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Veröffentlicht: 04.05.2012, 18:18 Uhr

Jüdische Mädchenschule Sie leuchtet in die Zukunft

Kunsthandel statt Kunstunterricht: Aus der ehemaligen jüdischen Mädchenschule in Berlin-Mitte ist ein Galeriehaus, ein Lokal und ein Raum der Gemeinde geworden - zum Glück.

von Frank Peter Jäger
© Jens Gyarmaty Die alte und die neue Sachlichkeit: Ein mit Majoliken beschmückter Pfeiler

Mit ihrer klinkerverblendeten Fassade und den horizontalen Fensterbändern ist die 1928 von Gemeindebaumeister Alexander Beer errichtete Jüdische Mädchenschule in Berlin-Mitte ein schönes Beispiel der Neuen Sachlichkeit. An seiner Nordseite wirkt das Gebäude turmartig. Hier befanden sich hinter großen Fensterflächen die Turnhalle und die Aula der Schule. Das Dach besitzt eine 150 Quadratmeter große Terrasse, die im Sommer für Leibesübungen und Freiluftunterricht genutzt wurde. Bei der Einweihung zum Schuljahresbeginn 1930 ahnte niemand, dass die neue Mädchenschule nur zwölf Jahre ihrer Bestimmung dienen würde: Auf die Schließung 1942 folgten diverse Zwischennutzungen; von 1950 bis 1996 diente der Bau wieder als Schule, danach stand er leer und verfiel zusehends.

Jetzt richteten Grüntuch Ernst Architekten das Gebäude im Auftrag des Galeristen Michael Fuchs als Galerienhaus her, womit es sich in die Kunstmeile der Auguststraße einreiht. Fuchs nutzt gemeinsam mit den Galerien Camera Work sowie Eigen+Art Klassenräume und Aula als Ausstellungsfläche. Im obersten Geschoss entstanden Gästeapartments und eine Wohnung für den Galeristen.

Eindrucksvolle Räume

Die Sanierung war für die Architekten, bis dahin unerfahren im Umgang mit Denkmälern, eine doppelte Herausforderung: Einerseits sollte das Haus seiner neuen Nutzung angepasst werden, andererseits galt es, entstellende Einbauten zu beseitigen und die Luftigkeit und den Reformgeist von 1928 wieder herauszuarbeiten. Durchgreifende Umbauten schieden schon deshalb aus, weil die Jüdische Gemeinde das Gebäude nicht verkauft, sondern für vorerst dreißig Jahre an den Investor vermietet hat.

Bauprojekt Mädchenschule - Der Gebäudekomplex der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in Berlin wird zu einem neuen Restaurant- und Ausstellungshaus umgebaut. Ein Stück Ursprung: Die Fliesen im Treppenhaus wurden in ihrem Zustand belassen © Jens Gyarmaty Bilderstrecke 

Grüntuch Ernst Architekten beschränkten sich folgerichtig auf Reparieren und Freilegen. Letzteres erforderten vor allem die Korridore und das Haupttreppenhaus. Um zusätzliche Räume zu gewinnen, hatte man dort in den fünfziger Jahren Zwischenwände und Verkleidungen angebracht.

Nun zählen die Gänge samt der Aula im dritten Obergeschoss wieder zu den eindrucksvollsten Räumen des erneuerten Gebäudes. Die Architekten restaurierten die mit kleinteiligen Terrakottaklinkern verkleideten Stützen und andere noch vorhandene originale Ausstattungen; als einzige sichtbar neue Elemente fügten sie zwischen den Pfeilern weitflächige Glaswände ein. Sie gewährleisten den verschiedenen Galerien Abgeschlossenheit und haben im Einzelfall Brandschutzfunktion (F30). Damit war die Grundbedingung, das Treppenhaus wieder öffnen zu dürfen, erfüllt.

In ermutigender Nähe zueinander

Die Klinkerfassaden und die teils aus Stahl, teils aus Holz gearbeiteten Fenster der Fassade wurden bestandsorientiert saniert. In den baulich unveränderten Klassentrakten erinnert die von einer Blechverkleidung beschirmte Tafelbeleuchtung an den früheren Zweck der Räume. Die umfassende neue technische Aufrüstung bleibt dagegen unsichtbar.

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In der früheren Turnhalle zog mit dem Restaurant „Pauly“ die Dependance eines Berliner Prominentenlokals ein. Im rückwärtigen Flügel residiert der „Kosher Classroom“, ein öffentlicher Fest- und Speisesaal für die Jüdische Gemeinde. Die Selbstverständlichkeit, mit der Berliner Kunstszene und jüdisches Gemeindeleben Tür an Tür leben, macht Mut. Achtzig Jahre nach seiner Errichtung ist das Bauwerk in der Normalität eines urbanen Kulturtreffpunkts angekommen, ohne Überwachungskameras und Sicherheitsschleuse. Wenn sich bei Vernissagen Besuchermassen durchs Haus drängen, erhellen die anmutig gesprossten Fenster wie eine überdimensionale Laterne die Umgebung - der Bauhaus-Geist strahlt wieder.

Glosse

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