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Film „Jugend ohne Gott“ : Gnadenloses Assessment-Center im Wald

Wer hier der Sieger ist, scheint ausgemacht: Jannik Schühmann als skrupelloser Titus (links) und Jannis Niewöhner als sensibler Zach. Bild: Constantin Film

Das kommt raus, wenn Elitemenschen um begehrte Uni-Plätze kämpfen: Alain Gsponers Film „Jugend ohne Gott“ verlegt Ödön von Horváths Roman in eine ferne kalte Zukunft.

          „Aber das Wichtigste: Habt Spaß dabei“, sagt die sachliche blonde Psychologin, der Anna Maria Mühe ihr ebenmäßiges Gesicht leiht, und sie weiß, dass das eine Lüge ist. Denn natürlich werden die Jugendlichen der Abschlussklasse einer Eliteschule in diesem Waldcamp nur sehr eingeschränkt Spaß haben. Viel wichtiger ist es, mit allen Mitteln zu verhindern, dass jemand anderes einen der begehrten Plätze an der privaten Rowald-Universität bekommt.

          Niemand will an einer öffentlichen Schule enden wie ihr übergewichtiger Mitschüler Wadim, der zwar geistig brillant ist, aber beim Dauerlauf als Letzter ins Ziel keucht und deshalb als untauglich für die schöne neue Welt glücklicher Elitemenschen erachtet wird. Sie werden es aussehen lassen wie gute Teamarbeit, weil es dafür Punkte gibt, und sie werden nach dem Staffellauf nicht kotzen, weil einem dafür Punkte abgezogen werden. Es wird ein Hauen und Stechen werden, sie werden jeden Morgen vor den aktuellen Ranglisten stehen, sie werden mit allen Tricks arbeiten. Und natürlich tun sie so, als hätten sie Spaß, denn das ist die Lüge, auf die sich alle einigen.

          „Jugend ohne Gott“ heißt die Film, und er hat seine gleichnamige Romanvorlage von Ödön von Horváth, der 1937 erschien, ziemlich frei interpretiert. Das noch nicht ganz angeschlossene, aber schon reichlich faschistoide Österreich, das sich auf den Krieg vorbereitet und deshalb seine jungen Menschen drillt und zu seelenlosen Erfüllungsgehilfen einer Staatsideologie formt, verlegt Regisseur Alain Gsponer schlauerweise in eine ebenso unfreie Zukunft.

          Die Angst vor dem Abstieg treibt an

          Und das ist eine Dystopie, in der alle nur eins wollen: Drin bleiben, oben bleiben. Einen Weg zurück aus den äußeren, schmuddeligen Stadtsektoren, wo die Billiglöhner in Verschlägen hausen, wie man sie etwa von Arbeitern in Hongkong aus echtweltlichen Zusammenhängen kennt, gibt es kaum. Drin und oben lebt es sich sauber und komfortabel, die Busse karren einem günstige, willige Putzkräfte aus unguten Gegenden heran, doch die Angst vor dem Abstieg ist stets präsent. Ständig werden welche nach unten durchgereicht, die aus irgendeinem Grund nicht genügen, solche wie Wadim eben. Schicksale wie das seine stehen jedem vor Augen, deshalb ist es besser, mitzumachen und mitzumarschieren. Deshalb setzt man sich freiwillig einem Assessment-Center aus, das in der Romanvorlage noch ein paramilitärisches Jugendcamp war. Das eine formt Soldaten, das andere formt Arbeitsdrohnen für das gehobene Management.

          Kinotrailer : „Jugend ohne Gott“

          Und immer gibt es solche, die nicht mitmachen. Es gibt die Outlaws, bei Horváth war das eine Kinderräuberbande, die Bauernhöfe überfällt und Brot stiehlt, weil sie nicht in Heimarbeit Puppengesichter malen will wie die anderen im Dorf. Im Film ist das ein Grüppchen Ausgestoßener, das in keinem der sozialen Sektoren registriert ist, keiner Niedriglohnschufterei nachgehen will und sich außerhalb der Gesellschaft mit Diebstählen ernährt. Ihre Anführerin ist Ewa (Emilia Schüle), ein hübsches, wildes Wesen, eine „Illegale“. Und so ein Elitejunge braucht nur einen leichten Knacks zu haben, dass er unter dem Druck des Camps zerbricht und sich gegen alle Regeln lieber den Gesetzlosen anschließt, um endlich aus dem ewigen Wettbewerb auszuscheren, um keine Angst mehr haben zu müssen. Wer beim Bodensatz angekommen ist, der weiß wenigstens, dass er nicht tiefer fallen kann.

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