29.11.2005 · Der Autor schreibt es, die Bühne treibt es, wer aber leidet's? - Junge gebrannte und ungebrannte Dramatiker sind zu Gast an den Münchner Kammerspielen.
Von Bernd NoackDie Angst des Autors vor dem Theater. Anja Hilling sitzt auf der Bühne im Werkraum der Münchner Kammerspiele und sagt: „Ich hätte im Stuhl versinken können.“ Kopfschüttelnd hat sie gerade über die Uraufführung ihres letzten Stücks „Monsun“ in Köln gesprochen und daß sie da so gut wie nichts mehr von ihrem Text wiedererkannt habe.
Dafür sei sie dann auch noch verrissen worden. Schuld an dem Mißerfolg aber sei allein die Inszenierung gewesen, in der all die Zwischen- und Untertöne der Dialoge weggebügelt wurden. Das Vertrauen der Jung-Dramatikerin ins Theater scheint schwer erschüttert zu sein.
Vor genau einem Jahr war Anja Hilling am selben Ort in einer kurzen Theaternacht, in der eine spröde szenische Lesung die Lust auf ihr damals erst zweites Stück „Mein junges idiotisches Herz“ weckte, als Talent entdeckt worden. Ein paar Kritiker wählten sie in der Jahrbuch-Umfrage von „Theater heute“ gar zur „Nachwuchsdramatikerin des Jahres“. Dann kam der „Monsun“ und blies sie auf den harten Bühnenbretterboden der Realitäten zurück. Da sitzt sie nun und fängt von vorne an. „Bulbus“ heißt ihr neues, noch unfertiges Werk, aus dem sie gerade gelesen hat, ein versponnener Erzähl-Reigen um Fremdsein und Sichfinden. Man spürt, daß sie schon daran zweifelt, ob ein Regisseur das je kapieren wird.
Ein trübes Lied
Wer sich mit einem Text ins Theater begibt, der kommt da leicht drin um. Die schon etablierten jüngeren Autoren, die am Rand des „Dritten Wochenendes der jungen Dramatiker“ in den Münchner Kammerspielen Neues präsentieren sollten, können ein trübes Lied davon singen. Ihre positiven und negativen Erfahrungen mit dem Betrieb haben sie vorsichtig werden lassen. Die abergläubische Dea Loher lehnte es ab, aus ihren „Berliner Geschichten“ vorab zu lesen, weil das „Unglück bringen könnte“; Enda Walsh nahm seine gerade beendete „Walworth Farce“ gleich selber in die Hand und zog regisseurlos die Dialoge virtuos als One-man-Show durch.
Derartige Allüren freilich sind den wirklichen, den unbekannten Jung-Dramatikern noch fremd. Sie haben unermüdlich, besessen und beseelt geschrieben, und jetzt wollen sie ihre Figuren auch endlich lebendig werden sehen. Das Angebot, das ihnen die Kammerspiele da machen, ist aber nicht nur lobenswert, es ist auch zweischneidig: Die mehr oder weniger aufwendigen Inszenierungen, die mit einem ungeheuer aktionsgeladenen Ensemble in wenigen Tagen auch noch auf die verstecktesten Hinter-, Neben- und Probebühnen gestemmt wurden, hatten durchwegs hohen Unterhaltungswert. Aber das lag zuallererst an der Werkstatt-Atmosphäre, an der schönen Lust am Unfertigen. Die tatsächliche Textausbeute darf dagegen als eher mager bezeichnet werden. Und so konnte es dann eben auch hier durchaus sein, daß mancher Autor schon sein erstes Stück nicht mehr sein eigen nennen wollte, weil es Regie und Schauspieler einfach nur als wacklige Grundlage für ein paar waghalsige Experimente hergenommen hatten.
Der Terror im normalen Leben
Oder lag es an den Themen? Die Hauptsorge der so zwischen 1972 und 1982 Geborenen scheint auf jeden Fall der Terror in all seinen konkreten oder schwammigen, bedrohlichen oder auch nur nervenden Formen. Er schleicht sich ein ins private Leben und in die Köpfe ganz normaler Menschen. Emotionen gehen wie Bomben hoch, zurück bleiben die Opfer, denen Medien und verordnete Hysterie den Boden unter dem Flausch-Teppich längst weggezogen haben.
Bei Clare Pollard („Das Wetter“) gerät eine schräge Familienidylle aus den Fugen, weil sich unerklärliche Dinge ereignen, die sofort als Anschlag auf den mit unbezahlten Konsumgütern möblierten Alltag gedeutet werden. Simone Kucher („Silent Song“) unternimmt gar den peinlich-hilflosen Versuch, in die offenen Wunden und zertrümmerten Seelen unschuldiger Attentatsopfer zu stieren: Den Hinterbliebenen hallen die Stimmen der geliebten Getöteten von der Mailbox nach. Und in Letizia Russos „Hundegrab“ geht es ohnehin so nachkriegswüst und weltuntergangsleer zu, daß es den Figuren auch die letzten Worte verschlägt. Hier lag es wohl an der Regie von Christiane Pohle, die das Stück in einem ausweglosen Lastenaufzug spielen ließ, daß quälend etwas erfahrbar wurde von der Leere und Hilflosigkeit als Lohn der Angst.
Man kann prima verzweifeln
Natürlich ist und bleibt die Welt schlecht. Daran kann man heftig und prima verzweifeln. Aber muß daraus gleich ein Theaterstück werden, in dem den Figuren vor lauter äußeren Einflüssen keine Chance mehr zur Entwicklung bleibt? Seelen- und charakterlos hauchen sie ihr fremdbestimmtes Leben aus, ohne daß es als solches überhaupt definiert würde. Überleben sie trotzdem, dann nur, weil sie viel zu sehr mit der Suche nach ihrem Ich beschäftigt sind, als daß sie sich auch noch um die Grausamkeit der Welt kümmern könnten. Einen netten Monolog, den Victoria Mayer schön schnoddrig spielte, hat sich in diesem Sinn mit „Boden.Haltung“ Melanie Peter ausgedacht: Eine Frau, die sich selber nur noch als „Es“ bezeichnet, scheitert aufrecht an ihrer lästigen Befindlichkeit und hängt erschreckend fröhlich ihre Ansprüche tiefer. Daß hier nebenbei auch noch eine kleine deutsche Ost-Problematik anklingt, erscheint angesichts der jetzt üblichen globalen Horror-Szenarien fast schon ein wenig antiquiert und harmlos.
Dann schon lieber ohne Umschweife in die Katastrophe, die auch für den Zuschauer, dem nicht gleich jeden Tag ein paar Terroristen einen Sprengsatz um die Ohren werfen, nachvollziehbar ist. Juliane Kann („Blutiges Heimat“) versucht das derb und in bester Kroetz-Manier, wenn sie in einer mit der Zeit aber leider nur noch putzigen Stummel-Sprache eine dumpfe Dorf- und Familiengemeinschaft an Eifersucht und Fremdenhaß zerbrechen läßt. Im Schweinemastbetrieb (wo sonst?) geht es zur Sache und schließlich denjenigen, die aus dem inzestuösen Schmuddel-System ausbrechen wollen, an die Gurgel. Aber mal ehrlich: Ist es nicht eigentlich egal, ob den scheinbar unvermeidlichen (Bühnen-)Tod jetzt der gedungene Vermummte mit dem Sprengstoffgürtel um den Bauch oder der Schwager mit den Füßen in dreckigen Gummistiefeln bringt?
Will man das nun alles einmal wirklich fix und fertig inszeniert sehen, irgendwo in voller Länge und auf die Gefahr hin, daß sich womöglich doch nichts verbirgt hinter und zwischen den Dialog-Zeilen? Man wird vielleicht müssen. Und sich im nächsten Jahr wieder anhören können von den Jung-Dramatikern, daß sie es so ja eigentlich gar nicht gedacht hätten und ohnehin nicht für irgendeinen Theaterbetrieb schrieben.