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Jubilare Ein Aktenordner voller Angriffe

15.08.2002 ·  Naiv sei sie gewesen, sagt Leni Riefenstahl im Interview mit Arte, das ihr einen Themenabend widmet. Ausgenutzt von Hitler aber fühlt sie sich nicht.

Von Jörg Thomann
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„Es macht mich traurig.“ Das sagt Leni Riefenstahl, die demnächst 100 Jahre alt wird, über ihren Geburtstag am 22. August. Traurig deshalb, weil ihr langes Leben ihr so schwer erscheint. Es wäre schöner gewesen, so Riefenstahl, „wenn der liebe Gott mich geholt hätte auf dem Höhepunkt meines Schaffens“. Das war für die Regisseurin der 1. September 1939, der Tag, als Deutschland Polen überfiel und an dem Leni Riefenstahl tatsächlich ganz oben war: auf einem Berggipfel in den Dolomiten. Alles, was danach kam, ist für sie „ein stetiger Abstieg“ gewesen.

Ihre bekanntesten und umstrittensten Filme, „Triumph des Willens“ über den NS-Parteitag und ihren Olympia-Zweiteiler, hatte Riefenstahl da längst gedreht. Distanziert hat sie sich nie von ihnen, auch nicht gegenüber der Interviewerin Sandra Maischberger, die sie im Auftrag des ZDF und Arte besucht hat. „Ich sehe ihn nicht politisch“, sagt die Regisseurin über den „Triumph des Willens“. In der Liste der Riefenstahl-Filme, die das Fernsehen rund um ihr Jubiläum ausstrahlt, taucht der „Triumph“ allerdings, mit gutem Grund, nicht auf.

Ein Aktenordner Angriffe

Dafür aber, nach knapp 50 Jahre währender Schaffenspause, ein neuer Riefenstahl-Film: „Impressionen unter Wasser“. Gezeigt wird das als Dokumentarfilm angekündigte Werk - siehe Kritik - an diesem Donnerstag um 22.55 Uhr bei Arte im Rahmen eines Riefenstahl-Themenabends. Darin zu sehen sind auch Riefenstahls Spielfilm „Das blaue Licht“ (1932, um 0.40 Uhr) und ihr Zwiegespräch mit Sandra Maischberger (23.40 Uhr), das recht einfallslos „Der Künstler und die Macht“ betitelt ist.

Maischberger trifft die Regisseurin nicht im Studio, sondern bei Riefenstahl daheim. Der Hausbesuch wird zur Besichtigung eines Lebens: von den Nuba-Fotos an der Wand über die Regale mit Aktenordnern - einer davon trägt das Stichwort „Angriffe“ - bis zum höchstmodernen Arbeitsplatz der Künstlerin, die sich gerade im Schnitt am Computer übt. Entsprechend sprunghaft verläuft zunächst das Gespräch. Ruhiger wird es erst, als die Damen auf der Sitzgruppe Platz nehmen, Riefenstahl vor ihrem Bücherregal. In der Nahaufnahme sieht man direkt neben ihrem Gesicht - Zufall oder sorgsam arrangierte Symbolik? - einen Buchrücken mit der Aufschrift „Century“.

Gequälte Penthelisea

Leni Riefenstahl: eine von manchen vergötterte, von anderen verachtete Jahrhundertfigur voller Widersprüche, die auch hier nicht verborgen bleiben. Kleists Penthesilea wollte Riefenstahl immer verfilmen, Inbegriff der starken Frau für sie und Geistesverwandte; sie selbst aber will „immer froh“ gewesen sein, „wenn ich gut geführt wurde“. Zum „Triumph des Willens“ sei sie von Hitler „gezwungen worden“, sagt sie einmal; „ausgenutzt“ aber, heißt es später, habe jener sie „überhaupt nicht“. Als „Quälerei“ empfand sie die Dreharbeiten, bei denen sie dennoch ihr Bestes gab: „Es liegt mir nicht, Schlechtes zu machen.“

Einmal in ihrem Film benutzt Maischberger einen solchen Widerspruch, um ihre Gesprächspartnerin vorzuführen. „Was es für eine Wirkung hat, darüber habe ich mir doch keine Gedanken gemacht“, behauptet Riefenstahl wiederum zum „Triumph des Willens“. Prompt folgt ein Gegenschnitt auf die Regisseurin, die sich ihren eigenen Film nochmals ansieht und von der trefflichen „Wirkung der Fahrstuhl-Aufnahme“ schwärmt.

Hitler war nicht ihr Typ

Einigen können sich die beiden Frauen jedenfalls darauf, dass Riefenstahl, wie Maischberger mutmaßt, sich außer für ihre Arbeit für „fast gar nichts“ interessiere: „Das stimmt ziemlich“, bestätigt Riefenstahl. Ihre Arbeit ist auch das Interessanteste an der Person Leni Riefenstahl - weit interessanter jedenfalls als die Zahl ihrer sexuellen Beziehungen, nach der Sandra Maischberger die fast 100-Jährige allen Ernstes fragt. Adolf Hitler übrigens zählte nicht dazu, wie Riefenstahl versichert. Der nämlich war „äußerlich auf keinen Fall der Typ, der mir als Mann gefallen hätte“. Und was war mit den inneren Werten?

„Ich bin in gewisser Beziehung vielleicht naiv, das wird mir manchmal nachgesagt“, sagt Riefenstahl ganz am Anfang des Gesprächs, und beinahe - aber eben nur beinahe - nimmt man es ihr auch ab, wenn sie beteuert, sie habe stets nur „einfach das gefilmt, was mir gefallen hat“: ob es afrikanische Krieger waren, deutsche Olympioniken oder NSDAP-Parteisoldaten. Oder auch exotische Meeresbewohner, wie in ihrem neuen Film „Impressionen unter Wasser“. Ein Dokument, das in 45 Minuten zusammenfasst, wie Leni Riefenstahl die Welt sieht - und wie sie selbst gesehen werden möchte.

Der Themenabend „Leni Riefenstahl“ läuft am Donnerstag, 15.8., bei Arte. Den Anfang machen um 22.55 Uhr die „Impressionen unter Wasser“.

Quelle: @jöt
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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