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Jugendstudien : Die Jugend von heute

Was denken sie nur? Studenten an der Universität Leipzig Bild: dpa

Studien über die junge Generation sind ein beliebtes Feld der Zeitanalyse. Über die Jungen lernt man dabei ziemlich wenig, aber über die Älteren, die sich die Jungen erklären wollen, dafür einiges.

          Die Jugend von heute. Erstaunlich eigentlich, dass es noch Leute gibt, die vor dieser Formel nicht zurückschrecken. Nachdenken könnte einen fast dazu bringen: Man war selbst gestern die Jugend von heute, der damals ebenfalls vorgehalten wurde, nicht so zu sein wie die Eltern, als sie die Jugend von vorgestern waren. Oder man könnte sich daran zu erinnern versuchen, dass man so „wild“, so „politisch“, so „lesehungrig“ und was es noch an schönen Attributen gibt, in der eigenen Jugend nun auch wieder nicht war - und dass jedenfalls nicht „die“ Jugend all diese Merkmale aufwies.

          1968 beispielsweise ist so ein Mythos, der rückwirkend allen, die damals zwanzig Jahre alt waren, heute den Nimbus des Kritischen verschafft. Mensch, waren die noch politisch. Über die Höhe der damaligen Beteiligungsraten an Vietnam-Demonstrationen wird allerdings weniger gesprochen. Hauptsache, man kann denen, die gerade jung sind, die eigene Vergangenheit als Maßstab korrekt verbrachter Jugend entgegenhalten. Früher wurde noch demonstriert, gelesen, ans Gemeinwohl gedacht und so weiter. Gerade hat auch der Studierendensurvey, eine regelmäßige Umfrage an Universitäten und Fachhochschulen, neuerlich festgestellt, dass ein Tiefstand des politischen Interesses akademischer Jugend erreicht sei.

          Was war die Jugend nicht schon alles

          Doch eine Ermüdung durch den Klagetext über die Jungen, der sich durch die Jahrtausende zieht, tritt offenbar nicht ein. Nicht einmal die Frequenz, mit der im Jahresabstand die Klagemotive ausgetauscht werden, wirkt bremsend. Die Jugend von heute war zuletzt „egotaktisch“, kurz davor aber null-Bock-förmig, jetzt nur an Verbeamtung interessiert, eben noch karrierefixiert, unpolitisch, voller romantischer Realisten, voller Freundlichkeit gegenüber ihren Eltern. Jedes Jahr wird für das alles ein neuer Generationenname erfunden: Generation Praktikum, Prekär, Maybe, X, Y, Z.

          Ein besonderer Champion dieser Art von Zeitdiagnose ist der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann. In seinem neuesten Buch bezeichnete er die Jugend von heute als die „oft als Ego-Taktiker gescholtenen Angehörigen der Generation Y“, die tatsächlich aber gar nicht so seien. Oft gescholten. Ja, von Hurrelmann selbst, der den Begriff der Ego-Taktiker in seiner „Shell-Jugendstudie“ im Jahr 2002 aufbrachte.

          Ein triviales Rätsel wird bewirtschaftet

          Sollte es sich bei den Diagnosen, die ständig einen Mentalitätswandel der Jugend ins den Älteren Fremde mitteilen, womöglich nur um eine Technik handeln, um Berichterstattung zu erzwingen? Dass die Erwachsenen nicht alles verstehen, was Jugendliche tun und was sie interessiert, könnte man als trivial empfinden: Das ist ja gerade eine Pointe des Jungseins. Dass aber mit primitivsten Mitteln versucht wird, dieses Rätsel zu bewirtschaften, und ständig in Laubsägearbeit angefertigte Schlüssel zur Erklärung des Erfahrungsabstandes verkauft werden, die gar nichts erschließen, legt eigentlich nahe, sich die Erwachsenen genauer anzusehen, die das geradezu obsessiv tun.

          Vor gut zehn Jahren schon diagnostizierte besagter Forscher in typischer Manier die Ego-Taktik an einer Generation, die sich politisch allenfalls für Fragen interessiere, die ihr eigenes Fortkommen angingen. Als kurz darauf unter Beteiligung derselben Jugend europaweit riesige Demonstrationen gegen den zweiten Irak-Krieg stattfanden, wurde er gefragt, wie sich das zu seinen Befunden verhalte. Der Forscher fand sich bestätigt: Das sei ja gerade ein Bestandteil dieses egotaktischen Verhaltens, dieser Mentalität, auch bei politischen Themen von ganz ursprünglichen Bedürfnissen und Wünschen auszugehen, hier dem nach Frieden. Man tauscht also einfach den Gegenbegriff aus. Zuerst lautet die Unterscheidung Egoismus/Altruismus, dann emotionales Engagement/etablierte Politik. Und schon ist die These wieder intakt.

          Weshalb sind sie, was sie angeblich sind?

          Was bei alldem zu kurz kommt, ist die Frage, weshalb denn die Jugendlichen so sind, wie sie angeblich sind. Zum Beispiel nur noch wenig an der Universität als solcher interessiert, sondern vor allem am Einstieg in die Berufswelt. Könnte das nicht ein Effekt der Beschallung sein, die sie gut anderthalb Jahrzehnte lang erfahren haben? Employability, hieß es, sollten die Hochschulen herstellen. Es sei ganz wichtig, früh auf den Arbeitsmarkt zu kommen. Ja nicht verweilen, ja nicht abbrechen, ja aktiv in die Standortkonkurrenz eintreten.

          Oder nehmen wir die besagte Politikverdrossenheit. Es sind nicht Jugendliche, die sich den Text, es gebe keine Alternative, ausgedacht haben. Es waren keine Studenten, die den Eindruck beförderten, die Wirtschaft sei das Schicksal und Politik wesentlich die technokratisch und demoskopisch informierte Sicherung von Wohlstand.

          Auch Bologna mit seinen vollgestopften Stundenplänen hat sich nicht die Jugend ausgedacht. Wen also muss man sich näher anschauen, wenn Studenten, die fünfzehn Kurse in der Woche haben, nicht mehr lesen? Nicht die Jugend von heute, sondern die Erwachsenen von gestern.

          Quelle: F.A.Z.

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