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Judith Hermann Meine Generation - was ist das eigentlich?

20.01.2003 ·  In einem Interview gibt die Schriftstellerin Judith Hermann erstmals Auskunft über ihr langes Schweigen und ihr neues Buch „Nichts als Gespenster“.

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Das erste Buch war ein Erfolg und ein Versprechen. Als Judith Hermanns schmaler Erzählungsband "Sommerhaus, später" vor gut vier Jahren erschien, waren sich die Kritiker nicht nur vollkommen einig, daß hier das wunderbare Buch einer jungen Autorin vorlag, sondern daß mit ihr eine neue Stimme in der deutschen Literatur aufgetaucht war, von der man noch viel erwarten durfte. Und seitdem wartete man. Und während "Sommerhaus, später" mehr als 250.000 Mal verkauft und in siebzehn Sprachen übersetzt wurde, schrieb Judith Hermann an ihrem neuen Buch, nach dem immer lauter gefragt wurde.

Ende Januar wird es erscheinen. "Nichts als Gespenster" heißt die wundersame Einlösung des Versprechens. Die Protagonisten sind älter geworden und glücklicher, die Geschichten länger, das Buch dicker, aber der Ton, der Ton ist der gleiche wie damals, als "Sommerhaus, später" erschien.

Frau Hermann, wo waren Sie eigentlich die letzten vier Jahre?

Ich war bis Herbst 1999 auf Lesereise, und dann hab' ich damit von einem Tag auf den anderen aufgehört, weil ich völlig erledigt war. Ich bin in ein Aufenthaltsstipendium nach Süddeutschland gegangen, habe versucht, das zweite Buch anzufangen, und nach zwei Wochen festgestellt, daß ich schwanger bin. Daraufhin hab' ich das Stipendium abgebrochen und bin zurückgegangen nach Berlin. Da habe ich aufgehört zu rauchen und demzufolge auch aufgehört zu schreiben. Im Sommer 2000 kam mein Kind auf die Welt, das habe ich sieben Monate gestillt und im März 2001 wieder angefangen zu schreiben. Im Oktober 2002 habe ich abgegeben.

Gut organisiert.

Es klingt jetzt organisiert, so ist es natürlich überhaupt nicht gewesen.

Und Rauchen und Schreiben ...

... ist absolut untrennbar.

Der Druck, unter dem Sie jetzt mit Ihrem zweiten Buch standen, ist der von außen gekommen oder haben Sie sich den selbst gemacht?

Sowohl als auch, glaube ich. Wenn man ein Buch geschrieben hat, das eine solche Resonanz bekommen hat, dann kann man sich des Gedankens nicht erwehren, man möchte mit dem zweiten Buch die Erwartung, die da aufgebaut worden ist, dann auch erfüllen. Ich konnte einen bestimmten Tenor der Rezensionen in den ersten anderthalb Jahren nicht ganz verdrängen.

Sie haben sogar einmal von einer "Heimsuchung" gesprochen, die der Zwang bedeute, die zu bleiben, als die man gelobt wurde.

Ja, so ist es auch, oder? Dieser Heimsuchung bin ich sicher erlegen. Das Kind hat dann alles neu zentriert. Ich glaube auch, daß ich nur deshalb schreiben konnte. Davor war es schon so, daß jeder Satz unfreiwillig von mir der Untersuchung unterzogen wurde, ob es ein Satz ist, der "traumwandlerisch sicher" ist, "schwebend melancholisch", der Satz einer "großen Autorin" und "der Sound einer neuen Generation". Kein einziger Satz konnte dem standhalten, ich mußte wieder alles löschen.

Sie haben mal gesagt, daß Sie sich bei Ehrungen als eine Art Heiratsschwindlerin fühlen.

Ja. Es hängt damit zusammen, daß ich keine Identität als Autorin hatte. Also daß ich nicht, seitdem ich siebzehn Jahre alt bin, geschrieben habe und mich selbst als eine Schriftstellerin betrachtet habe. Ich habe 1997 angefangen zu schreiben und bin in das Schreiben hineingeschlittert. Dann entstand 1998 sehr schnell und durch viele glückliche Umstände dieses Buch. Ich habe mich nicht als Autorin gefühlt, eher als jemand, der davon überrascht und auch überrollt wird. Dann war ich aber von außen plötzlich eine - mit nur einem Buch. Und ich wußte nicht, ob ich je in der Lage sein würde, ein zweites zu schreiben. Also fühlte ich mich natürlich wie ein Hochstapler, wie jemand, der etwas vortäuscht. Ich war nicht sicher, ob ich eigentlich schreiben kann oder ob dieses Buch nicht nur ein aus einem ganz akuten Lebensgefühl heraus entstandener psychotherapeutischer Verarbeitungsakt gewesen ist.

Bei "Sommerhaus, später" waren Sie anfangs in New York als Journalistin bei der Zeitschrift "Aufbau" und haben dann eine Erzählung geschrieben.

Ich habe sehr viele Briefe an meine Freunde und meine Familie geschrieben damals. Ich war in New York, und ich hatte Heimweh, und ich wollte trotzdem das Gefühl, dort zu sein, für mich bergen. Das bergen zu können, indem ich es aufschrieb, hat mich sehr beglückt. Und mit diesem Gefühl bin ich nach Deutschland zurückgekommen. Dann war ich mit der Journalistenschule fertig und hätte mich um eine feste Stelle bewerben müssen und merkte, daß ich das noch gar nicht wollte. Ich habe frei für das Deutschlandradio gearbeitet, ich war aber eigentlich ratlos und desorientiert. Dann habe ich von diesem Aufenthaltsstipendium in Wewelsfleth gehört und mich mit dafür geschriebenen Ansätzen zu Erzählungen beworben. Und als ich dieses Stipendium bekam, war ich eigentlich sehr erfreut und auch ein bißchen aufgeregt. Ich saß plötzlich in diesem Dorf auf dem Land und hatte in der ersten Woche täglich den Impuls, wieder abzureisen. Ich fand es plötzlich ganz schwachsinnig und fragwürdig. Und dann habe ich mit dem Schreiben angefangen. Das meine ich mit Hineingeraten. Es entstand eher aus einer gewissen Orientierungslosigkeit.

Uns hat gefallen, daß Sie in "Nichts als Gespenster" Berlin verlassen und dann so seltsame Städte aufsuchen wie Venedig, Reykjavik oder Tromsö.

Das hat sicher damit zu tun, daß ich selbst in den letzten vier Jahren so viel auf Reisen gewesen bin und daß Reisen bei mir eine bestimmte Form von konzentrierter Wahrnehmung auslöst und auch ein ganz guter Ausgangspunkt ist für die Geschichten, ein bestimmtes bewußteres und angespannteres Erleben. Und ich hatte keine Lust mehr, noch einmal Berlin-Geschichten zu schreiben, weil ich es nicht allzu sehr gemocht habe, mit "Sommerhaus, später" als Berlin-Buch festgelegt zu werden.

Beim Lesen fällt auf, daß Sie sich denselben Ton über die lange Zeit zwischen dem ersten Buch und "Nichts als Gespenster" bewahrt haben.

Für mich war es keine lange Zeit. Ich finde auch, daß sich am Ton nichts geändert hat, aber die Figuren und deren Verhalten haben sich verändert. Die neuen Figuren sind resignativer und trotzdem glücksfähiger. Vielleicht ist das auch eine bestimmte Form des Älterwerdens. Es gibt eine Verantwortung zwischen den Figuren, das gab es im ersten Buch nicht. Das war auch die einzige Veränderung, zu der ich fähig war.

Die Protagonisten der Geschichten reisen viel, aber das Motto ist ja die fast eingelöste Sehnsucht nach dem Ankommen.

Von Ankommen fühle ich mich sehr weit entfernt. Von der Sehnsucht nicht. Die Figuren der Geschichten sind mir da vielleicht ähnlich. Die letzte Geschichte ist meine Lieblingsgeschichte, weil sie so glücklich ausgeht, obwohl das Ankommen immer noch fragwürdig bleibt, und deshalb steht sie bewußt am Ende des Buches.

Man erkennt viele Dinge aus dem ersten Buch wieder und fragt sich, ob sich das Land in der Zwischenzeit verändert hat. Hat es das?

Ich kann da nur auf eine vermutlich sehr egoistische Weise von mir selber ausgehen - was mein Leben angeht, hat sich in Deutschland nichts Wesentliches verändert. Die Dinge, die sich verändert haben, haben mit meinem kleinen sozialen Umfeld zu tun, und das, was in Deutschland oder weltweit passiert ist, hat sich noch nicht auf mein Leben ausgewirkt. Insofern habe ich nicht das Gefühl, das in meinen Geschichten unterbringen zu müssen.

Ist der Begriff der "Generation" wichtig für Sie?

Ich weiß gar nicht, was das sein soll - meine Generation. Gerade diesen Ausdruck, den Sound einer neuen Generation, das empfand ich immer als komisch. Vielleicht aber vor allem weil ich das Wort Sound nicht mag.

Sie sind fast nie im Fernsehen aufgetreten. Warum?

Weil ich das unvereinbar finde: Literatur und Fernsehen. Ich besitze auch keinen Fernseher. Ich bin aber auch in einer privilegierten Situation - ich habe genug Aufmerksamkeit für dieses zweite Buch.

Aber das Literarische Quartett hat doch sehr viel für "Sommerhaus, später" getan.

Ja, ich will den literarischen Fernsehsendungen ihren markttechnischen Wert gar nicht absprechen, ohne diese Sendung hätte das Buch nie den Erfolg gehabt, man kann das ganz direkt nachweisen.

Sie sind eine Meisterin der ersten Sätze. Sind die auch als erstes da?

Eigentlich ist der Titel als erstes da. Ich weiß anfangs einen bestimmten Moment der Geschichte, um den herum eine Situation entsteht, ein Ort, ein Gerüst. Dann weiß ich den Titel, und wenn ich den ersten Satz habe, kann ich anfangen zu schreiben.

Denken Sie auch an die Leser während des Schreibens? Oder gibt es jemanden, für den Sie schreiben?

Es gibt drei oder vier Menschen, für die ich schreibe. An den Leser denke ich eigentlich nicht.

Haben Sie ein Büro oder schreiben Sie zu Hause?

Ich habe seit kurzem eine Arbeitswohnung. Das ist mir leider zu spät eingefallen, ich hätte das schon viel früher so lösen sollen. Ich habe zu Hause geschrieben, aber das war kompliziert mit einem sehr kleinen Kind. Also bin ich für dieses Buch zweimal längere Zeit allein weggegangen, und das Kind ist mit seinem Vater und meinen Eltern in Berlin geblieben. Ich war in Aufenthaltsstipendien in Amsterdam und in Island, sonst wäre ich nicht fertig geworden.

Sie haben schon ziemlich früh gesagt, daß das zweite Buch wieder Erzählungen sein werden. Wieso?

Weil ich nicht das Gefühl hatte, beim Schreiben von "Sommerhaus, später" alles begriffen zu haben, was man über eine Kurzgeschichte begreifen muß. Weil ich einfach sehr gerne noch einmal Kurzgeschichten schreiben wollte. Und weil ich weiß, daß das, was mich interessiert und ich aufschreiben kann, bestimmte, so kleine Momente sind, die gar nicht tragfähig wären für einen Roman. Und obwohl die Geschichten diesmal deutlich länger sind, sind sie doch immer irgendwann zu Ende.

Ist das ein Vorantasten zu einer größeren, einer Romanlänge?

Vielleicht.

Es gab in der DDR Programme, Schriftsteller mit präzisen Geschichtsaufträgen in ein Kombinat zu schicken ...

So etwas fände ich manchmal ganz schön. Ich würde mir manchmal wünschen, daß jemand von Außen käme, wie bei einem Schulaufsatz, und mir drei Themen gäbe, die Personen, den Ort, und dann müßte ich eine Geschichte versuchen.

Fürchten Sie Rezensionen?

Ich habe so wenig schlechte Kritiken bekommen zu "Sommerhaus, später", daß ich gar nicht weiß, wie ich mit schlechter Kritik eigentlich umgehen kann. Die schlechten Kritiken, die es gab, kamen zu einem Zeitpunkt, zu dem ich mit den guten Kritiken so übersättigt war, daß ich fast dankbar darüber war. Es gab eine sehr gereizte Kritik aus Österreich, der Journalist fand das Buch scheußlich und schrieb am Schluß den schönen Satz: Man hat Judith Hermann zu Tode gelobt, man sollte sie zum Leben kritisieren, es steckt Talent in ihr. Bei diesem Journalisten hätte ich mich gerne bedankt, denn ganz genauso habe ich mich gefühlt - talentiert. Nicht mehr und nicht weniger.

Wird das dritte Buch schwieriger als das zweite?

Im Moment kommt es mir so vor, ja. Mein großes Glücksgefühl hat sich schon wieder in Luft aufgelöst und die Erleichterung darüber, daß ich es tatsächlich geschrieben habe, ebenso. Ich habe sehr große Angst vor dem dritten Buch gerade. Aber das ist ja auch etwas Schönes, daß man immer wieder ganz von vorne beginnen kann. Auch dieses zweite Buch wird eine Position einnehmen, von der sich das dritte dann wieder abheben muß, es ist eine Sisyphus-Situation, den Stein immer wieder von vorne den Berg hinaufzurollen. Ich will das gerne machen, glaube ich.

Das Interview führten Nils Minkmar und Volker Weidermann.
Das Buch: Judith Hermann, „Nichts als Gespenster“, Erzählungen, geb., 256 S., S. Fischer, Frankfurt am Main 2003, EUR 17,90

Quelle: Gekürzte Fassung des Interviews aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 19. Januar 2003
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