http://www.faz.net/-gqz-98o96

Islam-Debatte : Jüdisch, ehrenhalber?

Zwei Rabbiner segnen im Dezember vergangenen Jahres den Chanukka-Leuchter vor dem Brandenburger Tor. Bild: dpa

Es sind vor allem Politiker der christlichen Parteien, die eine „jüdisch-christliche Tradition“ beschwören. Kann es sein, dass sie damit nicht nur die Muslime ausschließen, sondern auch die Juden beleidigen?

          Wenn ein Mensch zum anderen sagt: Du gehörst zu mir – dann ist das noch keine Liebeserklärung, aber viel fehlt nicht mehr dazu. Der Satz beschreibt mehr einen Wunsch als eine Wirklichkeit; er bekundet eine Absicht, wagt verbal den ersten Schritt. Was dann folgen könnte, wäre ein Arm um die Hüfte oder ein erster, noch sehr scheuer Kuss.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Christian Wulff ist nicht Deutschland und das Judentum keine Person, die man küssen könnte; aber als der Bundespräsident Wulff, am 3. Oktober 2010, sagte, dass „das Judentum zweifelsfrei zu Deutschland“ gehöre, war trotzdem eine gewisse Zärtlichkeit zu spüren. Der Satz begründete weniger einen Besitzanspruch; eher war er zu verstehen als Einladung und Bitte, sich, trotz allem, zugehörig zu fühlen zu diesem Land. Und das apodiktische „zweifelsfrei“ bedeutete nur, dass er, Wulff, im Namen Deutschlands diese Zugehörigkeit verteidigen würde gegen alle, die sie den Juden wegnehmen oder abstreiten wollten.

          Was bedeutete aber, in derselben Rede, die Formulierung von der „jüdisch-christlichen Geschichte“? Was meinte Horst Seehofer, als er sagte, Deutschland sei „kulturell und geschichtlich christlich-jüdisch geprägt“? Wovon sprach Alexander Dobrindt, als er versprach, die CSU wolle „die christlich-jüdische Prägung unseres Landes auch in Zukunft erhalten“? Was schließlich wollte die Kanzlerin uns mitteilen, als sie in ihrer Regierungserklärung sagte, es stehe „völlig außer Frage, dass die historische Prägung unseres Landes christlich und jüdisch“ sei?

          Aufenthalt und Durchreise verboten

          Meinten sie jene fast tausendjährige Tradition, die damit begann, dass die Christen, nachdem Papst Urban 1096 zum Ersten Kreuzzug aufgerufen hatte, den Krieg auch im eigenen Land anzettelten, indem sie, vor allem in den Städten am Rhein und Donau, deren jüdische Bewohner ermordeten und vertrieben und ganze jüdische Gemeinden auslöschten?

          Meinten sie die Rede von den Gottesmördern, den Brunnenvergiftern, die sich alle Juden, welche die ersten Pogrome überlebt hatten, von ihren christlichen Nachbarn anhören mussten, was für die Juden immer lebensgefährlich wurde, wenn es den Christen schlecht ging und Schuldige gefunden werden mussten – und noch viel schlimmer wurde es, als in den späten Vierzigern des 14. Jahrhunderts die Pest ausbrach. In dem hübschen kleinen Städtchen Weilheim, wo Alexander Dobrindt seinen Wahlkreis hat, gab es, wie die Chroniken berichten, im frühen Mittelalter eine jüdische Gemeinde. Nach dem Pestjahr 1349 lebte dort kein einziger Jude mehr. Und es dauerte fünfhundert Jahre, bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass Juden sich wieder in diese Ecke von Oberbayern trauten.

          Meinten die Politiker die Reformation, die zwar dem ermatteten und von der Korruption völlig ausgelaugten Christentum wieder neues Leben einhauchte, was aber auch auf Kosten der Juden geschah, denen das Leben im reformierten Deutschland schwer oder gleich unmöglich gemacht wurde? Im Kurfürstentum Sachsen war den Juden seit 1536 der Aufenthalt, die Durchreise und erst recht jede Erwerbstätigkeit verboten.

          Viel ärmer, dunkler, provinzieller

          Oder meinten sie jene zivilisierteren Zeiten, in denen Juden kaum noch um ihr Leben fürchten mussten, sich aber, wenn sie zu laut und selbstbewusst wurden, die Rede von der „Verjudung“ der Kultur und der Gesellschaft anhören durften und nur gelegentlich, wenn mal wieder ein Gesetz ihnen den Staatsdienst oder den Lehrberuf verweigerte, daran erinnert wurden, dass sie, bis ins späte 19. Jahrhundert, nur Bürger zweiter Klasse waren?

          Und das, was vorwiegend christliche Deutsche den Juden angetan haben in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, ist mit der „christlich-jüdischen Tradition“ bestimmt auch nicht gemeint – ganz im Gegenteil: Wer sich das deutsche Leben vor dem Mord an Millionen Juden zu vergegenwärtigen versucht, wird ja immer wieder daran erinnert, dass die deutsche Kultur ohne Juden viel ärmer, dunkler, provinzieller wäre.

          Dachten Wulf, Dobrindt und die anderen also an Karl Marx und Heinrich Heine, an Walther Rathenau, Theodor W. Adorno, an Else Lasker-Schüler und Felix Mendelssohn-Bartholdy, an (weil es der deutschen Kultur in den Grenzen des Bismarckreichs immer zu eng war) Sigmund Freud, Franz Kafka, Karl Kraus, Fritz Lang?

          Kann sein, wäre verständlich – man muss sich aber immer vor Augen führen, was diese Menschen wohl dazu gesagt hätten, wenn man sie eingereiht hätte in eine jüdisch-christliche Tradition: Karl Marx, zum Beispiel, für den die Religion insgesamt widerlegt war und der über Martin Luther spottete, der habe „die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat“. Oder Sigmund Freud, der die Religion ernst nahm, als Gegenstand der Kritik, als Ausdruck der seelischen Not derer, die sich einen Gott erschaffen mussten. Nein, als Verkörperungen des „jüdisch-christlichen Abendlands“ taugen die wenigsten.

          Am Berg Sinai hat alles angefangen

          Und zugleich kann man bei Marx, bei Heine, bei Mendelssohn-Bartholdy sehen, was jüdisch-christlich bedeuten könnte. Sie waren als Juden geboren, christlich getauft – und man kann hier ganz gut den Unterschied studieren. Der Christ, der aus seiner Kirche austritt und sein Glaubensbekenntnis widerruft, hört auf, ein Christ zu sein. Der Jude, der getauft ist, ist ein getaufter Jude.

          Das hat, zum einen, mit dem rassistischen Blick der Nichtjuden zu tun: dem Antisemiten Wagner war es egal, ob Felix Mendelssohn-Bartholdy ein gläubiger Protestant war. Und es hat damit zu tun, dass Jude zu sein immer die Erinnerung an Jahrhunderte der Unterdrückung, Verfolgung, Ausgrenzung bedeutete – weshalb es niemals allein das Bekenntnis zu einer Religion sein konnte, was einen Juden zum Juden machte: Man kann der Judenheit nicht so einfach beitreten wie der katholischen Kirche. Beides sind gute Gründe dafür, dass die Deutschen es unterlassen sollten, schon aus Respekt und Höflichkeit, ihr Land zum quasi jüdischen Staat ehrenhalber zu erklären.

          Wiederaufbau geplant: Die Synagoge am Fraenkelufer in Berlin Kreuzberg soll bald wieder aussehen wie vor 1938.

          Womöglich kommt die Rede von der „jüdisch-christlichen“ Tradition aber auch daher, dass irgendjemand unseren christlich-demokratischen und -sozialen Politikern vom Historiker und Sozialdemokraten Heinrich August Winkler erzählt hat, von Winklers monumentaler „Geschichte des Westens“, welche die Freiheitsgeschichte der westlichen Welt tatsächlich jüdisch-christlich beginnen lässt: Mit dem Vertrag, den Gott mit seinem Volk am Berg Sinai schloss, habe alles angefangen, mit Jesus’ Satz „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!“ sei es weitergegangen; so begründet Winkler jene Traditionslinie, die dann zur Trennung von Kirche und Staat, zur Gewaltenteilung, der Säkularisierung, den unveräußerlichen Menschenrechten geführt habe. Diese Geschichte kann man sicher so erzählen (auch wenn Winkler die heidnische Antike und die Fortschreibung und Weitergabe des antiken Wissens durch die Araber weitgehend ausblendet); aber man muss sie als eine Geschichte der Kämpfe und Konflikte erzählen, in welchen die Religion und ihre Repräsentanten meistens auf der Gegenseite standen. Kein Papst hat die Trennung von Kirche und Staat verfügt. Kein König in seinem Gottesgnadentum hat die Erklärung der Menschenrechte erlassen – und selbst die Begründung dieser Rechte aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen heraus, darauf hat neulich der Theologe Friedrich Wilhelm Graf hingewiesen, war nachgereicht; sie kam erst auf, als diese Rechte, gegen die Kirchen, längst erkämpft waren.

          Eine Anmaßung gegenüber den Atheisten

          Insofern schließt die Rede von der „jüdisch-christlichen Prägung“ nicht nur den Islam aus – was ja der eigentliche Zweck dieser Behauptung ist. Auch Aufklärung und Atheismus, auch die, gerade in der deutschen Literaturgeschichte, so wichtige Sehnsucht nach jenem heitereren Himmel, in welchem die menschlicheren Götter der Griechen wohnen, werden von dieser Rede, wenn nicht ausgeschlossen, dann doch zu den Apokryphen einer Tradition, deren Kanon angeblich jüdisch-christlich ist (man möchte die Namen all derer, die diese Rede zu Fremden macht in der deutschen Kultur, gar nicht aufzählen müssen).

          Das Perfide an der Rede ist der Bindestrich – der Offenheit, ja Universalität behauptet. Wenn Politiker einer Partei, die sich christlich nennt, vom christlichen Abendland sprächen, von christlichen Werten, ja von einem christlichen Wahrheitsanspruch, der sich Kompromisse nicht leisten kann: Dann wäre das nicht nur ihr gutes Recht. Es wäre womöglich auch Anlass für fruchtbaren Streit, produktive Auseinandersetzung, intelligenten Widerspruch. Eine christliche Partei, die ihren Glauben und ihre Überzeugungen auch gegen die Mehrheit der Indifferenten verträte, würde dem deutschen Streit jedenfalls ganz gut tun.

          Die Formulierung „jüdisch-christlich“ dagegen ist doppelt falsch: weil sie zugleich die Flucht vor der Glaubensverbindlichkeit ins allgemein Menschliche und Abendländische ist. Und weil sie eine Anmaßung ist gegenüber allen Atheisten, Muslimen, Agnostikern. Und vor allem gegenüber den Juden.

          Der Gott der Juden, so haben wir im Alten Testament gelernt, kann sehr zornig werden. Man muss hoffen (oder beten), dass er Dobrindt und Seehofer keine Heuschrecken schickt.

          Weitere Themen

          Entzieht der Kirche das Geld!

          Missbrauchsskandal : Entzieht der Kirche das Geld!

          Die Immunisierung der Amtskirche beruht auf der Sicherheit ihrer Repräsentanten, die Finanzierung sei nachhaltig gesichert. Dreht man ihnen den Geldhahn zu, würde dies eine positive Erschütterung auslösen.

          Topmeldungen

          Zuversicht verströmen: Angela Merkel und Mike Mohring in Thüringen

          Endspurt Landtagswahl : Wenn den Volksparteien das Volk abhanden kommt

          Angela Merkel rät, nicht länger beleidigt zu sein, und Andrea Nahles will die Ärmel hochkrempeln – die Nerven liegen blank bei den Noch-Volksparteien. Denn es geht in den Endspurt vor die hessische Landtagswahl.
          Wahlkampf der Demokraten

          Wahlkampf : Mehr Millionen für die Demokraten

          Im amerikanischen Wahlkampf läuft nichts ohne private Spenden. Diesmal haben die Demokraten beim Geldsammeln die Nase vorn. Doch der Enthusiasmus der Kleinspender bedeutet nicht automatisch auch einen Vorsprung bei der Wahl.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.