13.06.2008 · Das Internet verkehrt das Generationsverhältnis. Kinder und Jugendliche wissen oft besser darüber Bescheid als ihre Eltern. Doch wer warnt sie vor den Gefahren, die im Netz lauern? Eine Frankfurter Schule bemüht sich um Aufklärung.
Von Thomas ThielDie Rechnung für die neue Freiheit im Netz kommt für Kinder und Jugendliche oft in anderer Form als erwartet. Die Flucht aus der vorgebildeten Welt elterlicher Fürsorge oder Bevormundung, den sie sich bisher oft hart erkämpfen mussten, gelingt ihnen mit dem Internet zwar spielerisch leicht. Doch in die vermeintliche Regellosigkeit einer parallelen Netzwelt entlassen, treffen sie auf neue diskrete Autoritäten, auf die sie eigentlich diejenigen vorbereiten müssten, von denen sie sich gerade emanzipiert haben. Den Eltern bleibt oft nur das mulmige Gefühl, ihre Kinder vor etwas in Schutz nehmen zu müssen, das sie selber nicht kennen. Was tut ihr Kind, wenn es nachts am Computer sitzt? Und weiß es, was es da tut?
„Es ist unheimlich“, sagte Paul Wege, der Informatiklehrer der Frankfurter Freiherr-vom-Stein-Schule, der mit seinen Schülern und einem kompetent besetzten Podium einen Diskussionsabend initiiert hatte, der etwas Licht in dieses Dunkel bringen sollte. Unheimlich ist ihm wie seinen Schülern, dass Internatsschüler, die ein Zimmer teilen, über das soziale Netzwerk SchülerVZ kommunizieren, anstatt sich unmittelbar auszutauschen; dass exzessiv betriebene Online-Rollenspiele Jugendliche ihrer realen Umgebung entfremden; dass Minderjährige sich in kompromittierenden Posen ins Netz stellen, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass dies alles - kopiert, weitergereicht, verfremdet - später an Orten auftaucht, wo sie es weniger gerne sehen. Und sei es zuletzt in den Profilen von Personalabteilungen, die sich durch Netzrecherche ein Vorwissen über ihre Bewerber sichern, oder im Suchverlauf von Pädophilen.
Eine Medium ohne Bewusstsein
Der Freiheitsgewinn ist also nicht ohne das Interesse an späterer Rückzahlung. Es gibt außerhalb des „deep web“ nichts Privates im Internet, und die allgemeine Fahrlässigkeit im Umgang mit dem eigenen digitalen Profil gelangte spätestens ins öffentliche Bewusstsein, als das Foto einer tödlich verunglückten Schülerin, aus SchülerVZ kopiert, plötzlich in eine öffentlich-rechtliche Fernsehsendung gelangte.
„Es gibt ein neues Medium, aber kein Bewusstsein dafür“, lautete denn auch die Erkenntnis Paul Weges, der seiner Klasse in einem Projekt dieses Bewusstsein zu vermitteln versucht hatte. Dass das freizügige Foto einer Schülerin, dem Internet entnommen und vor der Schulklasse an die Leinwand projiziert, bei der Abgebildeten eine Peinlichkeit auslöste, die ihr im Kontext des Netzes fremd war, ist ihm Beleg für die Naivität, mit der Kinder, oft nicht anders als ihre Eltern, ihre Daten preisgeben. Der Schüler allein kann es also nicht richten, schon deshalb nicht, weil sich die schnellen Rhythmen der Computerindustrie wenig um pädagogische Belange kümmern. Jugendliche im Umgang mit dem Netz sich selbst zu überlassen hieße deshalb, sie den undurchsichtigen Mechanismen der kapitalistischen Warenwirtschaft auszuliefern, ohne sie im Voraus über deren Tücken unterrichtet zu haben. Doch wer erzieht die Kinder zur Souveränität im Umgang mit den Netz?
Der Staat läuft hinterher
„Das ist etwas, wofür der Staat kämpfen muss“, forderte der Podiumsgast Rainer Meyer alias Don Alphonso, der unerschrockenste unter Deutschlands Bloggern und hartnäckigste Kritiker des Geschäftsgebarens sozialer Netzwerke. Doch wo der Staat auch hinsieht, ist die Wirtschaft schon da. Und sie ist schneller als seine rechtssichernden Institutionen. „Die Entwicklung ist zu schnell, um vom Rechtssystem rechtzeitig beantwortet zu werden“, hielt der hessische Datenschutzbeauftragte Ralf Menger Don Alphonsos Behördenschelte entgegen. Die Kommunikation zwischen Datenschützern und der Informationsindustrie sei schwierig, und gegen ausländische Anbieter wie Myspace oder Facebook bestehe ohnehin keine rechtliche Handhabe.
Und weil, wie Rudolf Peschke vom hessischen Bildungsministerium ausführte, auch der Lehrplan der Rasanz technologischer Entwicklungen nicht folgen könne, richten sich die Hoffnungen letztlich vor allem auf das gemeinsame Engagement von Eltern, Erziehern und Schülern, sich gegenseitig über die Gefahren des Netzes aufzuklären.