10.12.2003 · Der Kampf gegen das Vergessen ist Kampf gegen die Macht: Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún ist längst zu einer moralischen Instanz geworden - ohne daß er dies je angestrebt hätte. An diesem Mittwoch wird er achtzig.
Von Walter Haubrich"Zwanzig Jahre und ein Tag" heißt der jüngst in Spanien erschienene Roman von Jorge Semprún. Zwanzig Jahre und ein Tag Gefängnis wäre die Mindeststrafe gewesen, zu der Semprún wegen seines Kampfes im Widerstand gegen die Franco-Diktatur verurteilt worden wäre - wenn ihn die politische Polizei des Diktators denn Ende der sechziger Jahre im spanischen Untergrund gefaßt hätte.
Jorge Semprún, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert, hat keinen einzigen Tag in den Kerkern Francos verbringen müssen. Sein Nachfolger an der Spitze der Untergrundorganisation, Julián Grimau, wurde in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt und in einem Madrider Gefängnishof hingerichtet. Semprún hat gegen mehrere totalitäre Diktaturen gekämpft: in der französischen Résistance gegen die Besatzungstruppen aus Nazi-Deutschland, die ihn festnahmen, folterten und ins Konzentrationslager Buchenwald brachten. Aus der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE), der er unter dem Decknamen Federico Sánchez beigetreten war, um den Widerstand gegen das faschistische Regime Francos zu organisieren, wurde er ausgeschlossen, weil er als einer der ersten - und immerhin als Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros - den Stalinismus kritisierte und eine innerparteiliche Demokratisierung forderte. Um die spanische Demokratie machte er sich sodann als Minister der Regierung González verdient.
Leben für die Politik
Sein ganzes Leben, so könnte man meinen, habe Jorge Semprún der Politik gewidmet: in der französischen Résistance, im spanischen Untergrund, beim Aufbau einer ebenso kämpferischen wie intellektuellen Opposition und schließlich als Mitglied einer gewählten Regierung. Doch eigentlich wollte er schon in seiner frühesten Jugend, schon vor seinem Philosophiestudium in Paris, Schriftsteller werden. Und als Schriftsteller, als zweisprachig schreibender Romancier - französisch und spanisch - wurde er bekannter denn als Freiheitskämpfer oder Politiker.
Die meisten Romane Semprúns beziehen sich auf sein ereignisreiches Leben, und oft hat ihm sein überaus aktives und gefährliches Engagement keine Zeit zum Schreiben gelassen. Doch war für ihn das Schreiben aus der Erinnerung an das Erlebte mindestens genauso wichtig wie die Erlebnisse selbst: Im Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen sieht er auch den Kampf des Menschen gegen die Macht.
Schreiben oder leben
"L'écriture ou la vie" heißt ein vor neun Jahren erschienener Roman. "Schreiben oder Leben" ist eine Frage, die sich der Schriftsteller und Politiker oft stellen mußte, etwa nach seiner Befreiung aus Buchenwald, als er zunächst den noch frischen Erinnerungen ausweichen wollte und sich in Paris auf die politische Aktivität und die intellektuelle Debatte stürzte. Manchmal bedrängte ihn aber auch die Erinnerung so sehr, daß er schreiben mußte, um leben, um weiterleben zu können. Doch die Rolle des Überlebenden wollte Semprún nicht übernehmen. "Der Tote mit meinem Namen" erzählt von dem Argwohn, dem Mißtrauen oder sogar der Verleumdung, die Überlebenden selbst in demokratischen Ländern begegnen konnten.
Buchenwald ist der Schauplatz von vier erzählerischen Werken Semprúns: "Die große Reise", "Was für ein schöner Sonntag", "Schreiben oder Leben", "Der Tote mit meinem Namen". Auf einem Friedhof zwischen Weimar und Buchenwald wurde vor einigen Jahren Semprúns Theaterstück "Deutschland - bleiche Mutter, zarte Schwester" uraufgeführt. Jorge Semprún hatte schon als Kind Deutsch gelernt; wie in vielen wohlhabenden und kultivierten spanischen Familien war auch im Hause seines Vaters, eines Ministers der Republik und späteren Botschafters, eine deutsche Erzieherin tätig. Trotz des Aufenthalts in Buchenwald, der Folterverhöre von Gestapo und Feldgendarmerie sind bei Semprún keine antideutschen Ressentiments zu finden. Im Gegenteil: Mit der deutschen Literatur und Philosophie hat er sich sein ganzes Lebens lang beschäftigt.
Sprache des Antifaschismus
Das Deutsch von Autoren wie Heine, Husserl, Marx und manchen anderen sei für ihn die Sprache des Antifaschismus, hat er häufig gesagt. In diesen Tagen bringt Suhrkamp den Band "Blick auf Deutschland" heraus. Er enthält gesammelte Reden zu Deutschland, von seiner ersten Teilnahme bei den Römerberggesprächen (1986) bis zu seiner großen Rede im Bundestag in diesem Jahr zur Erinnerung an den Holocaust. Von der Zeit in der Führung der kommunistischen Partei und von seinen Jahren als Mitglied in einer demokratisch-sozialistischen Regierung handeln die autobiographischen Werke "Autobiografía de Federico Sánchez" (1977) und "Federico Sánchez se despide de ustedes" (1993). In mehreren Romanen verbinden sich die Erlebnisse des Autors aus verschiedenen Zeiträumen, stehen die Erfahrungen mit faschistischen und stalinistischen Regimen nebeneinander. Semprún hat aber auch Bücher geschrieben, in denen er nicht selbst vorkommt, nicht einmal unter einem seiner zahlreichen Decknamen. Dazu gehören "Der zweite Tod des Ramón Mercader" (1968) und "Netschajew kehrt zurück" (1987). In den drei Ländern, für die sich Semprún am meisten interessiert, in Spanien, Frankreich und Deutschland, ist der lebensfrohe, allem Neuen gegenüber offene und seinen zahlreichen Freunden stets zugängliche Mann der Tat, der ebenso amüsante wie nachdenkliche Erzähler längst zu einer moralischen Instanz geworden - ohne daß er dies je angestrebt hätte.