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Jürgen Trittin Der Consultinator

 ·  Jürgen Trittin berät Führungskräfte: Der ehemalige Bürgerschreck und milde lächelnde Systemfeind hält inzwischen auf Wirtschaftstreffen die Hauptreferate.

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© dapd Einst galt er als linker Provokateur. Heute zeigt Jürgen Trittin Führungskräften, was eine finanzpolitische Harke ist

Neueste Nachrichten aus der Postdemokratie, in der sich Politik und Wirtschaft auf verwunschenen Wegen treffen: Als Jürgen Trittin noch nicht eingetroffen ist im Goethe-Saal des Berliner Harnack-Hauses, da witzelt Markus Kerber, der Hauptgeschäftsführer des Bundes der deutschen Industrie, man müsse die Kaffeepause heute wohl besser zur grünen Teepause machen. Aber das Gelächter bleibt aus, nur hier und da ein pflichtschuldiges Feixen, Fehleinschätzung der Stimmung.

Trittin, der ehemalige Bürgerschreck, hält inzwischen auf Wirtschaftstreffen die Hauptreferate, wie diesmal bei den 54. Tönissteiner Jahresgesprächen in Dahlem. Da gibt es nichts zu lachen. Der linke Provokateur, der einst dem Unionsmann Laurenz Meyer auf die Glatze spuckte, zeigt den Führungskräften, was eine finanzpolitische Harke ist. Denn dazu ist er von den Tönissteinern - Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik - heute eingeladen: um denen, die ehemals führten, künftig führen werden oder aktuell ein Führungsamt bekleiden, die Augen für die Ursachen der Euro-Krise zu öffnen. Aus anderer Sicht gewissermaßen oder, wie der Sprecher des Tönissteiner Kreises, welcher mit dem gleichnamigen Mineralwasser nichts zu tun hat, zur Besänftigung eines Unverständnissses der Altvordern sagt: Trittin als Hauptredner sei auch ein starkes Zeichen für die parteipolitische Unabhängigkeit der Runde.

Metaphern als Leitmedium der Krisendiagnose

Der grüne Fraktionschef mag es umgekehrt als Mineralwasser-Taufe auf dem Weg zur Spitzenkandidatur 2013 empfinden, wenn er von den Tönissteinern als wirtschaftspolitische Autorität angerufen wird. Auch hier hat man also verstanden: Trittin ist der kommende Mann. Der Parteivorsitzende Cem Özdemir mag bisher noch die besseren Drähte in die Unternehmerwelt haben, die Tönissteiner laden jedoch nicht ihn, sondern Trittin ein. Als er im dunklen, samtig schimmernden Anzug und noch vom Gomera-Urlaub gebräunt das Podium betritt, hat er erst eine Weile mit den Papieren seines Redetextes zu kämpfen, die dysfunktional nach geraden und ungeraden Seitenzahlen getrennt vorliegen und noch in die zum Reden benötigte Ordnung gebracht werden müssen. Mag aber auch sein, dass die vorgebliche Panne eine Inszenierung ist, denn in dieser langen Minute, in der ein um Nachsicht bittender, scheinbar hilfloser Trittin seine Papiere zu bändigen sucht, ist das Restimage des überheblichen Abmeierers, der mit verschränkten Armen und überlegener Rhetorik die Leute vor den Kopf stößt, verflogen.

Nur Jürgen Großmann, der vom Atomausstieg gebeutelte RWE-Chef, will sich vom milden Lächeln des Systemfeinds nicht täuschen lassen und nennt Trittin unerschrocken einen Wolf im Schafspelz, freilich erst, als dieser nach seiner Rede das Harnack-Haus schon wieder verlassen hat. Dort war er fürwahr zur Hochform aufgelaufen, wobei er sich lediglich konsequent den Umstand zunutze machte, dass die ökonomische Theorie mehr einer Literaturtheorie ähnelt als jener naturwissenschaftlichen Kausalitätskette, als die sie sich ausgibt. Was nichts anderes bedeutet, als dass Trittin die Metapher als Leitmedium der wirtschaftswissenschaftlichen Krisendiagnose fruchtbar macht in der klaren Einsicht, dass es nicht darum geht, eins und eins zusammenzuzählen, sondern die Ziffer Zwei, die herauskommt, in Sprachbilder umzusetzen und damit der Interpretation zu öffnen. So hat man, als Trittin spricht, Merkels Aussitzen bildlich vor Augen, das Riff, auf welches die Kanzlerin das Schiff Europa steuere, die Delle, für die sie die Konjunkturkrise fälschlich halte, das Pokerspiel, dessen Grenzen sie nicht sehen wolle. Keine Frage, hier spricht ein im künftigen Koalitionspoker möglicher Kanzlerkandidat zur Kanzlerin, in eigenem Namen, ohne wie Peer Steinbrück einen Übervater zu brauchen, der ihn auf die Bühne wuchtet.

Halbseidene Durchlässigkeiten als Glamour-Sünden

Trittin ist weder Anekdotenerzähler noch benötigt er einen Sparringspartner. Seine Gestik arbeitet autonom. Wie ein Fluglotse teilt er mit den Händen das europäische Krisengeschehen in Zentrum und Peripherie, gliedert Abläufe und gibt den Überblick vor. Ihm gelingt das Kunststück, gleichzeitig auf die Ratingagenturen einzudreschen und sie doch zu loben, wo sie im Widerspruch zur Kanzlerin Ramsch als Ramsch bezeichnet haben. Die politische Ökonomie ist ein dehnbares Geschäft, und das ebenfalls mit Erfahrungswerten jonglierende Publikum versteht, dass hier keine argumentativ hergeleiteten Sicherheiten zu haben sind. Jedenfalls kommt Trittin weitgehend ungeschoren auch aus der anschließenden Diskussion heraus. Wie Rat Krespel, einer der allerwunderlichsten Gestalten in E.T.A. Hoffmanns Erzählungen, bricht selbst bei dem performativ gezähmten Trittin immer wieder unvermittelt das Groteske aus. Lachsalven duchzucken ihn auf offenem Podium, wenn der Gesprächsleiterin ein Moderationsfehler nach dem anderen unterläuft, weil sie das redewütige Publikum nicht zu Wort kommen lässt und stattdessen lieber selbst kontrapunktieren will.

In solchen Momenten sieht man die verschiedenen Gesichter Trittins rasch hintereinander aufblitzen. Nicht irrlichternd, sondern als mimische Ablagerungen eines widerborstigen Werdegangs, konträr zu den Possen eines Spaßpolitikers. Im Übrigen zeigt sich auch am Beispiel Trittin, dass eine wilde, nicht systemkonforme Vergangenheit für das politische Establishment heute kein Makel mehr ist. Vielmehr ein Versprechen auf Substanz in postdemokratischer Zeit, in der halbseidene Durchlässigkeiten zwischen Wirtschaft und Politik als Glamour-Sünden geahndet werden.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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