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Architektur der BND-Zentrale : Kämpfen gegen das Unsichtbare

Früher versteckte sich der BND hinter hohen Mauern, in Berlin will man die unsichtbaren Feinde offenbar durch bloße Masse einschüchtern. Bild: Stefan Boness / VISUM

Silberne Palmen hinter dem Haus und vierzehntausend Fenster: Der Bundesnachrichtendienst hat sich in Berlin eines der größten Häuser gebaut, die je für eine Behörde errichtet wurden. Was verrät uns diese Architektur?

          Fenster. Man geht ein paar Minuten und sieht immer noch dieselbe Fassade, fünf, zehn Minuten lang, und immer dieselben Fenster. Es ist, als ob das Haus heimlich neben einem herfährt, als hätte der Architekt seinen 3-D-Printer nicht mehr abschalten können, als drucke eine gigantische Maschine seit Monaten Fassadenteile mit Zigtausenden von Fenstern aus, die langsam in die Stadt hineinquellen und bald ganz Berlin überschwemmt haben werden.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man sieht diese Fassade und weiß nicht, ob man lachen oder sich fürchten soll, was bei dem, was vom Treiben des BND in der Vergangenheit so durchsickerte, schon öfter so war: bei der Sache mit der Agentin Gabriele Gast, die im Liebesrausch Informationen, die für Helmut Kohl bestimmt waren, an die DDR weiterreichte. Bei der Sache mit der Giftgasanlage für Libyen, die eine Stuttgarter Firma ungestört ausliefern konnte, obwohl eine Ex-Sekretärin des BND in der Zentrale der Firma arbeitete und ein Ingenieur Fotos der Fabrik an den BND geschickt hatte. 

          Dort war man mit Öffentlichkeitsarbeit der unkonventionellen Art beschäftigt: Zur allgemeinen Verblüffung verkaufte der BND in seinem provisorischen Hauptquartier in Berlin-Lichterfelde allerlei abenteuerliche Merchandising-Produkte - Unterhosen, auf denen „Verschlusssache“ stand, ein Kochbuch mit dem Titel „Top(f) Secret“, ein Strandhandtuch mit schwarzem Bundesadler. Das neue Haus passt zu solchen Scherzen. Jacques Tati hätte es sich als Hauptquartier der lange als Pleiten-und-Pechbrigade verschrienen Nachrichtenbeschaffungstruppe nicht besser ausdenken können. Großer Auftritt: Noch mal ein paar tausend Fenster hierhin? Haben wir!

          Einsame Palme vor grauer Rasterfassade
          Einsame Palme vor grauer Rasterfassade : Bild: dpa

          Der Architekt kann nichts dafür; er hat den Hauptbau abgesenkt, damit er kleiner aussieht, er hat schlanke Kiefern davorgestellt, er hat zur Abwechslung Naturstein, Putz- und Sichtbeton, Klinker oder Metall um die Fenster herumbauen lassen - es hilft nicht viel. Entworfen wurde der knapp dreihundert Meter lange, neungeschossige Bau von Kleihues + Kleihues, dazu kommt laut BND-Website ein Schulgebäude mit Besucherzentrum von Lehmann Architekten und eine Technik- und Logistikzentrale von Henn Architekten.

          Wenn man seinen Gegner mit reinen Zahlen einschüchtern möchte, ist dieses Haus vorbildlich: 14 000 Fenster, 12 000 Türen, 135 000 Kubikmeter Beton und 20 000 Tonnen Stahl verbaut, 20 000 Kilometer Glasfaserkabel und 10 000 Kilometer Kupferkabel verlegt, 260 000 Quadratmeter Bürofläche, was einer Fläche von 35 Fußballfeldern entspricht oder mehr als viermal dem Berliner Kanzleramt, das ja auch nicht zu den kleinsten Gebäuden der Hauptstadt gehört, im Gegenteil: Als die Berliner Regierungsbauten eingeweiht wurden, staunten alle, die aus der Bonner Republik noch die Ikonographie der Bescheidenheit kannten.

          Ging es früher in der „Tagesschau“ um das Kanzleramt, sah man vor allem ein Pförtnerhäuschen, an dem schwarze Limousinen vorbei in einen Park hineinfuhren, so dass der Eindruck entstehen musste, Deutschland werde aus in Parkanlagen herumfahrenden Autos heraus regiert. Und auch das Empfangsgebäude des Bundeskanzlers war ein gläserner, fast immaterieller Flachbungalow von Sep Ruf, versteckt in einem Park am Rhein.

          Auffahrt ins BND-Gehäuse
          Auffahrt ins BND-Gehäuse : Bild: dpa

          Dieser Hang zum bescheidenen bis unsichtbaren Auftritt, die visuelle Auflösung von Politik in Natur, entsprach einem ideologischen Programm: Gegen das Überdimensionierte und Größenwahnsinnig-Säulenrasselnde nationalsozialistischer Repräsentationsbauten setzte man das Flachgeduckte, im Wald Versteckte als Demutsgeste eines Landes, das sich geläutert und bescheiden gab.

          Auch die alte Zentrale des Bundesnachrichtendienstes, die in Pullach bei München hinter hohen Mauern und vom Volk gut abgeschirmt in einer 1938 als „Reichssiedlung Rudolf Hess“ für die Elite der NSDAP errichteten Wohnanlage residierte, folgte dieser Ästhetik des Verschwindens. Wobei, anders als bei den Bonner Regierungsbauten, die optische Zurückhaltung in Pullach nicht bloß durch notwendige Sicherheitsmaßnahmen oder eine Ästhetik des Bescheidenen zu erklären war.

          Wer hier arbeitete, hatte oft etwas zu verstecken - und nicht bloß seine wahre Identität vor den Agenten der Gegenseite, sondern oft auch seine eigene Biographie vor den neuen Auftraggebern. Denn als 1956 auf Beschluss des Bundeskabinetts ein eigener Auslandsnachrichtendienst für den westdeutschen Staat gegründet wurde, ging im neuen BND auch die seit 1949 von der amerikanischen CIA geführte „Organisation Gehlen“ auf - und die war nach dem Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen benannt, der im Zweiten Weltkrieg als Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost“ im Oberkommando des Heeres war und nach dem Krieg Gestalten wie Willy Litzenberg für sich arbeiten ließ - einen SS-Obersturmbannführer, der als Beamter des Reichssicherheitshauptamts nach dem gescheiterten Attentat Stauffenbergs auf Hitler als Mitglied der „Sonderkommission 20. Juli“ Widerstandskämpfer verfolgt hatte.

          Eingangsschranken im Nordtrakt
          Eingangsschranken im Nordtrakt : Bild: dpa

          Pullach war auch ein Ort, dessen Unsichtbarkeit eine Kontinuität zwischen Drittem Reich und Bundesrepublik ermöglichte - und so gesehen wirkt die geradezu hysterische Sichtbarwerdung des BND in seiner geballten Massivität wie eine Art politisch-architektonischer Exorzismus. Es ist kein Zufall, dass gleichzeitig mit seiner Einweihung mitten im Zentrum von Berlin zwanzig sogenannte „abgetarnte Außenstellen“ des BND aufgelöst werden, die ulkige, längst schon im Internet enttarnte Phantasienamen trugen - das Amt für Militärkunde in Bonn, das Ionosphäreninstitut in Rheinhausen, die Bundesstelle für Fernmeldestatistik in Söcking.

          Diese Auflösungen werden, zusammen mit dem Besucherzentrum, das für jedermann zugänglich ist, als Politik einer neuen Offenheit gefeiert, ist am Ende aber eher so wie der Moment, in dem der Nachbar, der den Weihnachtsmann spielen soll, grummelnd seinen Bart abmacht, nachdem die Kinder ihn an den Schuhen schon längst als den Nachbarn erkannt haben.

          Aber wer ist eigentlich der Gegner, gegen den der BND mit diesem Schlachtschiff antritt?

          Vergleicht man den alten Sitz des BND in Pullach mit dem neuen in Berlin, fällt zwischen der jeweiligen Architektur der Behörde und ihrem Abwehrgegenstand eine seltsame Reziprozität von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit auf. In den fünfziger Jahren war der Gegner des Bundesnachrichtendienstes geographisch klar lokalisierbar: Er saß in Moskau, die Dienststelle dagegen so unsichtbar wie möglich in Pullach. Man wusste, wo und wen man zu suchen hatte.

          Blick ins noch unbewohnte Innere
          Blick ins noch unbewohnte Innere : Bild: dpa

          Heute ist es umgekehrt. Die Bedrohungen, mit denen sich der BND auseinandersetzt, sind andere: das internationale organisierte Verbrechen, Drogen- und Menschenhandel und, vor allem, der internationale Terrorismus - und der ist per se unsichtbar, er hat keine identifizierbare Form, keine Nationalität, ist potentiell immer und überall.

          Angesichts all dieser Gefahrenherde, die keine territorial eingrenzbaren Umrisse besitzen und allgegenwärtig sind, wirkt es, als wolle man der neuen Unsichtbarkeit und Nichtlokalisierbarkeit der Bedrohungen mit dem machtvollen Bild einer Armada von Bürofenstern entgegentreten: Schaut, so die Botschaft des Berliner Neubaus mit seinen 14 000 Fenstern, hinter jedem Fenster sitzt einer, der euch im Blick hat. Der BND-Neubau ist so gesehen ein symbolpolitisches Pfeifen im Walde: Er zeigt, wie gigantisch die Organisation ist, die hier gegen unsichtbare Gefahren antritt.

          Vor diesem Hintergrund wird die Ikonographie des neuen BND-Sitzes noch einmal anders lesbar: Die Bauten sind nicht bloß eine Imponiergeste, ein Massenornament, das virtuelle Allgegenwart verspricht, die Gebäudeteile sehen auch aus wie eine etwas ratlos Spalier stehende Versammlung überdimensionierter, riesenhafter PC-Gehäuse, in deren gigantischen Laufwerken alles gespeichert wird, was überhaupt speicherbar ist. Der Bau erscheint so auch als ein unfreiwilliges Bild des großen aktuellen Datensammlungswahnsinns.

          Kann man Freundliches über den Berliner Informationsbeschaffungskoloss sagen? Man kann. Fassaden sind immer Geschmackssache, und wer den italienischen Rationalismus des römischen EUR-Viertels und anderer Bauten jener Zeit schätzt, wird seine helle Freude an den sehr, nun ja: grafisch-minimalistischen Rasterkörpern haben.

          Auch die Kosten sind, verglichen mit anderen Großprojekten, im Rahmen geblieben: Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung hatte mit Kosten von 720 Millionen Euro gerechnet, es wurden 912,4 Millionen - nicht mal 200 Millionen teurer als geplant. Das ist nichts gegen den Flughafen, der jetzt schon ein paar Milliarden mehr verschlingt, und nichts gegen das im Bau befindliche Schloss, das nicht viel billiger wird, aber sehr viel weniger Fenster haben wird.

          Die Architekten hätten also schon für die relative Kostendämmung eine der silbernen Palmen verdient, die als Kunst am Bau hinter dem Haus stehen. Sie sehen echt aus, sind aber aus Metall und sollen laut Künstler an „Sendemasten erinnern, die als Palmen getarnt werden“. Gute alte Zeit: alles vorbei, keine echten und keine falschen Palmen mehr, keine schnellen Autos, Martinis, stattdessen Daten auswerten, Festplatten vollspielen. Allein die lustig gemeinten Palmen sind ein Monument der Depression, eine grimmige Erinnerung an die Tage, als man Agenten noch fürchtete und beneidete.

          Quelle: F.A.S.

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