http://www.faz.net/-gqz-74jw7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.11.2012, 19:51 Uhr

Kafkas Phobien Das geheimabsichtliche Erscheinen eines Briefes

Angst vor der Maus: Franz Kafkas berühmtes Schreiben an seinen Freund Max Brod, in dem er seine ärgste Phobie schildert, wird versteigert.

von
© dpa Schrieb auch über Zimmer-, Licht- und Mäuseverhältnisse: Franz Kafka

Es geht um Mäuse. „Das was ich gegenüber Mäusen habe, ist platte Angst“, schreibt Franz Kafka im Dezember 1917 an Max Brod. „Gewiss hängt sie wie auch die Ungezieferangst mit dem unerwarteten, ungebetenen, unvermeidbaren, gewissermassen stummen, verbissenen, geheimabsichtlichen Erscheinen dieser Tiere zusammen, mit dem Gefühl, dass sie die Mauern ringsherum hundertfach durchgraben haben und dort lauern, dass sie sowohl durch die ihnen gehörige Nachtzeit als auch durch ihre Winzigkeit so fern uns und damit noch weniger angreifbar sind.“

Lena Bopp Folgen:

Seine Angst vor Mäusen ist Kafka ganze vier Briefseiten wert. In schönster Handschrift verfasst, berichtet er auf ihnen tatsächlich nahezu ausschließlich von diesen kleinen Tieren; von der Möglichkeit, sich ihrer vielleicht mit Hilfe einer Katze zu erwehren; von der Skepsis, die er gegenüber herkömmlichen Fallen hegt; von angespannter Ruhelosigkeit, von Mäuse- und Katzennächten.

22265393 © Katalog Vergrößern Am 4. Dezember 1917 schreibt Kafka einen vierseitigen Brief und berichtet, wie er in der Nacht einen „Teil der Katzenaufgabe“ selbst übernommen hat.

Von einer „platten Angst“ zu sprechen mag angesichts der Akribie, mit der sich der Schriftsteller seinem Leiden widmet, arg untertrieben sein. Auch Kafka selbst scheint zu ahnen, dass ihm mit seiner Mäusephobie nur schwer zu helfen ist: „Auszuforschen woher sie kommt, ist Sache der Psychoanalytiker, ich bin es nicht.“ Und doch liegt natürlich gerade in der Besessenheit und dem mitunter selbstironischen Umgang mit ihr der große Reiz seines Schreibens. „Du schreibst so wenig von Dir, ich räche mich mit den Mäusen“, heißt es im letzten Teil.

Verschenkte Schönheit

Leider hat Kafkas Brief, der zwar ediert und erschlossen ist, bisher nicht den Weg in jene Institutionen gefunden, welche die wichtigsten Kafka-Bestände aufbewahren, also ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach oder in die Bodleian Library in Oxford. Stattdessen taucht er seit Jahrzehnten immer mal wieder bei Auktionen auf. Nun ist es wieder soweit: Am 7. Dezember wird er im Sulzburger Auktionshaus Kaupp angeboten, für mindestens 42000 Euro.

Erst im vergangenen Jahr war er vom Autographenspezialisten Stargardt in Berlin vermittelt worden. Dort hatte man ihn schon im Jahr 1997 und erstmals 1981 zum Kauf angeboten, seinerzeit war er für die bescheidene Summe von siebentausend Mark zu haben. Viel spricht daher dafür, dass es sich bei dem schönen Schreiben um einen jener Briefe handelt, die Max Brod einst seiner Sekretärin Esther Hoffe schenkte, und von denen diese einzelne Exemplare veräußerte.

Es ist anzunehmen, dass der Brief auch künftig in Privatbesitz bleiben wird. Das Literaturarchiv in Marbach würde zwar, so ist zu hören, gerne mitbieten, verfügt derzeit aber nicht über die finanziellen Mittel. Bleibt zu hoffen, dass sich vielleicht noch ein Mäzen findet, der Kafkas Brief von den Mäusen und der Angst für die Öffentlichkeit ersteigert.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Borchardts Nachlassroman Was man von diesem Buch wissen kann

Durch die Niederungen des Sexus zur Selbstgewinnung: Warum bleibt Rudolf Borchardts erotischer Roman weggesperrt für die nächsten zwanzig Jahre? Mehr Von Kai Kauffmann

19.06.2016, 12:26 Uhr | Feuilleton
The Beach Boys Interview mit Brian Wilson über das 50. Jubiläum von Pet Sounds

Brian Wilson spricht über das Beach Boys-Album Pet Sounds und dessen Wiederauflage zum 50. Jubiläum der Platte. Mehr

13.06.2016, 11:58 Uhr | Feuilleton
Album der Woche Ihre Welle ist noch nicht ausgerollt

Dunkler Funk im romantischen Kunstlied: Die Red Hot Chili Peppers glänzen wieder auf ihrem neuen Album The Getwaway, da stören auch ein paar Disco-Spielereien nicht. Mehr Von Jan Wiele

21.06.2016, 13:35 Uhr | Feuilleton
Europameisterschaft Vor der EM in Frankreich - das Panini-Sammelfieber steigt

Es gibt sie, diese Dinge, die niemals aus der Mode zu kommen scheinen. Dazu gehört wohl auch das Sammeln von Panini-Bildern vor Fußball-Großereignissen - so wie jetzt vor der EM in Frankreich. Gerade bei Kindern sind die bunten Sticker derzeit höchst gefragt. Bereits vor Wochen haben viele angefangen, viele glitzernde Tütchen zu kaufen oder sich schenken zu lassen - in der Hoffnung, das Heft möglichst schnell voll zu bekommen. Mehr

30.05.2016, 08:51 Uhr | Sport
Borchardts Roman Weltpuff Berlin Rudolf ruchlos oder: Sex, bis der Arzt kommt?

Selbst die Rudolf-Borchardt-Gesellschaft kann nicht über ein Werk urteilen, das sie gar nicht kennt. Der in Marbach lagernde Nachlassroman Weltpuff Berlin ist natürlich trotzdem viel zu faszinierend, als dass er weggesperrt bleiben dürfte. Mehr Von Gerhard Schuster

19.06.2016, 13:36 Uhr | Feuilleton
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“