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Jugendarbeitslosigkeit in Spanien Ich bin bereit, bei null zu beginnen

 ·  In Spanien, wo die Krise mit jedem Tag drängender wird, ist die Jugendarbeitslosigkeit verheerend. Was machen die jungen Leute, die im eigenen Land kaum noch eine Chance haben? Cristina San Miguel Díaz sagt: umsatteln, weggehen. Eine Begegnung.

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© AFP Die spanische Jugend richtet sich derzeit im Provisorischen ein

Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und habe einen Traum. Ich will zum Fernsehen und Wetterfrau werden. Wenn nicht das, dann Meteorologin in den Medien. Wenn ich in manchen Zeitungen die Wetterkarte sehe, könnte ich davonlaufen. Entschuldigung, aber was man uns da zeigt, ist Müll. Das könnte man viel besser und genauer machen, und ich wäre gern der Mensch, der es besser und genauer macht.

Letztes Jahr habe ich mein Geographiestudium in Madrid mit ordentlicher Note abgeschlossen. Seitdem habe ich allein zum Thema „Wetterfrau“ vierzig Bewerbungen abgeschickt, an Fernsehen, Radiosender, Zeitungen, Onlinemedien. Außerdem habe ich ein Seminar für öffentliches Auftreten absolviert, das das Institut der staatlichen Fernsehanstalt RTVE anbietet, sowie Kurse in Stimmbildung und Rhetorik, alles, was irgendwie nützlich wäre. Schon bald hatte ich mich daran gewöhnt, auf meine Bewerbungen keinerlei Reaktion zu erhalten. Erstaunlich war eher, wenn eine kam. Bis heute waren es genau zwei. Zwei Absagen.

Hätte ich es kommen sehen können, mit meinem Uniabschluss auf der Straße zu stehen? Ich begann mein Studium gleich nach dem Ende der Schule, 2004. Das Jahr gehört in Spanien noch zur Boomzeit. Für die fünfundzwanzig Kilometer von meinem Wohnort Alcalá de Henares nach Madrid zur Universität Complutense brauchte ich mit Bus und Metro eine Stunde. Macht zwei Stunden am Tag. In Madrid ein Zimmer zu mieten hätte ich mir nicht leisten können. Aber die Complutense war es mir wert. Vor allem in den ersten Jahren. Später setzte eine gewisse Ernüchterung ein. Manche Professoren liegen einem, andere weniger. Und dann kommt auch noch das Leben dazwischen.

Vor vier Jahren starb mein Vater, ganz plötzlich. Er war erst fünfzig Jahre alt. Das war ein schwerer Schlag für uns. Meine ältere Schwester lebt inzwischen mit ihrem Freund zusammen, jetzt teile ich die Wohnung mit meiner Mutter. Natürlich macht sie sich Sorgen um mich. Meine Mutter ist fünfundfünfzig und putzt in der Universität von Alcalá, reinigt Hörsäle und Seminarräume. Sie muntert mich auf, wenn ich es brauche. Nach dem Tod meines Vaters ging es mir sehr schlecht. Ich habe eine Auszeit genommen und ein Jahr in einem Laden gearbeitet. Wir brauchten das Geld. Dann nahm ich das Studium wieder auf. Aber es zeichnete sich ab, dass uns eine schwierige Arbeitswelt erwartet.

Seitdem habe ich eine Menge unternommen, auch wenn es mich meinem Traumberuf nicht nähergebracht hat. Ich bin mit einem Erasmus-Stipendium nach Berlin gegangen und habe ein Jahr an der Humboldt-Universität studiert. Zunächst habe ich nicht leicht Kontakt geknüpft, die Deutschen sind verschlossener als wir. Aber mit der Zeit entstanden verlässliche Freundschaften. Ich würde sogar sagen, bessere als in Spanien. Meine Freunde aus Berlin habe ich noch heute.

Wer begreift den Immobilienwahn?

In der Endphase meines Studiums bin ich mit einem weiteren Stipendium drei Monate nach Buenos Aires gegangen. Mein Projekt beschäftigte sich mit nachhaltigem Tourismus im Viertel La Boca, dem Geburtsort des Tango. Die Fragestellung lautete: Wäre in La Boca, wo sich die Läden und Tangobars auf drei Straßen beschränken, ein anderer Tourismus möglich? Einer, der dem ganzen Viertel zugutekäme, das ziemlich verkommen ist? Ich könnte mir gut vorstellen, auch im Tourismus zu arbeiten, sofern er nachhaltig wäre. Oder in einer NGO. Selbst bei Tom-Tom, die brauchen für die Aktualisierung ihrer Landkarten doch Leute wie uns. Es sollte nur mit Geographie oder Tourismus zu tun haben. Wenn ich schon nicht Wetterfrau im Fernsehen werden kann.

Wenn ich mich frage, was wir uns beim Studienbeginn für Vorstellungen gemacht haben, würde ich sagen: Wir wollten vor allem die Ziellinie erreichen. Viel konkreter war das nicht. Damals steckte Spanien noch nicht in der Krise, aber ich sah sie wohl kommen. Ich habe zum Beispiel nie daran gedacht, einen Hypothekenkredit aufzunehmen und eine Wohnung zu kaufen, selbst dann nicht, als es so viele meiner Landsleute taten. Mich für die nächsten fünfzig Jahre verschulden? Nein, danke. Ich habe diesen spanischen Immobilienwahn mit seinen überzogenen Preisen nie begriffen. Es ist mir klar, dass ich damit atypisch bin. Ich bin überzeugte Mieterin. Ich überschaue die Kosten und gehe kein Risiko ein.

Letztes Jahr, als die „Empörten“ die Puerta del Sol besetzt und ihr Camp errichtet haben, das fand ich großartig. Es war ein Lebenszeichen der Jungen, ein Signal des Protests. Unsere Generation machte sich hörbar. Wir Spanier sind leider ziemlich konformistisch und nehmen, was man uns gibt. Wir sind keine Kämpfer, sondern nicken und senken den Kopf. Natürlich haben manche die Lage, in der wir jetzt stecken, vorhergesehen. Aber niemand hat auf die Mahner gehört. Vorsorge getroffen hat offenbar auch niemand. Jetzt stehen wir da. Meine Generation hat schlechte Karten.

Wenn ich mich mit meinen Madrider Studienfreunden treffe, sehe ich, dass es ihnen ähnlich geht wie mir. Von zehn Leuten haben zwei einen Job gefunden, der irgendwie mit unserem Studienfach zu tun hat, der Rest ist genauso auf der Suche wie ich. Und von diesen beiden kann man auch nicht gerade behaupten, dass sie das große Los gezogen hätten. Sie verdienen zwischen achthundert und tausend Euro im Monat.

Deutschland ist eine Option

Es ist nicht leicht, jeden Tag von vorn zu beginnen und sich zu sagen: Heute verbringst du wieder acht Stunden damit, im Internet den Stellenmarkt zu durchforsten, heute schickst du etwas ab, vielleicht kommt ja eine Antwort. Denn es kommt nichts. Das ist mir inzwischen klar. Es kommt nichts, weil man in Spanien ohne die richtigen Beziehungen keine Chance hat. Die letzten sieben Monate haben mich das gelehrt. Ich schicke meinen Lebenslauf auch an Firmen, die jemanden wie mich gar nicht suchen. Oder an welche, die mich unter anderen Umständen kaum interessiert hätten. Aber man probiert es, etwas anderes bleibt nicht.

Jetzt denke ich ernsthaft darüber nach, Spanien zu verlassen. Ich lerne gerade Portugiesisch, wer weiß, ob sich nicht eines Tages in Brasilien etwas ergibt? Die Fußball-Weltmeisterschaft dort 2014 steht vor der Tür. Außerdem will ich richtig Englisch lernen. Dafür würde ich als Au-pair nach Irland gehen, einfach nur, um ein Jahr lang mit der fremden Sprache zu leben. Ich habe schon die ersten Kontakte geknüpft. Die andere Option wäre Deutschland. Mein Deutsch ist immer noch besser als mein Englisch, und der Arbeitsmarkt dort dürfte größere Chancen bieten als Irland.

Inzwischen sage ich mir: Wenn ich schon einen Job finden muss, der mit meinem Studium nicht das Geringste zu tun hat, dann mache ich das lieber im Ausland, wo man auf Entbehrungen und Improvisieren eingestellt ist. Das gehört dazu. Wegzugehen heißt, innerlich und äußerlich bei null zu beginnen. Und dazu bin ich bereit.

Aufgezeichnet von Paul Ingendaay.

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