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Jüdisches Museum Frankfurt : Was wir von Fritz Bauer lernen können

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Um dies effektiver tun zu können, verstand und gab er sich ganz als deutscher Patriot und gewissenhafter Staatsanwalt, machte sich aber nicht mit den Verbänden der Opfer gemein, die sich wiederum enttäuscht zeigten. Er hatte eine wichtige Rolle in der Sozialdemokratie gespielt, förderte früher Willy Brandt, als den noch keiner kannte – aber er hat nie für die Partei kandidiert oder ein höheres Amt übernommen als jenes des hessischen Generalstaatsanwalts, so dass die SPD mit dem Gedenken an Fritz Bauer leider wirklich schüchtern verfahren ist.

Kein Instrument der Vergeltung

In einer Zeit, in der die Menschen mit Stolz auf ihre Herkunft, Religion und sexuelle Orientierung verweisen und zu Recht angemessenen Respekt erwarten, ist der Umgang Fritz Bauers mit diesen Themen anachronistisch, manche geheimnissen auch allerlei hinein. Dabei entsprach der kühle Habitus ganz der Kultur des Bürgertums, dem Bauer entstammte. Am Judentum schätzte er „die Entwicklung von den Propheten über Marx zum DGB“, schrieb er einmal in einem Brief.

Aus seiner Homosexualität machte er kein öffentliches Thema. Er wurde einmal im dänischen Exil von der Polizei drangsaliert, die ihn verdächtigte, mit männlichen Prostituierten zu verkehren. Dabei hatte Dänemark noch eine vergleichsweise liberale Gesetzgebung, wenn auch eine übereifrige und schwulenfeindliche Polizei. Man erkennt gerade genug aus diesen in der Ausstellung präsentierten Akten, um nachzuvollziehen, welche Gefahr das Schwulsein damals barg und dass die Trennung zwischen privat und öffentlich schlicht eine lebensnotwendige Maßnahme war.

Fritz Bauer in seinem Dienstzimmer 1966

Solche Erlebnisse, auch jenes der eigenen Inhaftierung durch die Nazis gleich im März 1933, mochten in die anderen beiden Tätigkeitsschwerpunkte Bauers eingeflossen sein, die ihm neben der Verfolgung der NS-Verbrecher wichtig waren: die Reform des Sexualstrafrechts und die Humanisierung des Strafvollzugs. In einer der seltenen Anekdoten aus der Zeit seiner Gefangenschaft berichtete er von der großen Wirkung kleinster menschlicher Gesten in der Haft, etwa als ein Aufseher ihm einmal mitleidig die Hand auf die Schulter gelegt hatte.

Dass der Staat sich gerade denen gegenüber, denen er die Freiheit genommen hat, human zeigen muss, war eine von Fritz Bauers fundamentalen Überzeugungen, die uns in Zeiten von Guantánamo und den Black Sites noch einiges zu sagen hat. Dass Strafrecht nicht als Instrument der Vergeltung oder gar der Prävention möglicher Terroraktionen zu handhaben, sondern als eines von diversen Mitteln zur ästhetischen und moralischen Vervollkommnung der Menschen zu gebrauchen, das ist auch heute noch ein aktuelles Programm.

Er versuchte die Deutschen zu zivilisieren

Viel ist von Fritz Bauer nicht übrig geblieben. Die meisten dreidimensionalen Exponate stammen aus dem Dienstzimmer: eine moderne Vase, ein riesiger Aschenbecher und ein Album mit den Tapetenproben. Auch die Totenmaske ist zu sehen. Raphael Gross schaut sie sich zärtlich und beinahe amüsiert an: „Ich finde, er sieht da ganz friedlich aus.“ Lange wurde der Tod Fritz Bauers in seiner Frankfurter Wohnung am 1.Juli 1968 mystifiziert, von Selbstmord oder gar Fremdeinwirkung war die Rede. Ein Nachbar erzählte der Polizei beflissen von „dunklen Elementen“, die in dieser Wohnung ein und aus gegangen seien.

Das war nicht untypisch, bis heute verleitet die Person des ehemaligen hessischen Generalstaatsanwalts zu erstaunlichen, auch erstaunlich heftigen Reaktionen. Im Katalog zur Ausstellung werden die Todesumstände Fritz Bauers von Dieter Schenk ausführlich und überzeugend erörtert, es war schlicht der Tod eines Mannes in den besten Jahren, der sich an der Aufgabe, die Deutschen seiner Zeit zu zivilisieren, überarbeitet hatte.

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