http://www.faz.net/-gqz-73nlg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.10.2012, 14:09 Uhr

Jugendsprache Krass war gestern, es lebe das Epos!

Die Jugendsprache kennt ein neues und zugleich uraltes Wort: „episch“. Es stammt aus den Welten der Fantasy-Computerspiele. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist jedoch kaum einem User bekannt.

von Wolfgang Kemp
© dapd Aus einem Wolrd of Warcraft-Blog: „Es war ein epischer Fight“

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht aus dem quirligen Sprachgeschehen. Die schlechte zuerst: „Geil“ hat sich weiter oben gehalten, zuletzt im Gebrauch unserer olympischen Spitzenathleten. Der Versuch allerdings, „geil“ durch Intensivpartikel wie „absolut“, „extra“, „megaaffen-“ oder „super-“ zu steigern, weist schon auf eine Schwächung des Kernwortes hin. Der Titel und der Refrain von „Leider geil“, dem aktuellen Hit der Truppe „Deichkind“, scheinen in dieselbe Richtung zu gehen: Natürlich meinen die Jungs das anders, aber die gebetsmühlenhaft repetierte Titelzeile wirkt bald selbstbezüglich und kann durchaus wie ein Enttäuschtsein über die Unzulänglichkeit des in die Jahre gekommenen Modewortes verstanden werden. Wir sprechen von 25 bis 30 Jahren!

Man hat sich immer gefragt, was nach „geil“ kommt. „Schwul“ lautete ein anfangs unwahrscheinlicher Vorschlag, aber „schwul“ erfreut sich, nicht zuletzt dank Unterstützung durch das Turk-Deutsch, stabiler Beliebtheit. Es hat sich aber mehrheitlich als abwertend durchgesetzt, ist also in diesem Sinne keine echte Konkurrenz zu „geil“. „Cool“ hat dagegen eine große Karriere gemacht, ist jedoch nicht so „derb“ und „krass“ (gerne auch „endkrass“) wie „geil“, womit zwei weitere Mitbewerber genannt sind, die als Kraftausdrücke zum Starckdeutschen gehören, wie Matthias Koeppel einmal seine echt deutsche Kunstsprache genannt hat. Derb, krass, schwul steigern zwar, aber sie sind nicht wie „geil“ in seinen besten Tagen superlativistisch gut, sie sind nicht ein Elativ in Positivform, um es einmal wissenschaftlich zu sagen.

Der Durchbruch kam mit „epic fail“

Nun stelle man sich vor, einer unserer Olympioniken hätte den Gewinn der Goldmedaille mit dem Ausruf „Episch!“ gefeiert. Wäre das nicht einem hieros gamos gleichgekommen, einer heiligen Hochzeit von klassisch und „Klasse!“? Ein solcher Sieger hätte noch nicht einmal „absolut episch“ oder „megaepisch“ sagen müssen, denn „episch“ ist noch ziemlich unverbraucht, hat allerdings im Wettbewerb um das angesagteste Jugendwort letztes Jahr schon den zweiten Preis gewonnen, dies jedoch in der Kombination „epic fail“, was so viel wie totaler Fehlschlag bedeutet.

So weit die gute Nachricht. Endlich eine Alternative, vielleicht sogar eine, die sich in Akademia gegen das längst nicht mehr erträgliche „spannend“ durchsetzt. Ein native speaker der Jugendsprache übersetzt „episch“ heute mit „geil, supertoll, hammer, fantastisch, krass, cool“. Und eine repräsentative Umfrage (n=1, 12 Jahre) ergab, dass dabei so etwas wie die ursprüngliche Bedeutung des Wortes nicht gewusst wird - darin unterscheidet sich „episch“ von „geil“ nur graduell, denn um bei „geil“ zur Grundbedeutung zurückzukehren, wird man in der Regel heute die neue Vokabel „notgeil“ benutzen müssen.

Bei „schwul“ funktioniert der Rückschluss sehr viel leichter, was ja dem modischen Gebrauch des Wortes durchaus Kritik eingetragen hat. Also: Homer, Vergil, Ariost müssen nicht assoziiert werden, wenn einer „episch“ sagt. Es ist kein Wort aus der Jugendhochsprache, sollte es diese überhaupt geben. Wenn es an Gymnasien vorkommt, was es tut, aber keineswegs nur, dann ist es von Schule und Griechenland epochal weit entfernt, um auf eine verschlungene Art wieder zu ihnen zurückzukehren.

Die Gamer führten den Begriff in die Jugendsprache ein

„Episch“ ist eine Übertragung des Englischen „epic“, was keine großen Schwierigkeiten bereitet haben dürfte, was aber nichts erklärt. In älteren Wörterbüchern ist „epic“ gleichbedeutend mit „episch“, heute steht dort: „geil, unglaublich, super“. How come? „Epic“ hat seine zweite Karriere in der hochentwickelten und stark englisch geprägten Fachsprache der Gamer-Szene begonnen. Seit 1991 existiert die US-Firma Epic Games, eines der weltweit führenden Unternehmen auf dem Gebiet der Computerspiele. Epic ist ein Fachbegriff des Soft-ware-Engineering. Epic nennen sich die Folgen der koreanischen Rappelz-Computerspiele, die derzeit bei Epic 7 angelangt sind und zu den Download-Favoriten weltweit gehören.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gewalt durch Ego-Shooter? Neue Diskussion über Computerspiele nach Amoklauf

Der Amokläufer von München soll Computerspiele mit Gewaltdarstellungen gespielt haben. Schon äußern sich Politiker und Experten – und eine alte Diskussion beginnt von Neuem. Mehr

24.07.2016, 16:50 Uhr | Gesellschaft
Fast wie bei Harry Potter Die Welt jagt in Frankfurt den goldenen Schnatz

21 Nationalteams mit rund 350 Spielerinnen und Spielern haben in Frankfurt um den dritten Weltmeisterschaftstitel im Quidditch gekämpft. Das ungewöhnliche Spiel zieht verschiedenste Sportler an. Und auch Menschen, die eigentlich nichts mit Sport am Hut haben, klemmen sich die eher irdischen Plastikstangen zwischen die Beine. Mehr

25.07.2016, 21:10 Uhr | Sport
Album der Woche Ein Pop-Beat aus heißen Tagen

Gut möglich, dass er jetzt so cool ist, wie er immer sein wollte: Joseph Mount alias Metronomy hat mit Summer08 ein elektrisch-eklektisches Album aufgenommen. Mehr Von Alexander Müller

25.07.2016, 15:57 Uhr | Feuilleton
Staatliches Doping IOC schließt Russland nicht von Olympia aus

Die Leitung des Internationalen Olympischen Komitees um den deutschen Präsidenten Thomas Bach hat die russischen Athleten nicht grundsätzlich von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Stattdessen sollen die Welt-Sportverbände entscheiden. Mehr

25.07.2016, 15:01 Uhr | Sport
Boote, Pferde und Brötchen Alles muss mit nach Rio

Die Olympischen Spiele sind auch logistisch eine Herausforderung: Ruderboote, Pferde und Leichtathletik-Stäbe müssen nach Rio gekarrt werden. Doch es werden längst nicht nur Sportgeräte auf die Reise geschickt. Mehr Von Kerstin Schwenn

24.07.2016, 08:57 Uhr | Sport
Glosse

Der Schlaf der Gehetzten

Von Thomas Thiel

Schon Heidegger schlief schlecht und brütete dabei abstruse Gedanken aus. Das könnte auch dem Silicon Valley zum Verhängnis werden. Mehr 4

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“