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Jugendkriminalität : Wie zu Rembrandts Zeiten

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Einfach wegsperren: Die Niederlande wollen Jugendstraftätern mit Härte begegnen Bild: AP

In den Niederlanden sind die Zeiten der Maximaltoleranz vorbei: Zwölfjährige Kinder sitzen hinter Gittern, sogar Schuleschwänzen kann mit einem Besuch der Polizei geahndet werden. Die Justiz setzt bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität auf Härte.

          Um ein Land zu finden, das die Strafmündigkeit weit herabgesetzt hat, braucht Roland Koch nicht weit zu reisen: In den Niederlanden sitzen zwölfjährige Kinder hinter Gittern. Diese Gesetzgebung ist eine Reaktion auf jugendliche Wiederholungstäter, die an Schwerpunkten wie Amsterdam-Slotervaart, aber letztlich im ganzen Land zum Politikum wurden. Sprichwörtlich wurde der Fluch eines Amsterdamer Sozialdemokraten, der nach einer verlorenen Lokalwahl (und bei irrtümlich angeschalteten Mikrofonen) vor Jahren die „Scheißmarokkanerchen“ für das Fiasko verantwortlich machte. Damals musste er für den Fauxpas noch zurücktreten, heute kann man in Holland mit keinem Tagesordnungspunkt mehr Wählerstimmen gewinnen als mit dem Ruf nach der harten Hand gegen kriminelle islamische Zuwanderer.

          Die über Jahrzehnte geübte Maximaltoleranz, das historisch bewährte Weggucken zum Ziel der besseren Verträglichkeit - das alles ist in kürzester Zeit ins Gegenteil umgeschlagen. Doch ehe nationale Identität, Nulltoleranz oder die allgegenwärtigen „Normen und Werte“ Mode wurden, musste auch allerhand geschehen: Der abscheuliche Ritualmord am Filmemacher Theo van Gogh, die Landesflucht der bedrohten Ayaan Hirsi Ali oder die politisch unkorrekte Eingliederungsdebatte, ausgelöst vom sozialdemokratischen Vordenker Paul Scheffer, erlaubten es plötzlich, Herkunft und Glauben von Straftätern in Medien, Politik und bei Gericht beim Namen zu nennen. Verschärfungen des Strafrechts im Parlament ließen nicht auf sich warten, zumal dort erst Pim Fortuyns Bürgerbewegung, dann Geert Wilders' „Partei der Freiheit“ mit rechtspopulistischem Elan alle Tabus brachen und die undemokratischen und gewaltverherrlichenden Züge islamischer Subkulturen bis heute zum Dauerthema machen.

          Jugendcamps wurden bereits vor drei Jahren wieder geschlossen

          Konkret bedeutet das etwa für den Van-Gogh-Mörder Mohammed Bouyeri oder die arrestierte Hofstad-Gruppe islamischer Terrorsympathisanten in Den Haag, dass sie in keiner europäischen Demokratie ähnlich harte Strafen hätten auferlegt bekommen. Urteile bei Bedrohung von Politikern, bei versuchten fundamentalistischen Anschlägen oder nur bei Gewaltpropaganda können junge Delinquenten jetzt über Jahre hinter Gitter bringen. Ein scharfer Paragraph zur Sicherheitsverwahrung sorgte dafür, dass Bouyeri, der im Gefängnis weiter islamistisch agitiert, nach derzeitigem Ermessen überhaupt nie wieder freikommen kann.

          Für das Gros von jungen Straßenkriminellen, von denen natürlich längst nicht jeder, aber doch ein überdurchschnittlicher Anteil einen „Migrationshintergrund“ aufweist, hatte man sich schon lange vor den Morden an Fortuyn und Van Gogh besondere Maßnahmen ausgedacht. Doch die Jugendcamps nach amerikanischem Vorbild, bei denen jugendliche Mehrfachtäter auf freiwilliger Basis zum Holzhacken und Torfstechen aufs Land geschickt wurden, mussten 1997 bereits nach drei Jahren wieder dichtmachen; knapp der Hälfte war die Schufterei zu hart, obwohl als Belohnung für gutes und fleißiges Betragen Freigang und ein Job gewinkt hätten. Immerhin waren die Waldlager nicht so erbarmungslos wie die Ausnüchterungszelle im Amsterdamer Raspelhaus zur Rembrandt-Zeit, wo Starrsinnige in einer tief gelegenen Zelle gegen die Flut um ihr Leben Wasser pumpen mussten.

          Härtere Gesetze als in Deutschland

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