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Veröffentlicht: 08.10.2012, 16:09 Uhr

Jules Verne Spielerisch

Ein neues Internetprojekt begleitet Jules Vernes’ „In achtzig Tagen um die Welt“ mit hilfreichen Essays und bildet die Grundlage für ein gleichnamiges Brettspiel.

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Was ist das nun: Ein Buch? Ein Spiel? Beides? Jules Vernes Roman „Das Testament eines Exzentrikers“, erschienen 1899, erzählt von sechs Personen, die durch die Vereinigten Staaten reisen - wer als Erster wieder am Ausgangspunkt Chicago ankommt, gewinnt das Millionenerbe des Industriellen Hypperbone, der sich zu Lebzeiten den Freuden des Gänsespiels hingab. Dessen Struktur - man würfelt und zieht seine Figur entsprechend über die Felder eines Spielbretts - überträgt Hypperbones Testamentsvollstrecker nun auf reale Menschen und das reale Nordamerika, wobei der Anwalt das Würfeln für alle übernimmt. Was dabei passiert, erzählt der Roman, der damit zum Spielbericht avanciert.

Tilman Spreckelsen Folgen:

Ungleich berühmter, wenn auch nicht weniger verspielt ist Vernes 1873 publiziertes Buch „In achtzig Tagen um die Welt“, in dem eine Gruppe von Verne-Enthusiasten um den Erfurter Kartenforscher Jörg Dünne einen „latent spielförmigen Roman“ vermutet. Nicht nur, weil die Wette zwischen Phileas Fogg einerseits und seinen Kollegen vom Londoner Reform Club andererseits tatsächlich einem Wettspiel gleicht: Fogg behauptet, die Erde in achtzig Tagen umrunden zu können, die übrigen Clubmitglieder halten das für unmöglich. Sondern auch, weil die Struktur dieser Reise eben an den Typ des Gänsespiels erinnert. Und weil es natürlich in diesem Umfeld Brettspiele gab und gibt, denen dasselbe Schema zugrunde liegt: Spielfiguren müssen von Feld zu Feld über eine stilisierte Weltkarte gebracht werden, und was für den genau vorausplanenden Fogg unvorhergesehene Zwischenfälle, das sind im Brettspiel die Ereigniskarten, die einen fünf Felder zurückschicken oder zwei Runden aussetzen lassen.

Dieses Potential des Romans erkannten schon Vernes Zeitgenossen, etwa der Ravensburger Verleger Otto Maier, der 1884 als erstes Produkt seines Unternehmens ein „humoristisches geographisches Gesellschaftsspiel“ namens „Reise um die Erde“ herausgab. Auf dessen Feldern finden sich neben Bildern auch Vierzeiler, die den Roman nacherzählen - das Spiel wird zum paraphrasierten Buch. Dünne und seine Mitstreiter haben nun ein schönes Internetprojekt begonnen, das auf der Seite www.weltnetzwerke.de den Roman sukzessive begleitet, mit erläuternden Essays zu Themen wie etwa „Der Reform Club“, „Die Wette“, „Pässe“, „Witwenverbrennung“ oder „Opium“ - ein Kompendium, dessen Relevanz weit über den Kommentar zu Vernes Roman hinausweist. Der letzte Beitrag erscheint, wie sich das gehört, achtzig Tage nach dem ersten, am 21.Dezember. Und aus den Texten wird das Begleitbuch zu einem neu entwickelten Brettspiel.

Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 57 80

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