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Islam-Debatte : Jüdisch, ehrenhalber?

Zwei Rabbiner segnen im Dezember vergangenen Jahres den Chanukka-Leuchter vor dem Brandenburger Tor. Bild: dpa

Es sind vor allem Politiker der christlichen Parteien, die eine „jüdisch-christliche Tradition“ beschwören. Kann es sein, dass sie damit nicht nur die Muslime ausschließen, sondern auch die Juden beleidigen?

          Wenn ein Mensch zum anderen sagt: Du gehörst zu mir – dann ist das noch keine Liebeserklärung, aber viel fehlt nicht mehr dazu. Der Satz beschreibt mehr einen Wunsch als eine Wirklichkeit; er bekundet eine Absicht, wagt verbal den ersten Schritt. Was dann folgen könnte, wäre ein Arm um die Hüfte oder ein erster, noch sehr scheuer Kuss.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Christian Wulff ist nicht Deutschland und das Judentum keine Person, die man küssen könnte; aber als der Bundespräsident Wulff, am 3. Oktober 2010, sagte, dass „das Judentum zweifelsfrei zu Deutschland“ gehöre, war trotzdem eine gewisse Zärtlichkeit zu spüren. Der Satz begründete weniger einen Besitzanspruch; eher war er zu verstehen als Einladung und Bitte, sich, trotz allem, zugehörig zu fühlen zu diesem Land. Und das apodiktische „zweifelsfrei“ bedeutete nur, dass er, Wulff, im Namen Deutschlands diese Zugehörigkeit verteidigen würde gegen alle, die sie den Juden wegnehmen oder abstreiten wollten.

          Was bedeutete aber, in derselben Rede, die Formulierung von der „jüdisch-christlichen Geschichte“? Was meinte Horst Seehofer, als er sagte, Deutschland sei „kulturell und geschichtlich christlich-jüdisch geprägt“? Wovon sprach Alexander Dobrindt, als er versprach, die CSU wolle „die christlich-jüdische Prägung unseres Landes auch in Zukunft erhalten“? Was schließlich wollte die Kanzlerin uns mitteilen, als sie in ihrer Regierungserklärung sagte, es stehe „völlig außer Frage, dass die historische Prägung unseres Landes christlich und jüdisch“ sei?

          Aufenthalt und Durchreise verboten

          Meinten sie jene fast tausendjährige Tradition, die damit begann, dass die Christen, nachdem Papst Urban 1096 zum Ersten Kreuzzug aufgerufen hatte, den Krieg auch im eigenen Land anzettelten, indem sie, vor allem in den Städten am Rhein und Donau, deren jüdische Bewohner ermordeten und vertrieben und ganze jüdische Gemeinden auslöschten?

          Meinten sie die Rede von den Gottesmördern, den Brunnenvergiftern, die sich alle Juden, welche die ersten Pogrome überlebt hatten, von ihren christlichen Nachbarn anhören mussten, was für die Juden immer lebensgefährlich wurde, wenn es den Christen schlecht ging und Schuldige gefunden werden mussten – und noch viel schlimmer wurde es, als in den späten Vierzigern des 14. Jahrhunderts die Pest ausbrach. In dem hübschen kleinen Städtchen Weilheim, wo Alexander Dobrindt seinen Wahlkreis hat, gab es, wie die Chroniken berichten, im frühen Mittelalter eine jüdische Gemeinde. Nach dem Pestjahr 1349 lebte dort kein einziger Jude mehr. Und es dauerte fünfhundert Jahre, bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass Juden sich wieder in diese Ecke von Oberbayern trauten.

          Meinten die Politiker die Reformation, die zwar dem ermatteten und von der Korruption völlig ausgelaugten Christentum wieder neues Leben einhauchte, was aber auch auf Kosten der Juden geschah, denen das Leben im reformierten Deutschland schwer oder gleich unmöglich gemacht wurde? Im Kurfürstentum Sachsen war den Juden seit 1536 der Aufenthalt, die Durchreise und erst recht jede Erwerbstätigkeit verboten.

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