Wann genau Jörg Kachelmann dann in Brauneberg eintraf, erinnern die Mitglieder des Gemeinderates nicht mehr, es muss November oder Dezember 1996 gewesen sein, wohl aber dass er einen VW Golf fuhr, der so alt und klapprig war, dass sie dessen Wert auf höchstens fünfhundert Euro schätzten. Bei jemandem, der jeden Abend im Fernsehen auftrat, hatten sie eigentlich ein anderes Auto erwartet, andererseits erschien es ihnen rückblickend wie ein Hinweis darauf, dass er auch für andere Dinge kein Geld hatte oder es zumindest nicht ausgeben wollte.
Obwohl Brauneberg, was touristische Sehenswürdigkeiten anging, zu diesem Zeitpunkt bereits eine Nussbaumallee, einen schiefen Kirchturm und den selbstverliehenen Titel „Herz der Mittelmosel“ vorweisen konnte, war es doch eines jener Weindörfer geblieben, wie es entlang des Flusses viele gab. Die einzige Besonderheit des Ortes war sein Weinberg, eine steil aufragende Tafel aus Blauschiefer, die so geschickt in der Sonne stand, dass sich das Gestein tagsüber tief mit Wärme aufladen konnte, bevor es sie nachts wieder abstrahlte. Das ergab einen Wein, der nach Meinung der Winzer, zu denen auch der Bürgermeister gehörte, bekannter hätte sein sollen, dafür dass er so gut war, und wenngleich dies in Wahrheit der Grund für seinen Anruf bei Jörg Kachelmann war, hatte sich der Bürgermeister doch bemüht, ihn während ihres Gesprächs so gut wie möglich zu verschleifen. Eine Anstrengung, die, wie sich herausstellte, ebenso sinnlos wie unnötig gewesen war.
Kein Wetter-Bericht, eine Wetter-Geschichte.
Jörg Kachelmann war damals auf seinem Weg, die Wetteransage im Fernsehen zu revolutionieren, bereits durch das Morgenmagazin marschiert und stand mit dem „Wetter im Ersten“ nun kurz vor der Tagesschau. Ob er sich mit einem Mikrofon in den Sturm stellte, rückwärts in Neuschnee fallen ließ, Wolken als blumenkohlhaft beschrieb oder das Wetter als insgesamt „motzelbärig“, im Grunde deckte er immer das Missverständnis auf, das im Wort „Wetterbericht“ steckte. Er schien nicht zu begreifen, weshalb er sich im Studio vor Isobarenkarten und Tabellen stellen sollte, wo er doch in einem Medium arbeitete, das einfach dorthin gehen konnte, wo das Wetter passierte. Was im Fernsehen neu aussah, war eigentlich nur eine Erinnerung daran, dass Wetter nicht berichtet, sondern erzählt werden musste und dass alles, was man dazu brauchte, eine Geschichte war, allerdings jeden Tag eine neue.
Zwar hätte der Bürgermeister von Brauneberg nicht zu hoffen gewagt, dass sein Ort einmal eine dieser Geschichten abgeben könnte, ihm war nur das Laufband aufgefallen, das während des Wetters am Bildschirmboden die Namen von Gemeinden aufführte, die jeden Abend mit ihren Temperaturen ins Fernsehen kamen. Dort zu stehen hätte ihm schon genügt. Wie er in Erfahrung brachte, war es dazu nötig, an eine Wetterstation der Firma Meteomedia zu kommen, die wiederum Jörg Kachelmann gehörte. Der Bürgermeister ist sich heute nicht mehr sicher, ob er es bereits am Telefon verstand oder erst im Verlauf der Ortsbegehung, aber in dem Moment, da er begriff, dass Kachelmann nicht wegen des Wetters an sich gekommen war, sondern etwas Exorbitantes suchte, bot er ihm ohne Umschweife ein Stück auf der mit Reben bepflanzten Herdplatte an, die als Weinberg den Namen Juffer trug. „Wenn Sie etwas ganz Tolles wollen“, sagte er, „dann müssen wir in den Schiefer gehen.“
Sie hatten die Hitze, er hatte den Rekord
In der Ortschronik, die für den 10. Juli 1997 den Anschluss einer Wetterstation verzeichnet, betont der Bürgermeister den „nicht unerheblichen Werbeeffekt“, der eintreten werde, nun da der Ortsname jeden Abend durchs Fernsehen läuft, wenngleich in seinem Hinweis auf die „starke Wärmeentfaltung des Schiefers“ eine Sorge anklingt, die beruhigt werden sollte. Anders als die Gemeinderäte vermutet haben mögen, war das Aufstellen der Station nicht umsonst gewesen, sondern hatte knapp fünfzigtausend Mark gekostet, die sie in den Besitz gleich zweier Stationen brachte, weil ihnen im Übermut eine allein nicht gereicht hatte. Ein ganzes Jahr verging, bis sich dann, es war der 11. August 1998, die Investition auf glanzvolle Weise lohnte. An diesem Tag maß die Station „Brauneberg Juffer“ eine Temperatur von 41,2 Grad, was Brauneberg, wie die sogleich in Auftrag gegebenen Aufkleber feststellten, zum wärmsten Ort Deutschlands „seit Beginn der Temperaturmessung“ machte.
Mag sein, dass daraufhin unbekannte Neider die Sonnenkollektoren der Station einwarfen und wenig bekannte Wetterforscher kritisierten, dass der Standort die Werte verfälschte, weshalb die Station ein wenig aus dem Windschatten gerückt werden musste, in dem sie außerdem gestanden hatte. Mag sein, dass sich am Ende die ortsfremden Nörgler durchsetzten, die meinten, die Bezeichnung „Brauneberg Juffer“ sei nichts anderes als Schleichwerbung für den gleichnamigen Wein, der aus dem Ort komme, weswegen der Gemeinderat auf seiner kommenden Sitzung gezwungen ist, nun die Umbenennung der Station zu beschließen. Im Grunde bewies das alles nur, dass der Plan aufgegangen war. Den Titel vom wärmsten Ort Deutschlands gibt Brauneberg ohnehin nicht mehr her. „Denn“, so sagt der Bürgermeister, „die Temperatur war ja da.“
Das Wolkenimperium des Ölmannes
Mehr als achthundert Wetterstationen hat die Firma Meteomedia in Deutschland aufstellen lassen, einige davon gehören ihr, andere den Gemeinden, in denen sie stehen, oder Sponsoren, die sie gekauft haben, Autohäusern, Reifenherstellern, Heizungsfirmen. Dazwischen spannt sich etwas auf, das nur abends im Fernsehen wie ein Laufband aussieht. In Wirklichkeit ist es ein Netz, das von der Insel Hiddensee bis zu den Alpen reicht. Wer sich für ein paar Tage darin bewegt, der erkennt im Wetter nicht mehr das Material, mit dem die Zeitungen Seitenränder, das Fernsehen Minuten und Kollegen im Fahrstuhl Verlegenheitspausen füllen, sondern sieht in ihm einen Rohstoff, der offen zutage lag, aber von niemandem erkannt wurde, bis auf einmal Jörg Kachelmann kam. Er überzog das Land mit Wetterstationen, als seien es Bohrtürme, die ihm über Funk alle zehn Minuten neue Daten zupumpen. Ein Ölmann, der zwanzig Jahre lang durch das Land fuhr und mit dem Anschein des Versprechens, jeweils genau der Mann zu sein, der im Moment gebraucht wurde, überall neue Bohrlizenzen abschloss.
Im August 1997 kam er nach Hiddensee, nachdem der staatliche Deutsche Wetterdienst der Insel ein verregnetes Ostern vorhergesagt hatte und die Strände leer blieben, während dann aber doch die Sonne schien. Der Kurdirektor erinnert sich, dass der Kontakt über den Wirtschaftsminister zustande kam, das Wirtschaftsministerium offiziell aber keine Fördergelder zur Verfügung stellen konnte, um den staatlichen Wetterdienst abzustrafen. So war es an der Gemeinde, die riesige Parabolantenne zu bezahlen, mit der die Wetterdaten künftig von der Insel gesendet wurden, solange die Telefonleitung dafür noch nicht gut genug war. Jörg Kachelmann machte von Hiddensee aus einige Schaltungen ins Fernsehen, mal reinigte er mit dem Dienstpferd „Alex“ den Strand, mal fuhr er mit dem Seenotkreuzer hinaus. Anfangs war er häufiger im Winter auf der Insel, wenn es kaum Touristen gab, irgendwann kaufte er auch eine Wohnung mit Blick auf den Hafen, von dem aus man mit der Fähre eine halbe Stunde bis nach Rügen braucht. Auf den Kurdirektor wirkte es, als habe Jörg Kachelmann Ruhe gesucht, und manchmal, wenn er mit ihm zusammensaß, glaubte er, sie würden jetzt auch einmal über etwas anderes reden als übers Wetter. „Aber dafür hätte er mal das Handy weglegen müssen“, sagt der Kurdirektor, „er hat ja ständig telefoniert, gesimst und Mails geschrieben.“
„Unser schöner Mann“, sagt Frau von List
Im Juli 2007 kam Jörg Kachelmann nach Lüneburg und besuchte, nachdem der dortige Norddeutsche Rundfunk den Kontakt hergestellt hatte, das Posener Seniorenheim. Die Heimleiterin erinnert sich, dass er sehr früh kam, gegen sieben, auf der Durchreise und nur den Standort in Augenschein nahm. Er wollte eine Wetterstation aufstellen, die von den Senioren betreut werden sollte, eine Idee, für die später der Name „Wetteranen“ gefunden wurde. Die Schulung für sechs der Heimbewohner führte er persönlich durch, er kam auch zur Einweihung, über die Zeitung und Fernsehen berichteten. Es sei angedacht gewesen, dass er für das Fernsehen noch eine Schaltung mache, sagt die Heimleiterin; aber dazu kam es nicht mehr, und so wird er nicht erfahren, mit welcher Disziplin die achtundachtzigjährige Frau von List neben den fünf Tibetern, einer Yogaübung, die sie seit ihrer Jugend macht, seitdem jeden Tag viermal den Himmel beobachtet, um dessen Bewölkungsgrad in einen Computer einzutragen, der im Keller des Heimes steht, gleich neben einer unterschriebenen Autogrammkarte von ihm. „Unser schöner Mann“, sagt Frau von List.
Im Winter 2006 kam Jörg Kachelmann nach Freiburg, nachdem er den Stadtmarketingchef darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Freiburg, das seit Ewigkeiten zu den wärmsten Städten des Landes zählte, nun abgefallen war. Dem Stadtmarketingchef war das noch gar nicht aufgefallen, es hatte sich am Wetter auch nichts geändert, außer dass der staatliche Wetterdienst seit neuestem nicht mehr zwischen den mit Wärme aufgeladenen Betonfassaden der Innenstadt maß, sondern auf dem Flugplatz vor der Stadt, auf dem es naturgemäß kälter war. Der Stadtmarketingchef, der aus Buxtehude nach Freiburg gekommen war, und sich noch gut daran erinnern konnte, wie er als Student bei seinen Anrufen nach Hause regelmäßig feststellen konnte, um wie viel besser das Wetter in Freiburg war und sich später als Marketingmensch über die Werbewirksamkeit solcher Anrufe, die Stadt hatte immerhin zwanzigtausend Studenten, klar war, lud Kachelmann daraufhin nach Freiburg ein. Er kam spät, sie gingen essen, sie sprachen gut und schnell und geistreich miteinander, und als sie aus dem Restaurant kamen, war es nach Mitternacht, was sie nicht davon abhielt, mit genauer Stadtkarte, aber eben ohne Sonnenschein den besten Platz für eine neue Wetterstation zu suchen. Sie fanden ihn auf einer Wiese vor einer Kirche, und die Werte wurden wieder besser. Als Kachelmann später wieder einmal in der Stadt war, nahm der Stadtmarketingchef seine Frau, die er für ihre Menschenkenntnis schätzt, zu dem Essen mit, und er muss sagen, dass er über ihren Eindruck, dies sei ein Mann, der sich nicht attraktiv fühle und daraus ein Problem gemacht habe, länger nachdachte.
Wenn es den wärmsten Ort des Landes gibt
Wenn man ein paar Tage zwischen den Wetterstationen von Jörg Kachelmann unterwegs ist und einem klar wird, was es bedeutet, wenn seine ehemaligen Mitarbeiter erzählen, sein Traum sei gewesen, alle fünf Kilometer eine Wetterstation zu haben, dann macht sich in einem eine Unruhe breit, wie sie entsteht, wenn man, nur weil man über etwas immer noch genauer Bescheid weiß, umso nervöser wird, etwas verpassen zu können. Es macht einen fast misstrauisch, wenn sich über einem strukturlos blau der Himmel spannt. Auf einmal scheint sich die Geschichte, die einem dem Tag rettet, immer genau dort zuzutragen, wo man gerade nicht ist.
Im Dezember 1998 kam Jörg Kachelmann nach Albstadt, angelockt von einem örtlichen Meteorologen, der ein Phänomen untersuchte, wie es das auf der Schwäbischen Alb häufiger gibt. Es handelt sich dabei um Kaltluftseen, die in Erdsenken liegen und deren Temperaturen in wolkenlosen Nächten weit unter denen liegen, die man nur ein paar Meter außerhalb von ihnen messen konnte. Eines dieser Phänome hatte Kachelmann bereits einige Kilometer nördlich in Sonnenbühl abgegriffen, dessen Bewohner nicht schlecht staunten, als im Winter in einer Wetterstation mit dem Namen ihres Ortes Temperaturen von weniger als dreißig Grad minus gemessen wurden, was ihn als schwäbisches Sibirien bundesweit in die Schlagzeilen brachte, dem Sonne verheißenden Namen jedoch hohnzusprechen schien. Es gab ein wenig lokalen Ärger, der in der Errichtung eines „Klimaweges“ mündete, als Versuch, aus der Tatsache, dass hier einer der Kältepole des Landes lag, eine Tugend zu machen. Doch da hatte der lokale Meteorologe Kachelmann bereits nach Albstadt geschickt, wo es auf einem freien Feld, das ein Luftsportverein als Startbahn nutzt, einen ebensolchen Kaltluftsee gab. Wenn es den wärmsten Ort gab, musste es naturgemäß auch den kältesten geben, ob das den Anwohnern nun gefiel oder nicht.
Muss es auch den kältesten geben.
Die Errichtung der Wetterstation wurde mit Handschlag besiegelt, was sich als Fehler erwies, da, als nun auch Kälterekorde aus Albstadt gemeldet worden, einige Bürger die Abschaltung der Station forderten, weil sie nicht einsehen wollten, was ein Flugplatz einige Kilometer außerhalb der Stadt mit ihnen zu tun haben sollte. Der Streit ging eine Zeit und entflammte im Winter vor zwei Jahren heftig. Der Versuch, des Bürgermeisters, in einem Leserbrief an die Lokalzeitung, die Albstädter Kälte irgendwie mit dem Image der Stadt in Verbindung zu bringen, schlug fehl, und auch Jörg Kachelmann musste sich in der Mail eines Bürger als Betrüger beschimpfen lassen, die er ebenso sibirisch beantwortete. „Sie brauchen ein richtiges Leben“, schreibt er, „damit Sie sich nicht so über Probleme aufregen müssen, die keine sind. Sind Sie schon pensioniert? Es gibt in Albstadt und Umgebung diverse Einrichtungen, die sich über Engagement und Bürgersinn freuen, notfalls helfe ich Ihnen beim Finden einer karitativen Einrichtung, für die sie positive Energie (soweit vorhanden) einsetzen können.“
Ein paar Tage, als Jörg Kachelmann auf dem Flughafen von Frankfurt verhaftet wurde, wartete man in Albstadt auf ihn, um einen Vertrag über die Umbenennung der Station zu unterzeichnen. Sie sollte nun nach dem freien Feld benannt werden, auf dem sie liegt und kein Mensch wohnt.
Der vermessene Jörg
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 31.05.2011, 00:55 Uhr
So entsteht also in Deutschland der Klimawandel
Andrea Anders (PetraMeyer)
- 31.05.2011, 01:00 Uhr
Journalistische Brillianz
Henk Oberste Berghaus (henkob)
- 31.05.2011, 01:05 Uhr
Alle Wetter!
Renee Claude (recla)
- 31.05.2011, 01:28 Uhr
Wie fülle ich eine Zeitungsseite...
Alfred Göldner (agoeldner)
- 31.05.2011, 11:52 Uhr