Marbach würde zwar, so ist zu hören, gerne mitbieten, verfügt derzeit aber nicht über die finanziellen Mittel. Bleibt zu hoffen, dass sich vielleicht noch ein Mäzen findet, der Kafkas Brief von den Mäusen und der Angst für die Öffentlichkeit ersteigert.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Jäger der Tierwelt Maus macht junge Füchse munter

Füchse lieben Mäuse. Sie zu erbeuten, lernen Jungfüchse schon im kindlichen Alter – es sei denn, sie werden selbst zu Gejagten. Mehr Von Carl-Albrecht von Treuenfels

22.05.2015, 13:05 Uhr | Gesellschaft
St.-Mary’s-Krankenhaus William und Kate verschenken Gebäck an wartende Fans

Der britische Prinz William und seine hochschwangere Frau Kate haben für ihre wartenden Fans eine Runde Gebäck ausgegeben. Die etwa ein Dutzend Anhänger der Royals, von denen einige seit Tagen in Zelten und auf Bänken in der Kälte vor dem Londoner St.-Mary's-Krankenhaus ausharren, zeigten sich erfreut über die Leckereien. Mehr

02.05.2015, 09:31 Uhr | Gesellschaft
Gelotophobie Die ständige Angst vor der Lächerlichkeit

Es ist kein Spaß: Wer ständig von anderen schikaniert wird, kann eine langfristige Beschädigung davontragen – die Angst vor der Lächerlichkeit, auch Gelotophobie genannt. Für die Betroffenen ein Teufelskreis. Mehr Von Elena Schad

09.05.2015, 20:56 Uhr | Gesellschaft
Obama schenkt Truthahn Leben Gnade für Mac und Cheese

Präsident Obama hat zum Thanksgiving-Fest zwei Truthähnen das Leben geschenkt. Für diese Amnestie habe er die volle Befugnis, scherzte der amerikanische Präsident. Mehr

27.11.2014, 12:39 Uhr | Aktuell
Netflix-Gründer Reed Hastings ARD und ZDF braucht kein Mensch

Netflix-Gründer Reed Hastings revolutioniert das Fernsehen. Und das Arbeitsleben: Jeder soll so viel Urlaub machen, wie er mag. Mehr Von Bettina Weiguny

10.05.2015, 10:45 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.11.2012, 19:51 Uhr

Besser malen!

Von Julia Voss

Georg Baselitz behauptet, Frauen könnten nicht malen. Der Kunstmarkt lüge nicht, erklärt der hoch gehandelte Maler. Doch ein Blick auf den Markt widerlegt auch seine Ansicht aufs Schönste. Mehr 2 0