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Kafka-Manuskript : Bietergefecht mit Happy End

An seiner Handschrift sollt ihr ihn erkennen: Manuskript von „Der Prozess“ Bild: DLA-Marbach

Dass nach einer Versteigerung alle glücklich sind, erlebt man selten: Wie das Literaturarchiv Marbach trotz Kassenflaute und verlorener Auktion an einen echten Kafka gelangte.

          Ein Manuskript aus der Feder von Franz Kafka, wie es am Samstag zur Versteigerung gekommen ist, hat seinen angemessenen Platz im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Das zumindest ist jedem klar, der einmal die Kafka-Schätze betrachten konnte, die dort in abgedunkelten Räumen hinter Glas wie schützenswerte Kostbarkeiten ausgestellt sind. Entsprechend stand, einen Tag vor der Versteigerung bei Christian Hesse in Hamburg, in dieser Zeitung, dass Kafkas Prosafragment „Skizze zur Einleitung für Richard und Samuel“ eben nach Marbach gehöre. Denn seit 1983 hatte sich die Handschrift mit sechs engbeschriebenen Seiten in Schweizer Privatbesitz befunden.

          Weil aber Marbach das Geld dafür fehlte, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das literarisch interessante Los mit der Nummer 422 nach dem Zuschlag wieder in Privatbesitz gelangen würde – und damit der Öffentlichkeit womöglich für immer unzugänglich. Als nun ein wahrer Kafka-Fan nur wenige Stunden vor der Auktion die Nachricht las, zeigte er Herz – und gab Marbach 140.000 Euro, um das zu erwartende Bietgefecht zu gewinnen. So konnte Ulrich von Bülow, Experte für Kafka in Marbach, buchstäblich in letzter Minute doch fürs Literaturarchiv mitbieten. Weil das Fragment auf 90.000 Euro geschätzt war, hatte er sogar ein gewisses finanzielles Polster. Doch dann geschah, was jeder Bieter fürchtet – einer bot mehr. Ein anderer Sammler hatte den längeren Atem, und er erhielt den Zuschlag bei 150.000 Euro. Schön für ihn, schade für Marbach.

          Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende: Als der glückliche Erwerber nämlich erfuhr, wen er da überboten hatte, handelte er noch einmal. Während man sich im Literaturarchiv noch grämte über die Niederlage, beschloss der Käufer, ein amerikanischer Privatsammler, von seiner gerade erst erworbenen Trophäe abzulassen – und „Richard und Samuel“ Marbach zu überlassen. Denn auch er fand, dass es keinen besseren Ort für Kafkas Seiten geben könne. Nicht nur das: Der edle Spender übernahm auch das bei Auktionen übliche Käuferaufgeld, das dem Versteigerungshaus ja durch den um 10.000 Euro geringeren Kaufpreis entging. Schon die Geschichte von Franz Kafka und seinem Freund Max Brod, die mit „Richard und Samuel“ ein literarisches Wagnis eingehen wollten, ist abenteuerlich. Sie scheiterten an unterschiedlichen Temperamenten, der autobiographische Doppelroman wurde nie geschrieben. Aber geradezu romanhaft klingt es, wie dieses Fragment nun seinen Bestimmungsort gefunden hat. Zwei Männer haben das als Mäzen und Gönner möglich gemacht. Sie wollen unbekannt bleiben. Der Dank der Literaturwelt ist ihnen sicher.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

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