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Junge Menschen im Kosovo Wir wollen Zukunft

09.12.2007 ·  Von überall in der Welt betrachtet man das Kosovo als eine instabile Region in einer prekären Zeit. Prishtina ist kalt, immer wieder plötzlich dunkel und trotzdem kein trister Ort in diesen Tagen. Die Bars und Clubs sind voll. Es herrscht ein unverkennbarer Optimismus, die Energie kommt aus den Köpfen: Ein Lagebericht von Julia Encke.

Von Julia Encke
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Draußen, auf dem Boulevard vor dem „Grand Hotel Prishtina“, dort, wo man noch vor drei Jahren vor lauter Satellitenschüsseln gar nicht gucken konnte, ist neuerdings schüsselfreie Zone. Der Boulevard ist frisch gepflastert; am Gebäude des Kulturministeriums, das früher Zentrale der Kommunistischen Partei Jugoslawiens war, hat man riesige Schwarzweißporträts von Dichtern, Regisseuren und Schauspielern aus dem Kosovo angebracht; dahinter wirbt die rot gestrichene Redaktion der Zeitung „Koha Ditore“ am Eingang mit einem neuen digitalen Schriftzug. Man soll sehen, dass sich etwas getan hat in Prishtina, und man sieht es auch sofort - wenn nicht gerade der Strom ausfällt. Dann ist es, am späten Nachmittag, so stockfinster, wie man es nicht kennt in großen europäischen Städten.

Zweimal am Tag passiert das hier, acht Jahre nach dem Krieg. Ein kurzer Stillstand. In den Cafés geht die Musik aus, bevor, zumindest dort, die Notstromaggregate anspringen. Man müsste es von oben sehen: Der Strom wird gekappt und in einen anderen Stadtteil umgeleitet. In einem Zimmer Prishtinas geht das Licht an, im anderen aus.

„Was wir wollen, ist Zukunft

Neben dem Regierungsgebäude sitzen, in ihrer zum Büro umfunktionierten Wohnung im vierten Stock eines Apartmentblocks, Denis Bytyqi, Arianit Preçi und Xhelal Ahmetaj, alle Anfang bis Mitte dreißig, und warten auf Licht, die Fernsehnachrichten und damit gewissermaßen auf sich selbst, weil sie hoffen, heute Abend Teil der Lokalnachrichten zu sein. Sie alle gehören zur neu gegründeten „Europäischen Initiative im Kosovo“, ihrer „Bewegung“, wie sie sie gerne nennen, die der in Deutschland lebende „Koha Ditore“-Korrespondent und Schriftsteller Beqë Cufaj ins Leben gerufen hat.

An den Wänden hängen überall Klebezettel und vollgekritzelte Kalender mit Adressen und Organisationsabläufen. Man hängt bei Kerzenlicht in Sofas herum, isst Erdnüsse, redet. Dann geht der Fernseher wieder an, und nach einer endlosen Bilderfolge von Politikern und internationalen Unterhändlern, die immerzu an Konferenztischen mit Mikrofonen, Mineralwasser- und Orangensaftflaschen zu sehen sind, bevor sie sich die Hände schütteln, kommen endlich sie selbst. Sie freuen sich.

Beqë Cufaj, der seit einer Weile wieder regelmäßig nach Hause ins Kosovo fährt, wollte etwas tun - und wenn irgendetwas nicht schwierig ist in Prishtina, dann junge Menschen zu finden, die herauswollen aus jener Perspektivlosigkeit, welche die zur Hälfte arbeitslose Bevölkerung lähmt. Wer hier studiert oder gerade fertigstudiert hat, spricht meistens fließend Englisch oder Deutsch, oft beides; die Zeitungsredaktionen bestehen fast ausschließlich aus jungen Leuten; der Berater des noch amtierenden Bürgermeisters, der einem mit großem Ernst seine politischen Ziele erklärt, gehört zu denen, die nach dem Studium in die Politik gegangen sind. „Wir sind ein Volk, das nicht vergisst“, sagt am Abend jemand in der Bar mit diesem stolzen albanischen Unterton, „aber was wir wollen, ist Zukunft.“

Vielleicht kommt das Interesse zurück

Die „Initiative“ hat heute mit Büchern angefangen: Am Vormittag - das zeigt jetzt das Fernsehen - haben alle zusammen in der Universitätsbibliothek von Prishtina die „Europäische Bibliothek“ eröffnet. Jeder, der will, kann von nun an dort hingehen, findet deutsche, englische, auch französische Bücher in einer guten Auswahl aus literarischen Klassikern, Neuerscheinungen, Politikerbiographien, Nachschlagewerken und Unterhaltung. Gleichzeitig haben sie, unterstützt von der Heinrich-Böll-Stiftung und vom Deutschen Verbindungsbüro, die erste Ausgabe ihrer Zeitschrift herausgebracht, in der sie einen Europa-Essay von Timothy Garton Ash ins Albanische übersetzt, internationale Balkankorrespondenten um Beiträge gebeten, aber auch eigene Texte geschrieben haben, die sie jetzt an der Uni verteilen.

Es ist jene Universität, aus der sie selbst, wie alle albanischen Studenten und Professoren, Anfang der neunziger Jahre hinausgeworfen worden waren, um dann in Privatwohnungen weiterzustudieren. Die nicht fertig gewordene Kirche, die Miloševi hier einst errichten wollte, steht wie ein Mahnmal aus dieser Zeit als Ruine immer noch daneben.

Ihre besten Aktionen aber kommen erst noch: „Was es hier nie gab“, sagt Arianit Preçi, der eigentlich gerade in Stuttgart in Luft- und Raumfahrttechnik promoviert, „sind Tage der offenen Tür. Die wollen wir anbieten, Schulklassen und Studenten, aber auch möglichst vielen Einwohnern das Parlament, Redaktionen oder Fernsehanstalten von innen zeigen. Es gab hier in den letzten Jahren sehr wenig Transparenz, weder bei der Unmik (United Nations Interim Administration Mission in Kosovo) noch in der Regierung, wo es viel Kompetenzgerangel gab. Die Leute wussten irgendwann nicht mehr, was genau dort vor sich ging, verloren das Interesse, was auch erklärt, warum trotz hoher Arbeitslosigkeit und großer Armut die Wahlbeteiligung so gering war. Vielleicht kommt das Interesse zurück, wenn die Menschen einen Blick ins Regierungsgebäude werfen und Fragen stellen können.“

Altlast Korruption

Vielleicht kommt auch das Vertrauen zurück: Die Bevölkerung ist korruptionsmüde - jedenfalls diejenigen, die von der Korruption nicht profitieren. Erst am Donnerstag veröffentlichte „Transparency International“ sein Korruptionsbarometer 2007, demzufolge das Kosovo, was Bestechungsforderungen betrifft, an vierter Stelle in der Welt rangiert. Da kann Prishtinas neu renovierter Boulevard noch so sauber gefegt sein - wer sagt, dass er wirklich so sauber ist, wie er aussieht? Kaum ist er gepflastert, kursieren Gerüchte, die neuen Pflastersteine seien asbestverseucht.

Auch vor diesem Hintergrund ist der Optimismus derjenigen, die sich hier zu einer kleinen Bewegung zusammengetan haben, beeindruckend und überraschend. Von überall in der Welt betrachtet man das Kosovo als eine instabile Region in einer prekären Zeit: Am Montag wird die Troika aus EU, Amerika und Russland dem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon offiziell mitteilen, dass die letzte Verhandlungsrunde über den zukünftigen Status der Provinz gescheitert ist. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kosovo-Albaner mit amerikanischer und europäischer Anerkennung einseitig ihre Unabhängigkeit erklären werden. Für die Albaner der „große Tag“ - für Serbien und Russland ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht.

Von einer möglichen Kettenreaktion, die den ganzen Balkan erneut destabilisieren könnte, ist bereits die Rede: Wenn das Kosovo sich einseitig von Serbien löse, heißt es, könnten sich die Serben in der Region nördlich des Ibar-Flusses ermutigt fühlen, sich vom neuen Staat abzuspalten. Und es sei nicht absehbar, was daraufhin im Südwesten Serbiens passieren werde, wo es eine albanische Bevölkerungsmehrheit gibt, und was mit der albanischen Minderheit in Makedonien und der serbischen Teilrepublik in Bosnien.

Von „Teilung“ redet hier niemand

Die Provokationen bleiben nicht aus: In dieser Woche drohte der Berater des serbischen Regierungschefs Koštunica, Aleksander Simic, öffentlich mit Krieg, sollte sich das Kosovo für unabhängig erklären. Krieg sei ein „Rechtsmittel“, die Staatsinteressen zu verteidigen, so Simic. Die Demokratische Partei Serbiens verurteilte diese Drohung allerdings sofort als „unverantwortliche und gefährliche Äußerung“.

„Man weiß natürlich nicht, was passieren wird“, sagt Beqë Cufaj, „und es gibt auch keine Garantie, dass es nicht zu Zwischenfällen kommt. Aber weder die Kosovo-Albaner noch die Serben haben hier irgendwelche Kriegsgelüste. Sie wollen, dass es vorangeht. Und dazu gehört auch, dass die UN-Mission ein Ende hat, die wichtig war, aber kein Dauerzustand sein kann. Die internationalen Truppen bleiben ja und überwachen die Lage.“

Von „Teilung“ redet hier niemand, aber auch nicht von der diplomatisch so vielbeschworenen „Multiethnizität“. Alles, was mit dem Wort „ethnisch“ zu tun hat und so eng mit dem Krieg verbunden ist, können die Mitglieder der „Initiative“ nicht mehr hören. Sie nennen es lieber ein „Nebeneinander“ und verweisen im Restaurant auf den Nebentisch, an dem eine Gruppe kosovarischer Serben sitzt. Schließlich sei das in Prishtina ganz normal. Und wenn bei den Wahlen die serbische Bevölkerung den Gang zur Urne gerade geschlossen boykottiert habe, dann auch nicht, weil sie alle das unbedingt gewollt hätten. Serbische Nationalisten hatten vorher Drohungen ausgesprochen.

Zauberwort Europa

„Wenn die EU erst mal da ist“ - nach Auskunft von Diplomaten ist eine Mission schon einsatzbereit: 1800 zivile Beamte, Polizisten, Richter, Staatsanwälte und Zöllner, die das Land von der Übergangsverwaltung durch die UN zu einem eigenständig funktionierenden Staat begleiten sollen -, „dann ist auch die Zukunft da“, sagt Cufaj. „Europa klingt in Prishtina wie ein Zauberwort. Und wir wollen, dass es mit der Bibliothek und unserer Zeitschrift leichter wird zu verstehen, was das überhaupt heißt: Europa.“

Beim Essen erzählen sie von Verwandten, die von vierzig Euro Sozialhilfe im Monat leben müssen; von den Schwierigkeiten, Visa ausgestellt zu bekommen, die teuer sind und keineswegs ohne weiteres bewilligt werden. Er wolle mit seiner Familie auch mal nach New York, sagt der Bruder des einen, der an diesem Tag eigentlich wegen seiner Uni-Kurse in Prishtina ist. Er ist 38, hat drei Kinder und studiert Internationales Recht. Während des Kriegs verteidigte er im Kampf die Häuser, bevor er mit seiner Familie, samt Baby und Großmutter, für drei Monate nach Albanien floh. Die Großmutter lebt heute immer noch und ist über hundert. Auf die Frage, welcher Partei er sich anschlösse, wenn er in die Politik ginge, nennt er die Partei von Ramush Haradinaj. Man versteht das nicht, Haradinaj sitze doch in Den Haag im Gefängnis, wie man so jemanden denn unterstützen könne? „Haradinaj kommt aus der Gegend im Kosovo, aus der auch meine Familie kommt“, ist die Antwort. Wie weit der Weg nach Europa tatsächlich ist, begreift man spätestens da.

Aber der Optimismus der „Initiative“ steckt an. Prishtina ist ziemlich kalt, immer wieder plötzlich sehr dunkel und trotzdem kein trister Ort in diesen Tagen. Die Bars und Clubs sind nachts voller junger Menschen. Keiner von ihnen würde sagen, er tanze hier auf dem Vulkan.

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