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Justiz im Theater Ein Prozess

 ·  Auf einer Bühne in Zürich soll der Chefredakteur der rechtspopulistischen „Weltwoche“ gerichtet werden. Auch Henryk M. Broder soll dabei sein. Als Zeuge, Kläger, Angeklagter und Märtyrer.

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Das Theater möchte ja bekanntlich (wenigstens hie und da) eine moralische Anstalt sein. Im kommenden Mai soll sich gar eine kleine Bühne in Zürich, das Theater Neumarkt, in einen großen moralischen Gerichtssaal verwandeln, in dem ein richtiger Prozess stattfinden soll. Wie genau die Anklage lautet, ist noch unklar. Die Recherchen, die der Schweizer Regisseur Milo Rau in der Rolle des selbsternannten Staatsanwalts vornimmt, sind im Gange. Bekannt ist der Angeklagte: Roger Köppel, Chefredakteur der „Weltwoche“. Sie gilt als Propagandainstrument der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei.

Allein das darf nicht straffrei bleiben. „Drei Tage lang sagen echte Zeugen vor einem echten Richter, befragt von echten Anwälten, zu einem echten Fall aus - und am Ende fällt eine aus der Bevölkerung ausgewählte Jury ein echtes (wenn auch nicht rechtsgültiges) Urteil.“ So beschrieb die Neumarkt-Dramaturgin Julia Reichert den Prozess in einem Brief an Henryk M. Broder, der auch aussagen soll. Zumindest in einer der „Diskussionsrunden“ oder bei den „anderen Aktionen“. Broder muss sich so gefreut haben, dass er die Einladung der Dramaturgin und seine Antwort gleich auf seiner Internet-Plattform „Die Achse des Guten“ veröffentlichte.

Rädern, Vierteilen, Ersäufen, Aufhängen

So wurde das laufende Verfahren überhaupt erst bekannt. Köppel teilte daraufhin mit, dass er für seine Rolle als Köppel selbstverständlich zur Verfügung stehe. Er will sich allerdings von seinem Anwalt unterstützen lassen - dessen Honorar das Theater bezahlen muss. Broder hat seine Mitwirkung an eine andere Bedingung geknüpft: dass das Urteil der Jury auf der Stelle vollstreckt werde, „Rädern, Vierteilen, Ersäufen, Aufhängen, Verbrennen, Enthaupten“. Insbesondere die Vierteilung hält die Dramaturgin, deren moralischer Eifer offenbar von keiner Ironie zu bremsen ist, für eine „natürlich immer auch theatral reizvolle Option“, über die sie gern mit Broder diskutieren will.

Ganz so ungelegen kann dem jüdischen Chefankläger der deutschen Öffentlichkeit in Sachen Antisemitismus und ziviler Mutlosigkeit ein Auftritt beim Zürcher Prozess nicht sein. Denn der nicht ganz unbefangene Zeuge wird auch als Mitangeklagter in diesem Tribunal etwas vom Ruhm des Märtyrers für sich in Anspruch nehmen dürfen: Broder ist Kolumnist der „Weltwoche“.

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12.12.2012, 17:07 Uhr

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