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Jugendgefährdung Der Fall Bernhard

07.02.2010 ·  Die DVD-Gesamtbox von Thomas Bernhards Stücken ist nichts für Minderjährige. Bestellt man die Sammlung, wird man von der deutschen Post aufgefordert, das entsprechende Paket mit Altersnachweis selbst abzuholen - als sei es Schweinekram.

Von Jürgen Kaube
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Von Thomas Bernhards Stücken gibt es eine DVD -„Gesamtbox“. Die wollte ich haben und bestellte sie bei Amazon. Kurz darauf lag eine Nachricht im Briefkasten. Das musste der Bernhard sein. Tags darauf rief mich meine Frau im Büro an, die Sendung auf der Post könne ich nur persönlich abholen. Dann war es also doch nicht der Bernhard? Ich gab ihr – die Öffnungszeiten der Post sind so – meinen Personalausweis, aber sie kehrte wieder unverrichteter Dinge zurück.

Nein, Personalausweis genüge nicht. Die Versicherung, etwas anderes als den Bernhard hätte ich gar nicht bestellt, wirkte jetzt schon ein bisschen bemüht. Auf der Post dann wurde mir erklärt, Sendungen wie diese müssten vom Besteller selbst abgeholt werden, mit Unterschrift. Ich versetzte, da seien doch nur österreichische Theaterstücke drin. Der Mann am Schalter hob die Schultern und lächelte kein bisschen maliziös. Aber ich kam mir doch vor wie jemand, von dem man jetzt zu Recht annehmen durfte, er habe sich im Versandhandel irgendwelche Sauereien beschafft, die man insbesondere seiner Frau nicht aushändigen möchte. Ich habe es dann natürlich sofort ausgepackt. Es war der Bernhard! Und ich habe ihn allen in der Schlange gezeigt. Dasselbe passierte dann noch mit einer österreichischen Verfilmung des Lebens von Daniil Charms sowie mit dem Gesamtwerk von Helmut Qualtinger.

Devise: Misstrauen

Jedesmal wurde persönliches Erscheinen verlangt. Zu Hause haben wir schon Witze darüber gerissen und überlegt, was wir aus Österreich noch alles bestellen könnten. Und dann kam, ein journalistischer Reflex, der Gedanke auf, man müsste doch mal nachschauen, was man sich bei Amazon alles ohne irgendwelche Barrieren bestellen kann. Qualtinger, den Göttlichen, also nicht. Aber „Blutjunge Masseusen“ schon. Auch „Sex und noch nicht sechzehn“ (laut Amazon-Website „ein Report über aufgeklärte junge Mädchen, die anscheinend wissen, was sie wollen, und sich ihrem Verlangen schamlos hingeben“). Oder „Perverse Emmanuelle“ („gebraucht ab Euro 5,88“) oder „Fascination – Das Blutschloss der Frauen“ („arg beschnitten“, findet Kundenrezensent Gero) sind auf Lager und ohne Personalausweis abholbar.

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften übrigens auch „Das Frauenzuchthaus“ und mussten nicht persönlich erscheinen. Nur in der Kettensägenmassaker-Welt, die wir, schonungslos gegen uns selbst recherchierend, mitgeprüft haben, geht es strenger zu. Wer „WAZ – Welche Qualen erträgst du?“ haben möchte, muss genauso achtzehn sein wie die Freunde von „P2 – Schreie im Parkhaus“, von „Hügel der blutigen Augen“ ganz zu schweigen. Immerhin scheint also „Make love, not war“ eine Devise des Jugendschutzes. Und die andere lautet: Misstrauen. Denn so hat sich der Fall Bernhard aufgeklärt. Die österreichischen DVDs waren von der deutschen Prüfstelle für Jugendgefährdungen überhaupt nicht angeschaut worden. Und was wir nicht geprüft haben, das könnte ja pervers sein, perverser jedenfalls als Emmanuelle.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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