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Journalismus : Die Wahrheit ist den Lesern zumutbar

Alles im Blick, nur die Zuschauer nicht: Blick in den Regieraum eines Fernsehsenders. Bild: dpa

Das Jahr der Flüchtlingskrise hat gezeigt, dass viele Journalisten ihrem Publikum nicht trauen. Sie berichteten nicht, was Sache ist – aus Furcht vor Applaus von der falschen Seite. Doch das ist gefährlich.

          Seit sich vor einem Jahr die Grenzen öffneten und Millionen Menschen auf der Flucht nach Deutschland kamen, hat sich nicht nur das Land verändert, sondern auch der Journalismus. Das aber liegt nicht ursächlich an der Flüchtlingskrise, sondern daran, dass diese ein schon lange unter der Oberfläche schwelendes Medienleiden offen zutage treten ließ: den Vertrauensverlust.

          Wer die Nachrichtenlage der vergangenen zwölf Monate Revue passieren lässt, muss zu dem Schluss kommen: Viele Journalisten haben das Vertrauen in sich, ihre Fähigkeiten, ihre Aufgabe, die Zukunft ihrer Zunft verloren, vor allem aber das Vertrauen in ihre Leser, Zuhörer und Zuschauer – weil diese vermeintlich allen Journalisten nicht mehr vertrauen. Die Zweifel auf beiden Seiten wiederum wurzeln in der digitalen Umwälzung unseres Nachrichtenwesens und im Misstrauen der politisch Enttäuschten gegenüber dem, was sie gerne pauschal „das System“ nennen, was wiederum zum Aufstieg von Pegida und AfD führte.

          Was die Falschen richtig finden können

          Und als wäre all das nicht Sorge genug, kamen noch die Flüchtlinge, millionenfach. Die Berichterstattung, die ihr Ankommen begleitete, spiegelte prompt nicht nur die überwältigende, für viele wohl überraschende Hilfsbereitschaft wider, sondern vor allem die bange Sorge, dass man jetzt nicht zum Thema machen dürfe, was die Falschen richtig finden könnten. Es wirkte, als fürchteten viele Redaktionen, dass die Lügenpresse-Schreier inzwischen etwas wie eine Mehrheitsmeinung verträten und das Medienpublikum durch die Bank geistig verfasst wäre, wie es Verfasser von Hasskommentaren sind, die sich im Internet herumtreiben und mit denen sich Journalisten – zugegeben – jeden Tag herumschlagen müssen. Nicht nur, wenn es um NS-Vergangenheit, Flüchtlinge, den Staat Israel, den Ukraine-Konflikt oder Islamismus geht, dann aber besonders.

          Es hilft aber nicht weiter, wenn Journalisten mit einer Mischung aus Resignation und der Panik, irgendwie mithalten zu müssen, auf das starren, was an Echtzeit-Nachrichtenstrom in den sozialen Netzwerken von Jedermann erzeugt wird, und was der Wahrheitsfindung ebenso dienen kann wie der Verbreitung von Gerüchten oder gezielten Propaganda via tatsächliche oder gefälschte Profile in sozialen Netzwerken, Fake-Medienseiten, Nachrichtenbots und Klickfabriken. Niemandem ist gedient, wenn etwa das öffentlich-rechtliche Fernsehen Twitter Live spielt, wenn es von einem vermeintlichen Terrorangriff in München nichts zu berichten gibt. Oder sich Medien einer bleierne Berichtsbeklemmung hingeben, wenn in Köln ein Massenverbrechen mit Migranten als Tätern geschieht.

          Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Wenn Medien ihrer Aufgabe in der Demokratie gerecht worden wollen, müssen sie zuerst einmal das eine: ihrem Publikum vertrauen. Mediennutzer sind nicht so naiv, jeder Propaganda hinterherzurennen, sie können Recherche und Effekthascherei unterscheiden, und wer daran nicht glaubt, sondern lieber fürsorglich lenkend berichten will, füttert genau das Monster des Misstrauens, das er fürchtet.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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