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Jugend-Feuilleton in der F.A.Z. : Wie finde ich mein Lieblingsbuch?

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Die Schriftstellerin Judith Hermann hat sich für eine Nacht mit Clara von Rauch in einer Berliner Buchhandlung einschließen lassen. Ist das, was die Autorin gelesen hat, als sie siebzehn war, so anders als die Bücher, die Clara heute liest? Das Feuilleton der heutigen F.A.Z. ist ganz Jugendthemen gewidmet.

          Es ist kurz nach zwölf Uhr nachts und absolut still im Kulturkaufhaus Dussmann an der Berliner Friedrichstraße. Ein Sicherheitsmann sitzt verborgen in seiner Beobachtungskabine hinter der Bildschirmwand. Sonst niemand. „Das ist jetzt ein bisschen wie in ,Nachts im Museum‘, oder?“, fragt Clara von Rauch, die mit Judith Hermann zusammen hier die nächsten Stunden verbringen wird. Die 17-jährige Schülerin und die 39-jährige Schriftstellerin werden, jetzt, wo der letzte Kunde gegangen ist, im Nachtexperiment über Bücher reden, entlang an den Regalen, immer über das, was ihnen gerade ins Auge fällt, um dabei vielleicht ihr Lieblingsbuch zu finden. Sie könnten, was ihr Temperament angeht, unterschiedlicher wahrscheinlich nicht sein: Clara energisch, offensiv, direkt, mit ihrem tief ausgeschnittenen Kleid, einem dicken Schal und braunen Stiefeln. Judith Hermann mit freundlich-ruhiger Strahlkraft und zurückhaltender Neugierde in brauner Winterjacke und Jeans. Ist das, was die Autorin gelesen hat, als sie siebzehn war, aber wirklich so anders als die Bücher, die Clara heute liest?

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Knall in der Stille. „Was war das?“ Drüben bei den Bestsellern hat sich ein Buch ganz oben aus dem Regal gelöst und liegt jetzt aufgeschlagen auf dem Teppich. „Da ist ja gespenstisch“, sagt Judith Hermann. „Komm, wir gucken, welches Buch das ist.“ Sie hebt Stig Larssons „Vergebung“ auf und liest die eingeknickte Seite 637 vor, vielleicht ist es ein Zeichen. Doch stehen da eher belanglose Sätze über den Larsson-Ermittler Mikael Blomkvist.

          „Faserland“ als Favorit

          „Hier, diese ,Bis(s)‘-Romane“, Clara zeigt auf die Bücher von Stephenie Meyer, die gleich danebenstehen, „die finde ich furchtbar.“ Das seien moderne Mädchenmärchen mit High-School-Romantik. „Die Heldin ist Mormonin, die dürfen da keinen Alkohol trinken, sich nicht küssen und auch keinen Sex haben. Ich meine, ich bin siebzehn! Das ist mir einfach zu irreal.“ Was sie denn am liebsten lese, fragt Judith Hermann. „,Faserland‘ von Christian Kracht“, sagt Clara. „Das liebe ich! Das ist my favorite book of all time.“ Erst denke man, dass es total platt sei, dann merke man, dass es ganz viele Verknüpfungen gibt. Sie habe nicht alles von Christian Kracht gelesen, aber „1979“ habe ihr auch gefallen, sagt Judith Hermann. Von irgendwoher kommt leise Musik. „Hörst du das auch? Vielleicht der Sicherheitsmann, der in seiner Kabine die Stille nicht aushält.“

          Als sie siebzehn war, erzählt die Schriftstellerin, habe ihr Deutschlehrer ihr den Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ geschenkt, den Debütroman der Amerikanerin Carson McCullers, die 23 war, als sie ihn schrieb. Das sei das Buch gewesen, mit dem sie sich aus der Schullektüre hinausbewegt und sich einen eigenen Weg gebahnt habe. Sich lesend vortasten, in die verschiedensten Richtungen, ohne genau zu wissen, was man sucht, das ist die Art des Erwachsenwerdens, für die man sonst niemanden braucht. Nur Bücher.

          Viel in der Familie gelesen

          Die beiden gehen in die Abteilung mit den Taschenbüchern. „Hast du Salinger gelesen, Clara?“ - „Ja, aber ich erinnere mich nicht gut. Was man bei uns in der elften Klasse liest, ist freigestellt. Die Schüler dürfen dem Lehrer was vorschlagen.“ - „Wirklich? Und was wird da dann vorgeschlagen?“ - „Ganz unterschiedlich. Natürlich die ,Bis(s)‘-Romane oder Bücher wie ,Gossip Girl‘, ,In 80 Tagen um die Welt‘, das habe ich aber schon gelesen als ich acht war, und Thomas Mann. Aber Thomas Mann müssen wir nächstes Jahr sowieso lesen.“ - „Und was hast du vorgeschlagen?“ - „,Faserland‘ natürlich, und es wurde auch genommen, da bin ich wirklich stolz drauf. Die Jungs fanden es natürlich gut, weil darin Sex vorkam.“

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